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Wie schmeckt eigentlich Rheinhessisches Gold?

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Terroir ist ein Marketingbegriff in vielen Winzerbroschüren. Das hat doch irgendetwas mit Boden zu tun? Und welche Rolle spielt die Weinbrandbohne?

Andreas Stolz, 41-jähriger „Binger Bub“ und Geologe, kennt die Antworten. Auch die um den versteckten Weinbrand der Firma Asbach aus Rüdesheim, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch mit einer Brücke mit Bingen verbunden. Der Weinbrand im Schokomantel, eine Erfindung von Hugo Asbach, kam vor allem bei Frauen gut an und ermöglichte ihnen so den Genuss von Cognac außerhalb der den Männern vorbehaltenen Salons. Das Pendant zur Firma Asbach in Rüdesheim bildete die Firma Scharlachberg in Bingen. Der Name steht für die prominenteste Weinlage in Bingen. Wer Andreas Stolz auf seinen Terroirführungen begleitet, lernt sehr viel über Geologie, aber die kulturellen und geschichtlichen Aspekte würzen seine unterhaltsamen Führungen. Man lernt beispielsweise anhand der Rieslinigtraube, auf welchen Böden welche Reben gedeihen, welchen Geschmack sie fördern und welches Klima zum Anbau benötigt wird. Geologie kann man anfassen, nicht nur wenn man Fossiliengehäuse von Muscheln im rheinhessischen Kalkstein findet. Mit dem Gaumen kann man schmecken, wie die basischen Eigenschaften des Kalks im rheinhessischen Riesling die Säuren abmildern.

Wein und Wissenschaft

Die geologischen Schnittstellen, die sich im Rhein-Main-Nahe-Gebiet finden, drücken sich auch in der Sorten- und Geschmacksvielfalt der hiesigen Weine aus. Das Devon ließ vor rund 380 Millionen Jahren das Rheinische Schiefergebirge entstehen, oder anders gesagt: für Liebhaber des Rheingauer Rieslings die weltberühmten und geschätzten feinfiligranen Säurenuancen. Im Perm (296-251 Mio. Jahre), also rund 100 Millionen Jahre jünger, entstand das Saar-Nahe-Becken, das auch bei Bingen sowohl an das Schiefergebirge als auch ans Mainzer Becken grenzt, wie Geologen Rheinhessen auch nennen.
All das lässt sich teilweise innerhalb weniger Meter an offenen Fenstern in die Erdgeschichte gut aufzeigen. Wie das auf die Aromen im Wein wirkt, erklären Winzer gerne und sorgen zudem dafür, dass die Touren nicht so trocken sind wie eine Vorlesung. „Unterricht am Material“ ist wichtig, denn durch einen guten Tropfen der entsprechenden geologischen Formation gerinnt die Theorie zu verstetigtem Wissen. „Geo- & Terroir-Tour“ nennt Andreas Stolz seinen Ein-Mann-Betrieb und bietet neben Landschaftsführungen, Terroir-Weinproben und Radtouren auch Umweltbildung und Seminare an.
Und so mischt sich sein Idealismus mit seinem Geschäftsinteresse: „Ich will die Leute rauskriegen.“ Sobald er sie draußen hat, fängt das Abenteuer an. Andreas ist schon immer gern draußen unterwegs. Ob zu Fuß, per Rad oder im Campingbus, es zieht ihn immer wieder in die Erforschung der heimischen Hügel und Täler. Mit ihm kann man vergessene Städte vergangener Kulturen wie keltische Oppida besuchen, und vergessene Weinberge kreuzen seine Wege ebenso wie vergessene Bergbauspuren. Und er ist einer der wenigen Menschen, der einem eine „Hunsrück-Südrandstörung“ unterhaltsam erklären können.

Weinkultur ist mehr als Schunkeln

Im Marketing mancher Weinstädtchen wie Bingen sind seine Programme leider noch nicht zu finden. Ärgerlich, denn zur Weinkultur gehören eben nicht nur Schunkelfeste. Andreas Stolz aber sieht das Potential von Geotouren im Tourismus. „Momentan nehme ich die Vermarktung halt selbst in die Hand.“ Mit engagierten Winzern wie Christoph Hothum, einem Öko-Winzer aus Aspisheim oder Steffen Bischof aus Bingen arbeitet er schon längere Zeit zusammen. „Ich gehe gerne zu den Winzern, denn viele haben zwar eine Bodenanalyse vorliegen, wissen aber wenig über die Geologie ihrer Lagen“, resümiert Andreas Stolz. Dabei ist neben Boden, Oberflächengestalt, Klima und die Arbeit des Winzers die Geologie fester Bestandteil des Begriffs Terroir.
„Rheinhessisches Gold“, so darf man es vermuten, ist auch kein Indiz für den Nibelungenschatz, sondern meint einfach Löss, den es an vielen Stellen in Rheinhessen gibt und der mit seinen Inhaltsstoffen durchaus den Wein zum Gold der Region werden lässt.

Geo- & Terroir-Tour in Bingen am Rhein

Tourenauswahl:

10. Juni – Rheinhessens Terroir der
Ur-Rheinsande & Meereskalke
17. Juni – Riesling-Terroir am
Binger Rochusberg
21. Juni – Vulkan-Terroir am Rotenfels
06. Juli – Schieferstein und Lagenwein
am Mittelrhein

 

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