Epizentrum der Wiesbadener Kunstgeschichte
Die Kunstarche ist prall gefüllt mit Werken von Wiesbadener Künstler:innen, die hier angemessen aufbewahrt und präsentiert werden. Denn Wiesbaden ist nicht nur Fluxus und Jawlensky, sondern künstlerisch viel, viel mehr.
von Anja Baumgart-Pietsch
Die Wiesbadener Künstler Johannes Ludwig, Arnold Gorski und Wolf Spemann hatten schon in den 90er Jahren auf die dringende Notwendigkeit einer Nachlassverwaltung für lokale Künstlerinnen und Künstler hingewiesen. Weil man städtischerseits keine Stiftung für diese Aufgabe gründen und auch kein Personal einstellen wollte, gründeten sie 2011 kurzerhand selbst den Verein „Kunstarche Wiesbaden e.V.“ Sie wählten Felicitas Reusch zur Vorsitzenden und konnten 2012 in Räume des Stadtarchivs einziehen. Das Bild der Arche passt: Denn auch hier werden Dinge für die Nachwelt bewahrt. In diesem Fall keine Tiere, sondern Kunstwerke.
Seit 15 Jahren wächst der Bestand gewaltig – ob Skulpturen, Zeichnungen, Tagebücher oder Gemälde: Wiesbadener Kunstschaffende sind produktiv, ihre Werke vielfältig. Felicitas Reusch und ihr Team können sich in diesem Jahr über eine aufwendige Sanierung freuen. Nun endlich sieht die Kunstarche auch wie eine Galerie aus: mit Licht und Luft, einem neuen Fußboden, professionellen Archivschränken.
Die Arche teilt ihre Heimat mit dem Stadtarchiv und residiert in dem Trakt, in dem vorher die kommunale Artothek war, die nun seit einigen Jahren ins Wiesbadener Kunsthaus integriert ist. Hier wird aber nicht nur archiviert, sondern es passiert viel Öffentlichkeitswirksames: Bücher werden verfasst und vorgestellt, Ausstellungen organisiert und Vorträge gehalten. Für Vereinsmitglieder gibt es sogar Exkursionen zu interessanten Kunstschauplätzen der Region. „Mit dem Stadtarchiv führen wir eine sehr kollegiale Koexistenz“, sagt Felicitas Reusch. Daher war es keine Frage, dass bei dessen Sanierung auch die Kunstarche mitbedacht wurde. Der Wiesbadener Verein war 2017 mit dabei, als der Bundesverband Künstlernachlässe gegründet wurde. Denn auch andere Städte möchten die Aufgabe erfüllen, Nachlässe ihrer Kunstschaffenden zu bewahren. „In Darmstadt“, so Felicitas Reusch, „ist dies bereits gut gelungen. In Mainz bis jetzt noch nicht.“ Sie wisse aber, dass der Wunsch auch dort groß sei. Es steht und fällt mit Räumen und Vereinsmitgliedern – die Wiesbadener haben in dieser Hinsicht Glück. Genauso wie mit der Kooperation mit dem Wiesbadener Reichert-Verlag, in dem die Reihe „Kunstgeschichte Wiesbaden“ erscheint: „Acht Bände gibt es bereits, der neueste dreht sich um Kalligrafie. Wiesbaden ist mehr als Jawlensky“, betont Felicitas Reusch.
„Kalligrafie finde ich sehr spannend“, gibt Reusch preis, der ihre Tätigkeit in der Arche große Freude bereite. Inspiriert dazu habe sie vor allem ihre langjährige Freundschaft mit dem 2024 verstorbenen Gottfried Pott, einem Meister dieser Kunst. Ausstellungen mit seinen – sowie von seinen Künstlerkollegen Werner Schneider und Friedrich Poppl – kunstvoll geschriebenen Blättern gab es bereits mehrmals. Einmal auch gemeinsam mit einer Reihe ukrainischer Schriftkünstler. In diesem Jahr stehen dazu hochkarätige Workshops auf dem Programm.
„Was kommt auf den Tisch?“ heißt eine Gruppenausstellung mit kulinarischen Stillleben, die ab 22. März zu sehen ist. Weiter steht 2026 noch eine Schau des Malers Vincent Weber auf dem Programm. Er war einer der Protagonisten der ehemaligen „Werkkunstschule“, einer wichtigen Institution in Wiesbaden, aus der viele Künstler:innen und Gestalter:innen hervorgingen. Wer über die Schule, in deren ehemaligem Gebäude das heutige Kunsthaus am Schulberg untergebracht ist, mehr wissen möchte, findet in der Buchreihe der Kunstarche auch hierüber einen umfangreichen Band.
Nachlässe landen regelmäßig bei Reusch – wobei sie streng auf Qualitätskriterien achtet. Eine künstlerische Ausbildung, ein Platz im professionellen Kunstgeschehen sollten vorhanden sein. Die Vielfalt ist groß, manchmal sogar im Werk eines einzelnen Künstlers wie Bernd Brach. Der demnächst seinen 80. Geburtstag feiernde Wiesbadener hatte gerade eine umfassende Retrospektive in der Kunstarche. Seine Kunstwerke sind von den Formaten, vom Medium, vom Inhalt her unglaublich vielseitig. Eines seiner Bilder wird auch nach der Ausstellung in der Kunstarche sichtbar bleiben: Er malte es in einer Live-Performance zum 10-jährigen Bestehen unter dem Eindruck des russischen Überfalls auf die Ukraine. Wer einen Blick in die Kunstarche und ins Stadtarchiv werfen möchte: Am 17. April ab 16 Uhr wird zum jährlichen Archivfest eingeladen.
WTF
Ausstellungen 2026:
„Was kommt auf den Tisch?“ Gruppenausstellung mit Werken aus dem Archiv von Christa Moering, Heiner Rothfuchs, Gerda Stryi, Hans Wagner. Ab 22. März, 11.30 Uhr; Finissage: 8. Mai, 18 Uhr
„Vincent Weber und sein Kreis“. Ab 7. Juni, 11.30 Uhr; Finissage: 17. Juli, 18 Uhr
Kunstarche Wiesbaden e.V., Im Rad 42
65197 Wiesbaden
kunstarche-wiesbaden.org


