Lade

Tippen zum Suchen

Stadt

Rechtsradikal und die Angst vor Migration

Teilen

Zwei Mainzer Politologen haben sich mit der Wählerschaft der AfD befasst und erstmals auch umfassend Facebook-Posts in ihre Analyse einbezogen. Das Ergebnis ist nicht wirklich überraschend.

Von Jonas Julino

Seit Jahren steht die Alternative für Deutschland (AfD) im Rampenlicht. Nach ihrer Gründung 2013 avancierte sie schnell zum medialen Hype, wurde Gesprächsthema in Familien, Freundeskreisen und Stammtischen. Keine andere Partei polarisiert aktuell so, wie es die AfD um Höcke, Gauland und Weidel tut. Reden und Äußerungen mit rassistischem Tenor oder das Leugnen des Klimawandels gehören für viele Funktionäre zum Tagesgeschäft. Angefangen hat die AfD dennoch recht harmlos – als eurokritische Partei um Parteimitbegründer Bernd Lucke. Jedoch änderte sich die Themenauswahl schnell und die Partei wurde radikalisiert. Diesen Radikalisierungsprozess haben zwei Mainzer Politikwissenschaftler in einer Studie überprüft und Beweise für den Rechtsruck der Partei und der Wählerschaft gefunden. Dafür analysierten Professor Kai Arzheimer und Dr. Carl Berning von der Uni Mainz den Facebook-Auftritt der AfD und Daten der Deutschen Wahlstudie zwischen den Jahren 2013 und 2017.

Lange Zeit hatten es Parteien vom äußeren rechten Rand schwer in Deutschland. Der NPD, dem Dritten Weg oder den Republikanern blieb der große Erfolg verwehrt. Während in anderen westeuropäischen Ländern starke rechte Parteien schon lange zur Parteienlandschaft zählen, gab es in Deutschland bis vor einiger Zeit keine salonfähige Partei dieser Art. Das änderte sich mit der AfD. Besonders seit dem Spätsommer 2015, als hunderttausende Asylsuchende ins Land kamen, gewann die Partei an Bedeutung. Ein neues Profil etablierte sich, deutlich spürbar nach dem Ende von Bernd Lucke im Juli des gleichen Jahres. „Die Führungskrise im Jahr 2015 und die politische Neuausrichtung hätten zum Untergang der AfD führen können, aber der Zustrom von Flüchtlingen spielte den Rechtsradikalen in die Hände“, schreiben Arzheimer und Berning in ihrer Studie. Weniger Europa- und Eurokritik, mehr Stimmungsmache gegen Flüchtlinge und Islam. Die beiden Politikwissenschaftler analysierten über mehrere Monate hinweg Facebook-Posts der Partei. Anhand von Schlüsselbegriffen konnten thematische Unterschiede im Laufe der Zeit festgestellt werden. Die Politologen betonen, dass der Social-Media-Auftritt von besonderer Relevanz ist. „Er ist das Sprachrohr der Partei“, unterstreicht Berning. Vor 2015 dominierte das Thema Euro, ab Anfang 2015 steigt das Thema Migration. Die Wende kam im Sommer des gleichen Jahres. Von da an war Migration und später der Islam die relevanten Themen im Netz.

Noch nicht extremistisch, aber längst radikal

Arzheimer und Berning fanden mit Hilfe von Daten der deutschen Wahlstudie außerdem heraus, dass sich zur gleichen Zeit auch die Wählerschaft änderte: von anfänglich gemäßigten, euroskeptischen Unterstützern aus einem breiten politischen Spektrum, hin zu Wählern des rechten Rands. „Die Wähler entsprechen nun dem Prototyp des westeuropäischen populistischen, rechtsradikalen Wählers“, so Berning. Der Begriff „rechtsradikal“ ist ein durchaus umstrittener und ohne eindeutige Definition. „Radikalismus unterscheidet sich deutlich vom Extremismus. Der Extremismus richtet sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Extremistische Parteien sind antidemokratisch, radikale Parteien nicht“, stellt Berning dar. Der AfD-Wähler hat also radikale Ansichten, wie beispielsweise Fremdenfeindlichkeit, ist aber nicht notwendigerweise systemfeindlich.
Da stellt sich die Frage: Wie sieht er aus, der typische AfD-Wähler? Eine klare Antwort gibt es darauf aber nicht. „Die Wählerschaft ist heterogen. Es wählen sehr unterschiedliche Menschen die AfD“, betont Berning. Dennoch lasse sich ein Prototyp erkennen. „Typischerweise ist der Wähler männlich, mittel bis niedrig gebildet, der EU skeptisch gegenüber eingestellt und er gehört meistens der Arbeiterklasse an.“ Das treffe natürlich nicht auf alle zu. „Aber alle haben eins gemein: die Angst vor Migration. Nicht alle, die Angst vor Migration haben, wählen per se die AfD. Aber alle AfD-Wähler haben Angst vor Migration“, so der Politikwissenschaftler.

 

Tags:
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Dies könnte auch interessant sein

Verwandte Artikel