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Kultur

Die Wehrlosen sind gearscht

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Ingo Bartsch hat ein berufliches Sabbatical in der Altenpflege verbracht und daraufhin einen Roman geschrieben, der nun bei Piper erscheint. Wir haben mit ihm über Missstände in der Pflege gesprochen.

Interview: Gesa Züschen

STUZ: Kannst du dir vorstellen, im Alter in einem Heim zu leben?
Ingo Bartsch: Sicher. Aber dann hoffentlich bei klarem Verstand und körperlich mobil. Die schlimmste Vorstellung ist die der Wehrlosigkeit.

Werden Wehrlose misshandelt?
Um Himmels Willen, das würde ich keinesfalls pauschal sagen. Sicher kommt sowas vor, aber da reden wir von hässlichen Einzelfällen. Aber ganz generell herrscht in der Pflege ein immenser Zeitdruck, und da werden Prioritäten gesetzt: Leute, die sich schnell beschweren, kriegen zuerst. Auch die, deren Verwandte gut aufpassen. Wenn du bettlägerig bist, dich nicht bewegen und artikulieren kannst und keine Verwandten hast, bist du richtig gearscht. Da wartest du schon mal bis halb elf auf dein Frühstück, wenn zu wenig Personal auf Station ist.

Als ich dein Buch las, blieb mir unter anderem eine Stelle besonders in Erinnerung. Die Hauptfigur findet morgens einen Bewohner und eine Bewohnerin, beide dement, gemeinsam im Bett. Nackt. Gibt es sowas wirklich?
Natürlich kommt sowas vor. Auch Demente haben das Bedürfnis nach Nähe. Die beschriebene Szene habe ich selbst erlebt. Aber keine Ahnung, wie sehr es da nachts zur Sache ging. Es hätte auch nichts gebracht, die beiden danach zu fragen – mal abgesehen von der Indiskretion hätten sie sich sowieso nicht daran erinnert.

Man braucht also starke Nerven im Altenheim.
Wo braucht man die nicht? Ich finde, das ist eines der Hauptprobleme. Es wird ständig davon gesprochen, Jobs in der Pflege attraktiver machen zu wollen. Was sagt das über Pflegeberufe aus? Dass sie unattraktiv sind. Das stimmt aber gar nicht. Es ist eine sehr positive und sinnstiftende Arbeit, man erfährt viel Dankbarkeit seitens der Klienten. Leider ist das System insgesamt beschissen. Es mangelt an Personal, es mangelt an Ausstattung, Schulungen und und und. Es herrscht ein ungemeiner Druck auf alle Beteiligten, so dass ein unschönes Klima entsteht, in dem jeder einzelne versucht, möglichst wenig Schaden davonzutragen. In solch einem Umfeld erfährt niemand Anerkennung. Dabei ist laut Erhebungen den meisten Arbeitnehmern Anerkennung sogar noch wichtiger als Geld.

Was könnte man tun, gerade angesichts des demographischen Wandels?
Die 13.000 Pflegekräfte, die Bundesgesundheitsminister Spahn in seinem Sofortprogramm zugesichert hat, sind eine nette Geste, aber das wirkt auf mich hilflos. Man muss grundlegender denken. Welche Mehrgenerationenprojekte jenseits von Heimen können wie gefördert werden? Wie schafft man es, dass alte Menschen, die keine intensive stationäre Pflege brauchen, möglichst bei ihrer Familie bleiben können oder wenigstens ambulant versorgt werden? Ist vielleicht ein verpflichtendes soziales Jahr sinnvoll, um junge Menschen für die Pflege zu begeistern? Im Moment werden sicher viele dieses Berufsfeld umschiffen, denn, wie gesagt, es wird ja ständig davon gesprochen, wie unanttraktiv es ist.

Was hältst du von Pflegerobotern?
Für mich klingt das immer nach den Fantasien eines menschenfeindlichen Sci-Fi-Autors. Es geht in der Pflege sowieso schon oft genug unmenschlich zu. Man sollte sich gut überlegen, welche Bereiche man wie sehr technisiert. Schon ein kleiner Wortwechsel beim Duschen oder Essenanreichen erhöht die Lebensqualität eines alten Menschen. So etwas fällt weg, wenn ein Roboter solche Aufgaben übernimmt. Das wäre fatal.

Ist es nicht unangemessen, einen humorvollen Roman über ein solch ernstes Thema wie die Missstände in der Pflege zu schreiben?
Ich bin leider kein Sachbuchautor, mir blieb quasi nichts anderes übrig. Und man braucht diesen schwarzen Humor auch ein Stück weit als Schutzschild. Es gibt übrigens humoristische Bücher zu noch viel ernsteren Themen. Lies mal Der Nazi und der Friseur von Edgar Hilsenrath, da geht’s um den Holocaust. Ein unglaublich witziger Roman zu dem wohl schlimmsten Thema überhaupt.

Wer ist deine persönliche Lieblingsfigur in deinem Roman?
Ich liebe sie eigentlich alle, sogar die Fiesen. Wenn ich mich festlegen muss, auf Personalseite natürlich die Hauptfigur Jules und Mike. Er ist zwar ein Arsch, aber er ist charmant dabei und gut zu den Bewohnern. Bei den Bewohnern Frau Groß, die Briefe an ihre Katze schreibt. Die ist goldig.

 

Opakalypse – ein bitterböser Altenheimroman erscheint am 2. April bei Piper Digital. Das Ebook kostet 4,99 Euro, die gedruckte Version (368 Seiten) 15,99 Euro. Die Buchpremierenlesung in Mainz steigt am 16. April um 20 Uhr im Hafeneck in der Neustadt.

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