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Kultur Wiesbaden

Zwischen Wiesbaden, Darmstadt und der Welt

Zwei Theater, ein Ballett. Als gemeinsames Ensemble der Staatstheater in Wiesbaden und Darmstadt begeistert das Hessische Staatsballett mit zeitgenössischem Tanz auf höchstem Niveau. STUZ hat Ensemblemitglied Bridget Lee in ihrem Probenalltag begleitet.

von Tim Porzer

Draußen ist es ein grauer Dienstagmorgen, während drinnen die müden Körper zum Rhythmus der Musik in Bewegung kommen. Im Untergeschoss des Staatstheaters Wiesbaden steigern die 25 Tänzerinnen und Tänzer des Hessischen Staatsballetts die Schwingungen rasch zu waghalsigen Balanceakten. Was wie ein Fluss aus Bewegungen aussieht, soll sich wie ein Fluss aus Energie anfühlen, moderiert Ballettmeister Luc Jacobs das einstündige Aufwärmprogramm. Einige haben die Augen geschlossen, andere geöffnet, bei einigen geht die Streckung von der Zehenspitze über die Gesichtszüge bis in den Haaransatz, während sie ihre Körper scheinbar mühelos in faszinierende Figuren lenken. Aus dem reichen Repertoire an Bewegungsformen entwickelt sich eine Fülle von Expressionsmöglichkeiten. Mal sind es schnelle Bewegungen, dann wird wieder jede Streckung ausgedehnt. Jede und jeder interpretiert die Anweisungen Jacobs‘ individuell und so ergibt sich ein faszinierendes Zusammenspiel aus Bewegungen, das die Ensemblemitglieder zugleich auf die nachfolgende Probe vorbereitet.

Nach einer 20-minütigen Pause geht es für einen Teil des Ensembles direkt in den Probenbetrieb: Die nächste internationale Tournee mit drei Auftritten in Barcelona steht bevor. Dort tanzen neue Besetzungen, erklärt Ballettdirektor Bruno Heynderickx. Teil der Besetzung ist auch Bridget Lee. Die 25-jährige Tänzerin aus Ohio (USA) hat ihre Ausbildung an der Royal Winnipeg Ballet School in Kanada absolviert und ist nach Stationen in Stuttgart und Vancouver seit der Spielzeit 2023/2024 Mitglied im Ensemble des Hessischen Staatsballetts. Nach der Ausbildung im klassischen Ballett hat sie sich bewusst für zeitgenössischen Tanz entschieden. „Contemporary Dance ermöglicht eine Form von Freiheit. Du kreierst deine eigene Welt und es umfasst einen größeren Interpretationsreichtum. Es gibt mehr Raum für die Stimme des Künstlers“, fasst sie die Attraktivität des Gegenwartstanzes zusammen. Bridget Lee schätzt am Hessischen Staatsballett, dass das Ensemble nicht zu groß ist: „Es hilft dir, persönliche Beziehungen aufzubauen und bietet trotzdem eine Vielzahl an Personen.“

Für die Auftritte in Barcelona war sie ursprünglich gar nicht vorgesehen. Dass sie nun trotzdem Teil der Produktion ist, ist Glück im doppelten Unglück. Gleich zwei Tänzerinnen fielen auf derselben Position aus und so sprang Bridget Ende November ein – und das ziemlich kurzfristig. Denn der Probenbetrieb wird in der Regel zwei bis drei Monate vor der Premiere aufgenommen. Durchschnittlich tanzen die Ensemblemitglieder in drei Produktionen parallel. Für Bridget sind es neben den beiden Stücken für die Tour in dieser Spielzeit „Corps de Walk“ und „Become Ocean“.

In Barcelona präsentiert das Ensemble ein Programm aus drei Choreografien: „Midnight Raga“, „Bouffées“ und „I’m afraid to forget your smile“. Die Zusammenstellung steht stellvertretend für die künstlerische Vision des Staatsballetts unter Bruno Heynderickx mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössische Choreografien und experimentelle Formate. Seit der Spielzeit 2020/2021 führt der Belgier die künstlerischen Geschicke des Ensembles. Da die Abreise unmittelbar bevorsteht und bis zum ersten Auftritt lediglich drei Tage verbleiben, steht nun die Durchlaufprobe an. Und die weckt die Neugier der übrigen Ensemblemitglieder, die sich als Publikum eingefunden haben.

„Midnight Raga“ ist die dynamische Eröffnung des Programms, die durch die Musik von Ravi Shankar Assoziationen mit Indien und fernöstlichen Melodien und Tänzen weckt. Die Performance der beiden Tänzer ist geprägt von den schnellen, unruhig wirkenden Bewegungen, die gerade im zweiten Teil zum Song „I’d Rather Go Blind“ durch langsamere Tanzelemente ergänzt werden. Das Publikum wird aus dem fernen Osten in einen atmosphärischen Midnight Blues geleitet.

Die dabei aufkommende Melancholie wird in „Bouffées“ zur stillen Trauer. Kaum merklich bewegen sich die fünf Tänzerinnen zu Beginn der Choreografie. Die wortlose Trauer zeigt sich auch im Fehlen von Musik. Keuchend beginnen die Oberkörper zu zucken – rastlos, verzweifelt, erschüttert. So entsteht Synchronität, die zugleich mechanisch wirkt. Die Tänzerinnen sind gefangen in der Trauer, werden von ihr niedergeworfen und doch rappeln sie sich wieder auf. Das Keuchen wird stärker und zeigt einen Kampf mit und gegen die Trauer.

In der dritten Choreografie erforschen zwei Tänzerinnen und vier Tänzer den Moment des Loslassens. „I’m afraid to forget your smile“ ist eine Performance zwischen Intimität und Individualität, zwischen dem Festhalten und Loslassen. Begleitet durch Chorgesang entsteht eine eindrückliche Atmosphäre, die von den Tänzerinnen und Tänzern ein Höchstmaß an Körperbeherrschung und Präzision erfordert.

Ein Probendurchgang dauert etwa 60 bis 70 Minuten. An diesem Vormittag gibt es davon zwei – einen für die Erst- und einen für die Zweitbesetzung. Ein straffes Programm – und das jeden Tag. „Die Tänzerinnen und Tänzer proben jeden Tag acht Stunden lang inklusive Training“, erklärt Bruno Heynderickx. Für die Gastspiele wurde über mehrere Wochen, mehrere Stunden pro Woche trainiert – und das parallel zum regulären Probenbetrieb. „Das erfordert viel Planung“, weiß Heynderickx. Für Bridget Lee, die sowohl in „Bouffées“ als auch in „I’m afraid to forget your smile“ tanzt, ist es etwas Besonderes, zwischen Wiesbaden, Darmstadt und der Welt zu leben und zu performen: „Es ist eine einzigartige Möglichkeit, in einer anderen Stadt aufzutreten und anders mit dem Publikum zu interagieren.“ Dass das Gastspiel in Barcelona ihre erste Reise nach Spanien ist, steigert die Vorfreude zusätzlich.

Die Tage von 10 bis 18 Uhr sind lang und zeitintensiv. „Jeder Tag ist anders“, verrät Bridget Lee und führt aus: „Jeder Tag startet mit dem Tanztraining und dann beginnen die Proben. Manchmal ist es eine Probe für eine Produktion oder manchmal auch noch für eine zweite am Nachmittag.“ Als sogenannte „Split Days“ werden halbe Probentage bezeichnet, an denen am Abend eine Aufführung wartet.

Modellprojekt seit 2014
Gegründet wurde das Hessische Staatsballett 2014. Das Modellprojekt verbindet die Staatstheater in Darmstadt und Wiesbaden, indem sich beide Häuser das Ensemble teilen. Regelmäßig tritt das Ensemble in beiden Städten auf. Auch die Premieren teilen sich die beiden Häuser fair auf. „Das ist nicht immer einfach zwischen Darmstadt und Wiesbaden zu spielen“, weiß Ballettdirektor Bruno Heynderickx und ergänzt: „Wir haben hier ein Technikteam und dort ein Technikteam. Wir machen eigentlich alles doppelt. Das ist herausfordernd, aber auch eine Chance, mit so vielen Menschen zusammenzuarbeiten.“

Den Auftrag des Staatsballetts legt der Ballettdirektor eindeutig aus: „Exzellenten Tanz auf das Top-Top-Level bringen, um die Menschen zu begeistern.“

Die aktuelle Spielzeit führte das Ensemble bereits nach China und Paris. 2026 warten neben dem Gastspiel in Barcelona noch internationale Stationen in Österreich und Polen. „Wir bringen Tanz in die Region und in die Welt. Das bringt Vielfalt und ist wichtig für die heutige Welt, denn es hilft uns ein Verständnis für Unterschiede zu entwickeln“, erklärt Bruno Heynderickx. Für Vielfalt steht auch das das Ensemble aus 28 Tänzerinnen und Tänzern sowie das dahinterstehende Team. Insgesamt 24 Nationen sind hier vertreten. „Das ist eine Art Mini-Utopie, wie die Welt aussehen könnte. Es gibt Unterschiede, aber wir sind durch die Leidenschaft für das Tanzen vereint“, betont Heynderickx.

Die Ausrichtung des Ballettdirektors, „zeitgenössisch für ein großes Publikum“ zu sein, birgt auch für das Publikum ein Erfahrungspotenzial der anderen Art: „Ballett führt dich in eine andere Welt. Es zeigt dir eine Erfahrung, der du zuvor noch nie ausgesetzt warst“, nennt Bridget Lee einen spannenden Grund, warum jeder zumindest einmal im Leben eine Ballettaufführung besuchen sollte.

Foto: Bridget Lee und Marcos Novais (i. Vordergrund) in „Moonfall“ 2024/2025, Fotograf: Andreas Etter

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