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Gesellschaft Mainz

Ankommen – Mitkommen – Weiterkommen

Ein vor zehn Jahren in der Mainzer Oberstadt gegründeter Verein zeigt, wie Integration gelingen kann. Es handelt sich um die Ökumenische Flüchtlingshilfe Oberstadt e. V.
Der Vorsitzende Bruno Hoffmann gewährt Einblicke in einen Ort voller Teilhabe und neuer Perspektiven.

von Ulrich Nilles

Läuft man die Berliner Straße in Mainz entlang, ahnt man nicht, dass sich hinter der Hausnummer 39a im Souterrain der Kirche St. Jakobus das „Interkulturelle Bildungs- und Begegnungszentrum Oberstadt“ (IBBO) befindet. Dessen Träger ist die „Ökumenische Flüchtlingshilfe Oberstadt e.V.“ (ÖFO). „Satzungsgemäß haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung dabei zu unterstützen, in unserem Land Fuß zu fassen“, erklärt ihr Vorsitzender Bruno Hoffmann und fügt an: „Unser Ziel ist es, dass die Zugewanderten ihre eigene Kultur bewahren können und zugleich unsere gesellschaftlichen Ideale, wie sie sich aus unserem Grundgesetz ergeben, aktiv mittragen.“

In der Praxis bedeute das, auf den Kompetenzen der Menschen aufzubauen und sie zu befähigen, ihren Platz in der hiesigen Gesellschaft zu finden. So schildert Dr. Karoline Pietrzik, interkulturelle Trainerin im Projekt U-MUT der ÖFO, den konzeptionellen Ansatz: „Das Ziel ist Empowerment!“ Während andere Einrichtungen nur einen Integrationsaspekt berücksichtigen, geht die ÖFO ganzheitlich vor. Über den Spracherwerb hinaus erhält die Zielgruppe unter anderem berufliche, psychosoziale und aufenthaltsrechtliche Beratung im IBBO. „Deshalb finden die Menschen den Weg zu uns“, unterstreicht Hoffmann die umfassende Vorgehensweise des Zentrums. Und wenn am Standort keine direkte Hilfe möglich ist, bietet die Organisation Verweisberatung an, etwa bei medizinischen Fragen. Sie stützt sich dabei auf ein umfangreiches Netzwerk von Kooperationspartnern.

U-MUT – Ein Leuchtturmprojekt
Eine für die ÖFO typische Biografie hat Sercan Öztürk. 2019 kam er als Geflüchteter nach Deutschland und lernte Deutsch. Zwei Jahre später wurde er vom Verein eingeladen, bei einer Präsentation über hochqualifizierte Migranten mitzuwirken. „Diese Einladung auf Augenhöhe hat mir deutlich gemacht, dass meine Expertise anerkannt wird“, erzählt Öztürk. Heute ist er Projektleiter von U-MUT, dem größten Trägerprojekt der ÖFO und stellvertretender Vorsitzender des Vereins. „U-MUT ist ein Wortspiel aus Umut, türkisch für Hoffnung, und dem deutschen Wort Mut. Die Zugewanderten bringen Hoffnung mit und wir geben ihnen Mut, ihren Weg zu gehen“, erläutert Öztürk.

„Spracherwerb ist der erste Schritt“, stellt Projektkoordinatorin Pietrzik fest. In der Folge biete man Workshops mit zertifizierten Modulen zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt an. Teilnehmende präsentieren ihre beruflichen Hintergründe und Ziele, simulieren Vorstellungsgespräche mit professionellen Trainer:innen, nehmen an interkulturellen Trainings teil und üben Selbst- sowie Zeitmanagement. „Dabei ist Partizipation für uns ein wesentlicher Gesichtspunkt“, sagt die Projektkoordinatorin. Denn ehemalige Teilnehmende wirken heute aktiv im Projekt U-MUT mit. Die Liste des ÖFO-Teams liest sich wie ein Abbild unterschiedlicher kultureller Wurzeln. Darunter finden sich die Sprachen Arabisch, Dari, Farsi, Russisch, Polnisch und Türkisch, „was uns die Kontaktaufnahme zu unseren Teilnehmenden erheblich erleichtert“, ergänzt Hoffmann.

Die EU und weitere Unterstützer
U-MUT ist für die Außendarstellung der ÖFO von großer Bedeutung. Es wird aus Mitteln des „Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF)“ der EU finanziert. „Niemand hat uns zugetraut, dass wir als kleine Organisation ein so komplexes Projekt erfolgreich beantragen und umsetzen könnten“, berichtet der Vereinsvorsitzende stolz. Man habe Fördermittel in Höhe von über einer Million Euro nach Rheinland-Pfalz geholt und sich damit großen Respekt verschafft. Die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen beteiligen sich durch Kofinanzierung an U-MUT.
Auch für die Stadt Mainz ist der Verein ein Ansprechpartner. Im Rahmen der arbeitsmarktpolitischen Maßnahme „Arbeitsgelegenheiten“ trägt das Jobcenter Mainz die Kosten für den Einsatz und die Betreuung von arbeitslosen Geflüchteten auf elf von der ÖFO ausgesuchten Einsatzstellen, darunter drei Kindertagesstätten. Dabei geht es um die stufenweise Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Außerdem unterstützt die Stadt zusammen mit zwei Stiftungen das Projekt „AzubiGo!“, das junge Menschen während ihrer beruflichen Ausbildung begleitet. Das Integrationsministerium Rheinland-Pfalz fördert den Betrieb des Bildungszentrums seit seiner Gründung.

Stabil in die Zukunft
Nach Jahren starken Wachstums sieht Hoffmann eine zentrale Aufgabe in der inneren Stabilisierung: „Die Strukturen müssen gefestigt werden, damit die bestehenden Projekte verlässlich und professionell laufen.“ Parallel dazu entwickelt die ÖFO das Folgekonzept „U-MUT plus“. Es knüpft an die Erfahrungen des bisherigen Projekts an und ergänzt dieses um weitere Bausteine. „U-MUT plus ist für uns sehr wichtig, weil es uns zumindest mittelfristig die Finanzierung sichert.“

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