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Kultur Wiesbaden

Kuratorische Tombola

97 Veranstaltungen, 270 Künstler:innen und sieben Giraffen versprechen Spektakel, bedeuten aber auch viel Organisation im Hintergrund. Produktionsleiter Simon Van Heddegem gibt Einblicke hinter die Kulissen der 130. Maifestspiele am Staatstheater Wiesbaden.

von Tim Porzer

Nein, es ist kein Zooausbruch, wenn am Abend des 2. Mai sieben rote Giraffen durch die Wiesbadener Innenstadt stolzieren. Vielmehr ist das Straßentheater „Les Girafes“ der französischen „Compagnie Off“ und damit das Eröffnungswochenende der 130. Maifestspiele in vollem Gange. Simon Van Heddegem ist als Produktionsleiter der Maifestspiele Ansprechpartner und Krisenmanager vor Ort. „Das Adrenalinlevel ist während dieser 31 Tage sehr hoch“, verrät er. Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Die Vorstellung kann beginnen. Ensemble und Crew sind da, das Publikum wartet draußen – was fehlt? Der Laptop mit allen wichtigen Daten ist noch im Hotel. Also eilt Van Heddegem los: Schlüsselkarte dabei – fremdes Zimmer – Laptop gefunden. Braucht es ein Ladekabel? Antwort am Telefon: Ja. Aber wo ist es? Fremdes Zimmer durchsucht – gefunden – zurück zum Spielort. Am Einlass: Wo ist ihr Ticket? Ich habe keins, ich bringe den Laptop.

Zeit als größter Faktor
Schon jetzt richtet Simon Van Heddegem den Blick in die Zukunft: „Nun beginnen wir die Disposition für 2027.“ Seine Arbeit als Produktionsleiter gliedert er in drei Phasen. Die erste betrifft die kuratorische Seite. „Die Intendanz, die Dramaturgen kommen zu einem Gedanken und dann fange ich an“, erklärt er. Zunächst geht es vorwiegend um technische Fragen und finanzielle Vorstellungen. „Die erste Frage ist immer: Hast Du Zeit?“, verrät Van Heddegem. Die einzelnen Sparten unterscheiden sich dabei hinsichtlich ihrer Zeitplanung. „Die Oper bucht immer drei Jahre vorher. Daher haben wir schon Dinge in der Pipeline für die nächsten Jahre“, erläutert er. Dagegen, so der Spielleiter, setze das Theater im Bestreben, immer die neuesten Sachen präsentieren zu können, auf Kurzfristigkeit: „Ein Jahr alt, ist schon alt.“ Während der Planungen braucht es Flexibilität – und Resilienz im Umgang mit Enttäuschungen: „Kuratorisch gesehen ist das etwas wie eine Tombola, ein Glücksspiel. Man kann die tollsten Ideen haben und dann geht es technisch nicht“, weiß der Experte.

In der zweiten Phase müssen Verträge geschrieben werden und es geht darum, welche Kostüme und Requisiten benötigt werden. In seinen Planungen muss er künstlerische und technische Aspekte ebenso bedenken wie das Marketing. Im Umgang mit den Kunstschaffenden kommt Van Heddegem seine eigene künstlerische Vergangenheit als Tänzer und Tanzchoreograf zugute. „Künstler sind Künstler. Man muss sie manchmal verstehen und warum Dinge für sie wichtig sind“, gibt er zu. Neben dem Reiz, einmal die andere Seite der Bühne zu sehen, betont Van Heddegem die Ähnlichkeit zwischen seiner jetzigen Aufgabe und seinem früheren Alltag als Tänzer: „Festivals sind ein wenig ähnlich wie Projekte, du arbeitest auf etwas hin.“

Stadt – Kunst – Kompromiss
Aufwendig in der Organisation und von Kompromissbereitschaft geprägt ist 2026 die geplante Darbietung von „Les Girafes“, die Straßentheater mit Operette kombiniert und es als Teil des Mottos „Maifestspiele für alle“ kostenlos in die Innenstadt bringt. Hier seien nicht nur viele aus dem Team gefragt, sondern auch intensive Verhandlungen mit der Stadt wegen Straßensperrungen und den Künstler:innen zur Umsetzung notwendig gewesen.

Die dritte Phase beginnt mit der Ankunft der Künstler:innen während der Festspiele: „Wann kommen sie an, wie begrüßen wir sie?“, fragt sich Van Heddegem dann. Auf das Meet and Greet freut sich der Produktionsleiter besonders, der sich in seinem zweiten Jahr vorgenommen hat, alles etwas mehr zu genießen. Glücklich ist Van Heddegem, dass Monét X Change für eine Drag Performance mit Gästen am 7. Mai gewonnen werden konnte: „Mit ihr kommt ein Weltstar nach Wiesbaden.“ Für ihren Auftritt hat sie ein humorvolles Programm aus Oper, Drag und Pop kreiert.

Das Programm der 130. Maifestspiele kombiniert in diesem Jahr Schauspiel und Konzert an zwei aufeinanderfolgenden Abenden. Zunächst imaginiert Regisseur Tiago Rodrigues im Theaterstück „No Yogurt for the Dead“ am 13. Mai die noch freien Seiten eines Notizbuches voller Linien und Punkte. Die Fado-Lieder dieses Abends nimmt das Duo, das die Originalmusik des Theaterstücks verantwortet, mit in den Folgeabend: „Impossible Nostalgia“ verbindet Fado und Chanson. „Sie haben den Abend aus eigener Initiative kreiert“, erzählt Van Heddegem, der hofft, dass die Besucher:innen beide Abende wahrnehmen. Allen Opernfreunden legt der Produktionsleiter Pene Pati ans Herz. Der Tenor gilt als Shooting Star und ist neben Plácido Domingo ein weiteres Highlight im Opernprogramm. Wichtig ist Simon van Heddegem das vielfältige künstlerische Programm: „Ich hoffe, dass jeder, der einen Blick hineinwirft, etwas findet, dass ihn begeistert.“

Foto: Compagnie Off

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