Safe Space und letzter Ausweg
Ein kurzer Blick auf ein Plakat im Bus und ein wichtiges Thema wird einem wieder ins Gedächtnis gerufen: Die Mädchenzuflucht „Intakt“ in Wiesbaden ist die Anlaufstelle für junge Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren, wenn es keinen Ausweg mehr gibt und wenn das zu Hause kein sicherer Ort mehr ist.
von Caroline Alberta Glabacs
Die Gründe, warum Mädchen bei Intakt landen, sind unterschiedlich und komplex. Häufig geht es um familiäre Überforderung. Eltern, die selbst mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen kämpfen. In anderen Fällen prallen Lebensrealitäten aus Parallelgesellschaften zusammen. „Ein großer Bereich sind Kulturkonflikte“, erklärt Ute Krzeslack, Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins zur Unterstützung von Mädchen in Not. Krzeslack benennt noch einen weiteren Grund für den Bedarf nach Zuflucht: „Wenn Mädchen mehr Freiheiten wollen – Dinge, die für uns selbstverständlich sind – als ihre Familien ihnen zugestehen“. Was diese Situationen gemein haben, ist, dass sie junge Menschen an ein Limit bringen, einen Punkt, an dem sie sofortige Unterstützung brauchen.
Der erste Tag bei Intakt folgt keiner strengen Struktur. Im Gegenteil gehe es erstmal darum, dass man ankomme. Ein Zimmer beziehen, duschen, schlafen, essen. Runterkommen. Erst danach beginne die eigentliche Arbeit. Dazu zählen Gespräche, Orientierung, Perspektiven. Gemeinsam mit dem Jugendamt wird versucht zu klären: Gibt es Kompromisse? Ist es überhaupt möglich oder ratsam, an eine Rückkehr zu denken? Oder bedarf es einer neuen, langfristigen Ausweichmöglichkeit? Diese Phase ist oft geprägt von Unsicherheit. Entscheidungen, die viele Erwachsene überfordern würden, müssen hier von Teenagerinnen getroffen werden.
Zwischen Selbstbestimmung und Ohnmacht
Zu den größten Herausforderungen für die Mitarbeiterinnen gehöre es, Entscheidungen auszuhalten, die sie selbst anders treffen würden. Beispielsweise, wenn ein Mädchen sich aus Angst und Gewohnheit dazu entscheide, in ein toxisches Umfeld zurückzukehren. „Besonders wenn wir wissen, dass Gewalt im Spiel ist, ist das schwer“, berichtet Krzeslack. Viele Mädchen wählten den vermeintlich bekannten Weg zurück in schwerwiegende Verhältnisse. Nicht zuletzt, weil die Alternative mit Unsicherheit verbunden sei: Neue Umgebung, neue Menschen, ungewisse Zukunft.
In besonders schweren Fällen, etwa bei Bedrohung, Zwangsverheiratung oder massiver Gewalt, bedeutet Schutz auch radikale Einschnitte. Das reicht von Kontaktabbrüchen und Handyverbot zu komplettem Rückzug aus den sozialen Netzwerken und einem Schulabbruch. „Manchmal müssen Mädchen komplett untertauchen“, erklärt Krzeslack, „sonst können wir ihre Sicherheit nicht gewährleisten.“ Eine Realität, die zeigt, wie ernst die Situationen sind, mit denen einige dieser jungen Mädchen konfrontiert sind.
Ein System mit Lücken
Trotz bestehender Hilfsangebote sieht Krzeslack klare Schwachstellen im System, besonders für junge Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren: „Wenn man bis 18 nicht in der Jugendhilfe war, ist es extrem schwer, danach Unterstützung zu erhalten. Gleichzeitig greifen viele Sozialleistungen erst später oder sind an hohe Hürden gebunden.“ Auch junge Frauen in akuten Notsituationen fallen häufig durch das Raster, etwa wenn sie keinen Platz im Frauenhaus bekommen oder keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Ein weiteres Problem ist der Zugang zu psychologischer Unterstützung. Therapieplätze sind rar, oft liegen die Wartezeiten zwischen sechs und zwölf Monaten. In akuten Krisen ist das kaum überbrückbar.
Neben der Zuflucht betreibt der Verein auch die Beratungsstelle „Zora“, die niedrigschwelliger ansetzt. Hier können Mädchen sich erstmal orientieren, ohne direkt ihr zu Hause verlassen zu müssen. Denn nicht jede Krise bedeutet sofort Flucht. Oft ist es ein Prozess, geprägt von Gesprächen, Zweifeln, neuen Fragen. „Manchmal reicht es schon zu wissen, dass es uns gibt“, sagt Krzeslack.
Wie man unterstützen kann
Unterstützung für Intakt geht über ein eingerichtetes Spendenkonto hinaus. Gesucht werden auch ehrenamtliche Helferinnen, etwa für Hausaufgabenbetreuung oder organisatorische Aufgaben. Besonders gefragt sind außerdem Sachspenden wie Kleidung, haltbare Lebensmittel und Hygieneprodukte. Und manchmal beginnt Unterstützung ganz klein: mit Aufmerksamkeit. So wie bei diesem Artikel. Entstanden aus einem flüchtigen Moment im Bus, und der Entscheidung, hinzusehen und sich zu informieren.
WTF
Intakt Mädchenzuflucht Wiesbaden
maedchenzuflucht.de
Tel.: 0611-80 80 88
ZORA Anlauf- und Beratungsstelle für Mädchen* und junge Frauen*
zoratreff.com
Mail: info@zoratreff.de
Tel.: 0611-910 14 13
WhatsApp: 0159-063 203 71


