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Gesellschaft Mainz

FLINTA* erheben ihre Stimmen

Räume erschließen und Feminist:innen vernetzen – das will das Fräulein*-Kollektiv aus Mainz. Gründerin Katharina Sieben und Neumitglied Nathalie Stübinger stellen die Arbeit der Gruppe vor.

von Eva Szulkowski

Seit rund drei Monaten engagiert sich Nathalie Stübinger beim Fräulein*-Kollektiv in Mainz. Auf die feministische Gruppe aufmerksam wurde die Studentin durch deren Veranstaltungen in der Blue Raincoat Bar in der Mainzer Neustadt. „Ich habe immer aus der Ferne ihre roten Flugblätter gesehen“, erzählt sie. An den leuchtend bunten Flyern in den Ladenfenstern soll man bereits von draußen erkennen: Dieser Raum gehört gerade FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nichtbinäre, Trans- und Agender-Personen). Etwa bei der offenen Bühne „Fräulein* werden laut“. Bei der fünften Ausgabe im Februar brachten acht Vortragende neben Musik- und Textbeiträgen auch einen Kurzfilm und einen Comic mit.

Gemeinsam aktiv werden
Es war viel los, wie zumeist, wenn das feministische Kollektiv zu einem seiner Formate einlädt. In je sieben Minuten thematisierten die Künstler:innen psychische Gesundheit, Sexismus, Übergriffe und die Manosphere. Sie erzählten kraftvoll und mit Witz von Befreiung und Selbstbestimmung. „Uns ist es wichtig, dass alle Stimmen, die gehört werden wollen, gehört werden. Wenn wir Kapazität haben und die Texte nicht gegen unsere Werte verstoßen, dürfen alle Beiträge stattfinden“, sagt Katharina Sieben. Gemeinsam mit zwei Kommiliton:innen rief die damalige Buch- und Theaterwissenschaftsstudentin das Fräulein*-Kollektiv vor etwa zweieinhalb Jahren ins Leben. Ursprünglich wollten die Studierenden der Theaterwissenschaft ein feministisches Stück erarbeiten, eine Aktualisierung von Eve Enslers „Vagina-Monologen“. „Da haben wir festgestellt, dass es hier in Mainz in der freien Szene total schwierig ist, Räume zu finden, die man nutzen kann, vor allem für wenig Geld.“ Das Stück kam zwar nie zur Aufführung, dafür schufen die Studierenden mit dem Fräulein*-Kollektiv ein Netzwerk für Feminist:innen, die gemeinsam aktiv werden wollen.

Zu ihren Angeboten gehören unter anderen der Stammtisch „Fräulein*-Gedeck“, bei dem Mitglieder und Interessierte Erfahrungen austauschen und über verschiedene Themen diskutieren können. Besonders beliebt ist der Lesekreis „Fräulein* lesen“ in der Buchhandlung Cardabela in der Neustadt; hier gibt es eine Warteliste, weil so viele teilnehmen wollen. Im Rahmenprogramm des feministischen Kampftags am 8. März dieses Jahres beteiligte sich das Kollektiv mit einem Stand und bot mit Sprüchen bedruckte Postkarten, Sticker und Urinellas aus Papier zum Selbstanmalen an. Erneut war das Interesse groß: „Die Leute haben sich wirklich direkt drauf gestürzt“, freut sich Stübinger.

Immer offen für neue Ideen
Sie stieß nach einem Besuch des offenen Plenums zum Fräulein*-Kollektiv. Hier werden organisatorische Fragen besprochen und neue Ideen ausgebrütet. Was ihr besonders gefällt: „Dass man von vornherein ernst genommen wird und auch Verantwortung bekommt, wenn man die haben möchte, aber zu nichts verpflichtet wird.“ Inzwischen hat sie gemeinsam mit einem weiteren Mitglied die Pflege der Social-Media-Präsenz übernommen. „Wir sind immer offen dafür, dass neue Leute dazukommen und mit neuen Ideen neue Formate starten“, bestätigt Sieben. Der Gruppe sei es wichtig, auf die individuellen Bedürfnisse der Mitglieder einzugehen, sie zu unterstützen, ihnen aber auch viel Freiraum zu lassen.

In Zukunft möchten die Aktivist:innen noch mehr Raum einnehmen: „Wir wollen uns generell in Mainz noch besser vernetzen, auch mit anderen Kollektiven“, so Sieben. Derzeit plant die Gruppe gemeinsam mit dem Kopfsprung-Kollektiv einen Zine-Vormittag, bei dem Teilnehmer:innen feministische Fanzines, das sind Magazine von Fans für Fans, basteln können. Künftig soll daraus unter dem Motto „Fräulein* Kreativ“ ein neues Format werden. Hier wollen sie etwa Buchcover bedazzeln, Armbänder basteln oder zu einem Fotowalk einladen. „Wer eine Expertise hat, kann sie anbieten und anderen etwas beibringen“, lädt Sieben zum Mitmachen ein.

Außerdem werde das Kollektiv künftig weiter daran arbeiten, „die Kulturangebote so niederschwellig wie möglich zu machen“, berichtet Stübinger. Sie sollen nicht nur in Bars stattfinden, wo man für seine Getränke bezahlen muss. Als intersektional-feministisches Kollektiv sei es ihnen wichtig, verschiedene Diskriminierungsformen zu berücksichtigen, etwa auch Klassismus. „Es ist teilweise wirklich schwierig, Veranstaltungen barrierefrei oder barrierearm zu gestalten“, beschreibt Sieben die Herausforderungen und ergänzt: „Aber wir versuchen, das immer mitzudenken und Räume für alle zu erschließen.“

WTF
Die nächste Ausgabe von „Fräulein* werden laut“ findet am 7. Mai in der Blue Raincoat Bar statt.

Foto: Michelle Guentzel

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