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Kultur

Die wilde 43

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Seit 13 Jahren belebt das kuenstlerhaus43 das Wiesbadener Bergkirchenviertel. Wir haben das Betreiberpaar Susanne Müller und Wolfgang Vielsack getroffen.

von Ingo Bartsch

Noch haben sich die zertanzten Schuhe nicht ganz aufgelöst. Und das, obwohl das gleichnamige Stück schon seit zehn Jahren aufgeführt wird. Eine Liebesgeschichte, in der getanzt, erzählt, gespielt und musiziert wird. Das Besondere an diesem Stück ist zum einen: Seit zehn Jahren spielt die ganze Familie mit: Susanne Müller, Wolfgang Vielsack und ihre Kinder Frida (heute 10) und Oscar (heute 14). Zum anderen ist bemerkenswert, dass das Stück nicht statisch an einem Ort spielt, sondern seine Zuschauer mit auf eine Reise durch das kuenstlerhaus43 nimmt.

Theater mit Hausaufgaben

Das kuenstlerhaus43 ist an sich eine Besonderheit. Der Vermieter ist laut Müller ein „Kunstbegeisterter, den wir zur richtigen Zeit angesprochen haben.“ Und so hat das Betreiberpärchen die Möglichkeit, nicht nur den urigen kleinen Bühnenraum im Erdgeschoss, sondern das ganze Haus und den Innenhof des Anwesens in der Oberen Webergasse 43 zu nutzen. So können interaktive Eigenproduktionen umgesetzt werden, zum Beispiel solche, bei denen Paare getrennt durch das Haus geleitet werden. „Theater soll ein Ort zum Kennenlernen sein“, findet Vielsack. Und es soll berühren und nachwirken. So gibt er seinen Gästen in „Der kleine Prinz und die 7 Todsünden“ schon mal eine Hausaufgabe mit oder serviert passende Snacks zum Charakter der jeweiligen Verfehlung. Ganz nebenbei versetzt das ganzheitliche und interaktive Theaterkonzept das Betreiberpaar in ganz unterschiedliche Rollen: Intendant, Schauspielerin, Pressebeauftragte, Poetry-Slam-Moderator, Hausmeister, Seminarleiter … vermutlich sind das nicht mal alle. Während Wolfgang Vielsack vor der Theatergründung immerhin Freier Schauspieler war, verkaufte Susanne Müller als Handelskauffrau Mineralöl. Bis eine Hamlet-Aufführung sie so berührte, dass sie beschloss, Theaterwissenschaft in Mainz zu studieren. Bei einem Praktikum am dortigen Staatstheater lernte sie ihren Wolfgang kennen.

Susanne Müller und Wolfgang Vielsack sind nicht nur Theatermacher in jeder Hinsicht. Sie sind auch dessen Fürsprecher. Müller ist im Vorstand der Kulturtage Bergkirchenviertel und im Wiesbadener Kulturbeirat als Vertreterin der Darstellenden Kunst. Ihr ist es wichtig, dass Kultur eine Lobby hat stärker in den Fokus von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung rückt. Das findet auch Vielsack. Kultur mache glücklich, sagt er. „Sie muss eine Wirkung haben, die man hinterher spürt.“ Dieser Hang zum Wirkungerzielen liegt ihm im Blut. Schon in seiner Familie war er „der Clown“, wie er sagt: der, der provoziert hat, der die Leute zum Lachen gebracht hat. Kein Wunder, dass er eine eigene Spielstätte wie das kuenstlerhaus43 als „ein großes Glück“ bezeichnet.

Sozialer Eintritt in beide Richtungen

Ein Glück ist das kulturträchtige Haus im Bergkirchenviertel auch für sein Umfeld. Denn interaktiv ist nicht nur das Theater im kuenstlerhaus43. Das Haus selbst agiert interaktiv in seinem Viertel. Jüngst wurde eine Lesebühne im Außenbereich installiert. Keine, auf der ein Autor aus seinem Gedichtband vorliest, sondern eine, die Gäste unverbindlich einlädt, anzuhalten, sich zu setzen und zu lesen. Vielleicht eines der Bücher aus dem dazugehörigen Bücherkasten. Oder auch als Ort, um selbst kreativ tätig zu werden. So wie Vielsack, der die Strichfassung von „Ronja Räubertochter“ dort zu Papier gebracht hat. Das Stück wurde bei den Sommerfestspielen aufgeführt, die das kuenstlerhaus43 jährlich auf der Burg Sonnenberg veranstaltet. Nebenbei bereichern Müller und Vielsack ihr Umfeld nicht nur kulturell, sondern auch sozial. Zum einen gibt es bei den Eintrittspreisen nicht nur einen ermäßigten Tarif, sondern auch einen für Besserverdienende. Etwa zwanzig Prozent der Gäste nutzen letzteren und subventionieren damit ersteren. Zum anderen können junge Kulturbegeisterte hier ein FSJ Kultur oder den Bundesfreiwilligendienst ableisten.

Apropos jung: Susanne Müller ist 46, Wolfgang Vielsack 54 Jahre alt. Aber sie fühlen sich noch immer „studentisch“, wie Vielsack sagt. Denn auch das leistet Theater: Es hält jung, es hält lebendig. Es ist bunt, turbulent. Ein bisschen ist es auch der Gegenentwurf zu dem Hang vieler Menschen, alles planen zu wollen. „Die schönsten Dinge sind oft die, die schiefgehen“, findet Vielsack. Wobei das Projekt kuenstlerhaus43 nach nun 13 Jahren als nicht schiefgegangen bezeichnet werden darf. Und trotzdem schön ist.

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