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„Es gibt keine Jungen und Mädchen“

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„Wenn Mama und Papa sagen, du bist ein Mädchen, aber du weißt, du bist ein Junge. Wenn die Gesellschaft sagt, es gibt nur Männlein und Weiblein, aber du bist keins von beiden.“ Unsere Gesellschaft denkt in starren Schubladen – wer von der Norm abweicht, fordert heraus.

von Lea Krumme

Bei Netflix gibt es seit kurzem eine Serie, die für Aufmerksamkeit bei Kritikern und Zuschauern gesorgt hat: Pose spielt in der New Yorker Ballroom-Szene der Achtziger und gibt mit dem wohl größten Trans-Cast aller Zeiten einer Vielzahl von Menschen eine Stimme, die, von der Gesellschaft – häufig sogar von der eigenen Familie – abgelehnt, viel zu lange eine Existenz im Untergrund führen mussten und denen begegnet wurde, als sei mit ihnen etwas oder sie selbst seien falsch. Weil sie mit dem richtigen Gefühl im falschen Körper geboren wurden. Selbst in unserer heutigen Zeit dürfen längst nicht alle Transpeople die Annahme, Bestärkung – oder wenigstens respektvolle Toleranz – erleben, die für eine moderne Gesellschaft selbstverständlich sein sollte. Der Mensch bleibt einfach gestrickt. Er braucht klare Definitionen und Spielanleitungen. Auch in Zeiten des Fortschritts und der scheinbaren Offenheit. Wer sich nicht in klar definierte Sparten von Männlein und Weiblein einordnen lässt, löst zuerst einmal allgemeine Verwirrung aus. Wenn dann sogar das einzige, was noch kategorisch ist, die kategorische Ablehnung des Schubladendenkens ist, dann ist das fast Anarchie: Während Transgender (also eine gefühlte Frau im Knabenkörper oder umgekehrt ein als Mädchen geborener Mann) ihre Identität noch dadurch festmachen, dass sie sich zu einem von zwei klar unterschiedenen Geschlechtern zugehörig fühlen, verweigern non-binäre Menschen (auch genderqueer genannt) diese Zweiteilung ganz grundsätzlich.

„Es ist ein Junge!“
Wer in Deutschland geboren wird, wird nach Begutachtung von Ärzten und Erziehungsberechtigten für entweder weiblich oder männlich befunden. Daraufhin gestaltet zunächst die Auswahl des Namens, später die der Kleidung und Spielzeuge einen formgebenden Einfluss in Richtung der jeweils festgelegten Geschlechtlichkeit. Dies geschieht, wie bei der Kindstaufe, bevormundend über den Kopf der Person hinweg, um die es dabei geht, die aber, noch ohne Bewusstsein, geschweige denn ausgereifte Ich-Identität, selbst kein Mitspracherecht in der Angelegenheit hat. In anderen Worten: eine arrangierte Ehe des Selbst mit einem fremdbestimmten Geschlecht. Seit 2017 ist zwar neben den binären Kategorien Weiblich und Männlich auch die Option eines dritten „diversen“ Geschlechts gesetzlich verankert – allerdings ist eine Änderung des Geburtsurkundeneintrags durch ein mündiggewordenes Individuum, dessen selbstbestimmte Identität von vorgefertigten Zuweisung abweicht, rückwirkend nach wie vor nicht möglich.

Respekt ist das neue Cool
Doch unsere Welt ist im Wandel, und mit ihr die öffentliche Wahrnehmung von Geschlechtszuschreibungen. Und das ist auch gut so. Selbst das mittlerweile fast kultige – wenn auch, oder gerade weil ständig umstrittene – Format Germany’s Next Topmodel betont in den letzten Jahren zunehmend die Schönheit und Qualität von Diversity. Bei aller Fragwürdigkeit für die Identitätsbildung junger „Meedchen“ (Heidi Klum), kann man der Show zumindest ihre Progressivität im Umgang mit fluiden Genderbegriffen zugute halten. Zwar liegt noch ein gutes Stück Arbeit im Bereich Toleranz und Gleichberechtigung vor uns, doch werden auch immer mehr überholte Genderbilder revidiert und Orte geschaffen, an denen man/frau/mensch Mensch sein und sich entfalten darf. So zum Beispiel im Stammtisch der Gruppe DasDieDer – Initiative für Geschlechtervielfalt Mainz e.V., der jeden dritten Freitag im Monat Menschen außerhalb der primären Geschlechtsdefinitionen in der Bar jeder Sicht einen Ort zum Ankommen, Austauschen und Ausleben bietet. „Unser Stammtisch ist als Ort sehr persönlicher Begegnungen und Gespräche für viele Menschen eine wichtige und existenzielle Anlaufstelle geworden, die wir gern verlässlich in einem geschützten Raum bieten möchten“, sagt Damian, Vertreter der Initiative. „Es stoßen immer wieder neue Teilnehmende zu uns, die nach langem Vorlauf endlich den Mut gefasst haben, tatsächlich zum Stammtisch zu kommen.“ Die Gruppe tourte in der Vergangenheit mit der Lesung Du musst mich schon so nehmen, wie ich bin!, in der Menschen „außerhalb des binären Geschlechtssystems, das in unserer Gesellschaft immer noch als Norm gilt“ einluden auf „eine Reise, die Grenzen überschreitet und neue Räume erkundet, jenseits von biologischen Determinierungen.“ Auch das Frauenhaus im Wiesbadener Westend heißt in regelmäßigen Abständen alle trans- und nicht-binären Menschen herzlich Willkommen: „Respektiere die anderen, dann bist auch du respektiert“, ist das Motto der Gruppe TransAlive – das sich unsere Gesellschaft als Ganze auf die Fahne schreiben sollte!

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