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„Möchten Sie einen Kaffee?“

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Prof. Dr. Gerhard Trabert, frischgebackener „Hochschullehrer des Jahres“ und vielen bekannt als „der Arzt für die Armen“, hat ein neues Buch geschrieben: „Der Straßen-Doc – Unterwegs mit den Ärmsten der Gesellschaft“. Wir haben ihn dazu interviewt.

STUZ: Herr Professor Trabert, Sie sind seit über 25 Jahren unterwegs und helfen den Armen. Was war der Bewegrund, dieses Buch zu schreiben?
Prof. Trabert: Ich will auf die Ärmsten der Gesellschaft aufmerksam machen. Als Obdachlosen- oder Armenarzt bin ich oft im Mittelpunkt, dabei sollten es die von Armut- und Wohnlosigkeit betroffenen Menschen sein, die im Fokus stehen. Ich will deren Geschichten erzählen, wie es dazu kam, denn hinter jedem Betroffenen gibt es eine Geschichte warum er oder sie arm und wohnungslos ist.

Warum sind Menschen arm und wohnungslos?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zusammengefasst werden sie durch den Begriff „Life-Event-Erfahrungen“. Das sind Erlebnisse, die die Betroffenen nicht verarbeiten und bewältigen können. Die häufigsten Gründe sind Trennung oder der Verlust eines geliebten Menschen, aber auch Arbeitsverlust und Krankheit. Wenn diejenigen keinen menschlichen Rückhalt haben, sich nicht fallen lassen können, können sie schnell in die Armut und die Wohnungslosigkeit rutschen. Ich sehe mich als Vermittler, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren, die wenig mit der Thematik in Berührung gekommen.

Ist die Wohnlosigkeit ein starker Ausdruck von Ohnmacht?
Ja, kann man so sagen. Die Betroffenen sind überfordert mit der Life-Event-Erfahrung und sind nicht imstande, ihren Alltag zu meistern und verlieren deswegen ihren Job und schließlich ihre Wohnung.

Sie sehen sich als Vermittler wie wichtig ist es Begegnungen zu schaffen?
Es ist absolut wichtig, Begegnungen zu schaffen. Nur durch Begegnungen kann man sensibilisiert werden. Ich selbst habe mich durch Selbsterfahrung dafür sensibilisiert. Meine erste Begegnung mit Armut war der Kontakt zu Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten. Ich war noch Student und habe für mehrere Wochen in einem Wohnheim für wohnungslose Männer gelebt, um mich mit der Thematik vertrauter zu machen. Diese Zeit hat mich enorm geprägt.

Wieso findet in der Gesellschaft keine große Solidarität mit den Betroffenen statt?
Ja, das ist eine schwierige Frage. Wahrscheinlich ist der soziale Abstieg für die meisten Menschen allgegenwärtig und sie wollen sich nicht damit befassen beziehungsweise konfrontiert werden. Das kann ich nachvollziehen. Man kann durchaus von einer Art Verdrängung sprechen. Viele wissen nicht, wie sie sich gegenüber Wohnungslosen verhalten sollen. Mein Rat, einfach die Betroffene Person fragen, was man Gutes für sie tun könne. Möchten Sie einen Kaffee oder was zu essen? Dabei ist die Kontaktaufnahme sehr wichtig und ist die eigentliche gute Tat. Denn das höchste Gut, dass man den Menschen geben kann, ist seine Zeit. Viele der Betroffenen brauchen nur jemand, der ihnen zuhört.

Sie beschreiben im Buch Ihre Arbeit als Notarzt und merken auch an wie sehr es eines psychischen Notarztes bedarf. Wo sehen Sie da Nachholbedarf?
Ärzte haben generell einen anderen Zugang zu dieser Thematik. Es wird im Studium zu wenig darüber gelehrt. Das muss geändert werden. Und es gibt zu wenige Ärzte und Psychiater. Das sehe ich Nachholbedarf. Ich sehe mich in erster Linie als Sozialarbeiter und dann als Arzt. Ich bezeichne mich selbst als Sozialarbeiter mit zusätzlicher Qualifikation, das heißt ich habe mich dem Thema Armut über die Sozialarbeit angenähert und nicht über die Medizin. Das macht einen großen Unterschied.

Wie sehr halten Sie Bürokratie als das Hindernis in Ihrer Tätigkeit?
Das fängt schon bei der Sprache an. Formulare bei Ämtern sind oft in einer Beamtensprache verfasst und dadurch schwer verständlich. Das ist für viele eine Hürde, die sie nicht ohne Hilfe bewältigen können. Manchmal habe ich das Gefühl, die komplizierte und unpersönliche Sprache wurde bewusst gewählt, damit Menschen ihre Rechte nicht wahrnehmen. Eine vereinfachte, simple Sprache würde da sehr hilfreich sein und ein Hinbewegen auf den Menschen und seine Rechte bedeuten, beispielsweise das Recht auf Beratung.

Wie sehr spielt Sozialrassismus eine Rolle?
Der spielt eine erhebliche Rolle. Es gibt diejenigen, die sagen, wir haben ein größeres Einkommen, zahlen mehr Steuern und sind dadurch berechtigt mehr Rechte zu haben. Diese stellen sich über die Menschen, die weniger verdienen und verweigern die Solidaritätsgesellschaft. Diese Art von Sozialrassismus kommt immer häufiger in der Gesellschaft vor. Diese Menschen sind überhaupt nicht sensibilisiert für Armut.

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