Das geht unter die Haut
Tattoos sind heute allgegenwärtig, trotzdem lösen sie starke Reaktionen aus. Bis zum 13. September zeigt die Ausstellung „Unter die Haut: Tattoos im Blick“ in den Rüsselsheimer Opelvillen die Geschichte hinter Tattoos. STUZ-Autorin Caroline Alberta Glabacs war vor Ort.
Hamburg, Anfang der 1960er-Jahre: Zwischen Hafenkneipen, Seemannsgarn und dem rauen Leben der Reeperbahn fällt ein Mann auf. Seine Hände, Arme, Brust und Beine sind von Bildern bedeckt: Anker, Herzen, Schwalben, exotische Motive. Wer ihm begegnet, blickt nicht nur auf einen tätowierten Menschen, sondern auf ein lebendiges Kunstwerk. Sein Name ist Herbert Hoffmann. Schon als junger Mann faszinierte ihn die Welt der Tätowierten. Während andere in den kunstvoll verzierten Körpern etwas Anstößiges sahen, erkannte er darin Schönheit und Charakter. Der 1919 geborene Hoffmann überstand Krieg und jahrelange Kriegsgefangenschaft, bevor er die älteste Tätowierstube Deutschlands führte. Doch Hoffmann war mehr als Tätowierer. Mit seiner Kamera porträtierte er über 400 tätowierte Menschen und schuf ein einzigartiges Archiv aus fast 3.000 Fotografien. Eine Auswahl seiner Werke gibt es in den Opelvillen in Rüsselsheim zu bestaunen. Hier stellen 14 Künstlerinnen und Künstler aus sieben Ländern auf zwei Stockwerken 120 Werke zum Thema Tätowierungen aus.
Tinte durch die Zeit
Tätowierungen begleiten die Menschheit länger als das moderne Tattoo bekannt ist. Die Ausstellung „Unter die Haut: Tattoos im Blick“ zeigt die chronologische Entwicklung von der Neuzeit bis heute. Das Wort „Tattoo“ stammt vermutlich vom polynesischen Begriff „tatau“ ab, was so viel wie „markieren“ oder „schlagen“ bedeutet. In vielen Kulturen hatten Tattoos eine spirituelle und gesellschaftliche Bedeutung. Tattoos waren kein bloßer Körperschmuck, sondern eine Form des Selbstausdrucks. Durch die Seefahrer verbreitete sich das Tätowieren in Europa, wobei sich besonders Matrosen tätowieren ließen. Anker standen für Hoffnung, Schwalben für sichere Heimkehr oder zurückgelegte Seemeilen. Die Hautbilder wurden zu Erinnerungen an Reisen und Erlebnisse. Man erfährt auch, dass die bekannte Gletschermumie Ötzi zahlreiche Tätowierungen an seinem Körper aufwies.
Entgegen allen Vorurteilen
Gleichzeitig entwickelte sich eine dunklere Bedeutungsebene. Im 19. und 20. Jahrhundert tauchten Tätowierungen zudem im Gefängnismilieu auf. Bestimmte Symbole standen für Zugehörigkeit, Straftaten oder Rangordnungen innerhalb krimineller Strukturen. Die wohl grausamste Form der Tätowierung fand während des Nationalsozialismus statt. In Konzentrationslagern wurden Gefangene tätowiert und auf Nummern reduziert, wobei die gestochenen Markierungen zur Entmenschlichung missbraucht wurden. Darin zeigt sich die zwiespältige Geschichte von Tattoos. Sie können Freiheit, Individualität und Kultur symbolisieren, aber auch Kontrolle, Gewalt und Stigmatisierung. Viele Vorurteile gegenüber Tätowierten stammen aus diesen historischen Entwicklungen. Lange galten Tattoos in Europa als Zeichen von Kriminalität, Rebellion oder sozialem Außenseitertum. In manchen Glaubensrichtungen gelten Tätowierungen als unrein oder stellen verbotene Eingriffe in die göttliche Schöpfung dar. Die Ausstellung berichtet von dieser Geschichte, zeigt durch die eindrucksvollen Fotographien aber auch, welch ein vielfältiges Klientel die Tätowierkunst anzieht: den praktizierenden Chefarzt oder die Hausfrau der 60er Jahre.
Tattoos im Museum
Besonders im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Tattoo-Kunst weiter. Verschiedene Stilrichtungen entstanden, darunter Traditional, Irezumi, Blackwork, Fineline, Chicano und Realism. Die gestochenen Werke wurden fester Teil unterschiedlicher Subkulturen: von Punk und HipHop bis zur Skate-, Rock-, und Underground-Szene. Es entwickelte sich eine eigenständige Kunstform, die weltweit begeistert und zu Tattoo-Conventions einlädt. Für viele Menschen ist der Körper zu einer Leinwand geworden, die es zu schmücken gilt. Apropos Leinwand: In der Ausstellung lernt man auch andere Formen der Tattookunst kennen, beispielsweise die mit Tätowiernadeln bestochenen Leinwände der Künstlerin Sarah Dubná. Durch Stechen, Kratzen und Perforieren lässt sie die Grenzen zwischen Zerstörung und Heilung verschmelzen.
Es ist spannend zu sehen, wie die Ausstellung konservative Denkweisen herausfordert, indem das Thema Tattoos in klassische Sphären gebracht wird. Die Exponate beschäftigen sich nicht nur mit der Ästhetik, sondern betrachten die Tattoo-Kunst aus einem künstlerischen Blickwinkel. Zu sehen sind Fotografien, Zeichnungen und Videos, die bestehende Vorurteile aufbrechen, indem sie Menschen aus einer unerwarteten Perspektive zeigen oder eine tiefere, künstlerische Bedeutungsebene offenlegen.
WTF
Blackwork: Ausschließlich in tiefem Schwarz gestochene Motive, oft werden Flächen geschwärzt und es wird mit Kontrasten zur freigelassenen Haut gearbeitet.
Chicano: Fotorealistische Motive aus der mexikanisch-amerikanischen Kultur, die ausschließlich in feinen Schwarz-Grau-Schattierungen gestochen werden; beinhalten Symbole aus der Kultur, dem Glauben, der Familie und den Herausforderungen des Lebens.
Fineline: Minimalistischer Stil, der sich durch dünne, präzise Linien auszeichnet; schwache oder gar keine Schattierungen.
Irezumi: Traditioneller japanischer Stil; charakterisiert durch großflächige, erzählerische Kompositionen, die Mythen, Natur und Folklore verbinden.
Realism: Möglichst naturgetreue, fotorealistische Abbildung in Black-and-Grey oder in Farbe.
Traditional: Extrem dicke, schwarze Konturlinien, kräftige, flächige Farben und eine meist simple, auf das Wesentliche reduzierte Darstellung.
Foto: Herbert Hoffmann


