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Er sammelt sich noch tot

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Christian Sprang sammelt ungewöhnliche Todesanzeigen. Mittlerweile besitzt er ein Archiv mit mehr als 30.000 Anzeigen und hat mit seinem Studienfreund Dr. Matthias Nöllke drei Bücher über das Thema herausgegeben.

von Inken Paletta

Christian Sprang aus Wiesbaden wirkt mit seinem blauen Pulli und seiner randlosen Brille auf den ersten Blick wie ein Jurist wie er im Buche steht. Doch im persönlichen Gespräch offenbart sich eine ordentliche Portion Humor und ein Faible für ein ungewöhnlich düsteres Thema. Denn der 57-Jährige, der in Marburg und Göttingen Jura und Musikwissenschaften studierte und heute als Justiziar für den Börsenverein des deutschen Buchhandels in Frankfurt tätig ist, hat ein sehr schräges Hobby: Er sammelt sprachlich ungewöhnliche Todesanzeigen. „Schon als Schüler habe ich die Todesanzeigen der Lokalzeitung gelesen“, verrät er. Berührungsangst mit dem Tod habe er noch nie gehabt. „Leider ist das Thema in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu.“ Dabei gehöre der Tod zum Leben dazu. Dass er wegen seines skurrilen Hobbies oft schräg angeschaut werde, störe ihn nicht. „Bei meiner Sammelleidenschaft und auch in meinen Büchern geht es ja nicht um Schadenfreude und schon gar nicht um die Verherrlichung des Todes“, sagt Sprang. „Ungewöhnliche Todesanzeigen sind für mich viel mehr Romane im Kleinformat. Sie handeln nicht nur vom Tod eines Menschen, sondern verraten auch eine Menge über sein Leben und seine Beziehung zu den Angehörigen.“ Und Biografien von Menschen haben ihn schon immer fasziniert. Außerdem sei sein Hobby auch sein ganz persönliches „Memento mori“. Es mache ihm täglich bewusst, dass auch sein Leben endlich sei.

Mit der eigenen Website kam der Erfolg

Begonnen hat alles in seiner Studi-WG. „Bei uns gab es irgendwann das Ritual, ungewöhnliche Todesanzeigen auszuschneiden und aufzuheben“, erinnert er sich. So türmten sich in der WG-Küche schließlich Berge an Zeitungsschnipseln. Sein Hobby sprach sich im Freundes- und Bekanntenkreis schnell herum. Auch andere Sammler ließen ihm Anzeigen zukommen. „Alleine hätte ich ein so großes Archiv gar nicht aufbauen können“, gibt er zu. „Meine Frau brachte mich dann auf die Idee eine eigene Internetseite für die Anzeigen zu gestalten, damit sie sich nicht immer die gleichen Geschichten dazu anhören musste.“ Gesagt, getan: 2003 ging seine Website online. „Den Link habe ich damals per E-Mail an meine 29 Sammlerfreunde geschickt“, erzählt Sprang, der nicht ahnte welchen Schneeballeffekt die Mail haben würde. „Plötzlich erhielt ich Zuschriften von Sammlern aus der ganzen Republik und Langenscheidt bot mir an, ein humoristisches Wörterbuch zum Thema Tod zu schreiben“, erinnert er sich. Doch gemeinsam mit Autor Matthias Nöllke, einem Kumpel aus Studienzeiten, entschied er, seine eigene Buchidee zu verfolgen und „DAS“ Buch über Todesanzeigen zu schreiben.“ Fünf Tage verbrachte Sprang im Archiv des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, wälzte sich dort durch Stapel an Todesanzeigen, um seine Sammlung zu ergänzen. Schließlich wollten sogar mehrere Verlage das Buch „Aus die Maus“ verlegen. Die Entscheidung fiel auf Kiepenheuer & Witsch. Die erste Auflage war ruckzuck vergriffen, so dass nach drei Tagen 50.000 Exemplare nachgedruckt werden mussten. Bereits ein Jahr später hatte Sprang mehr als 3.000 Zuschriften von Sammlern erhalten, aber auch E-Mails von Angehörigen, deren Todesanzeigen in seinem Buch abgedruckt waren. „So habe ich bei vielen Anzeigen die Geschichte dazu erfahren. Das fand ich sehr spannend.“ Durch das enorme Feedback gab es sogar soviel Material, dass mit „Wir sind unfassbar“ und „Ich mach mich vom Acker“ zwei weitere Bücher folgten.

Todesanzeigen sind ein Spiegel der Gesellschaft

„Ungewöhnliche Todesanzeigen sind so bunt wie das Leben selbst“, meint Sprang. Oft wirken sie für Außenstehende skurril, weil man die Person und die Geschichte dahinter nicht kennt. Das zeige sich zum Beispiel in der Anzeige für einen Wasserbauingenieur mit dem Spruch: „Nicht nur die Abwasserwelt wird ihn vermissen.“ oder auch in einer Anzeige über einen Fußballfan: „Er starb wie gewünscht im Neckarstadion.“ Natürlich gebe es auch Anzeigen mit ungewollter Komik oder solche mit Fehlern und Stilblüten. „Todesanzeigen sind auch ein Spiegel der Gesellschaft“, meint Sprang. In den 50er-Jahren seien Bibelzitate als Motto in gewesen. „In den 60er- und 70er-Jahren haben die Angehörigen mehr Wert auf ein christliches Bildmotiv gelegt. Die betenden Hände fand man zu der Zeit in sehr vielen Nachrufen.“ Heute häufen sich Anzeigen mit allgemeinen Lebensweisheiten, Fotos der Verstorbenen und ungewöhnliche Sprüche wie „Ich bin dann mal weg“ oder „Ich bin umgezogen““. Viele Nachrufe würden auch in der Ich-Form verfasst, zum Beispiel weil der Verstorbene seine Anzeige zu Lebzeiten selbst verfasst hat. „Diese Selbstinszenierung passt natürlich ins Zeitalter von Facebook und Co“, so Sprang. Und auch wenn man es nicht erwarte, im alpenländischen Raum sei es verbreitet, Todesanzeigen humorvoll zu gestalten. „Dieses Ritual geht auf den katholischen Brauch des Osterlachens zurück, bei dem an Ostern und zur Auferstehung Jesu Christis Teufel und Tod verlacht werden.“ Auf die Frage, wie er seine eigene Todesanzeige gestalten würde, meint Sprang: „Die Gestaltung einer Todesanzeige ist aus meiner Sicht Sache der Hinterbliebenen. Sie dient vor allem der Verarbeitung des Verlustes, den diese erlitten haben. Deshalb mache ich mir darüber keine Gedanken.“

 

WTF: E-Mail: todesanzeigen@gmx.de
Weitere Informationen zum Autor, seinen drei Bücher „Aus die Maus“ (2009), „Wir sind unfassbar“ (2019) und „Ich mach mich vom Acker (2013) und sein umfangreichen Online-Archiv über Todesanzeigen gibt es unter www.todesanzeigensammlung.de

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