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H2Obdachlos in Mainz

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Wasser ist Lebenselexir und Menschenrecht. Trotzdem müssen in der sommerlichen Mainzer Steinwüste Menschen auf dem Trockenen sitzen. Eine Aktion will Abkühlung schaffen.

von Lea Krumme

Justin Weisang ist Notfallsanitäter bei den Maltesern. Im Job kommt er mit einem wohnungslosen Mainzer ins Gespräch. Auf die Frage, woran es auf der Straße am meisten mangle, folgt die erschütternd fundamentale Antwort: Wasser. Aus Schock wird Initialzündung. Justin sammelt über Crowdfunding Geld, das 1:1 in Wasser umgewandelt werden soll, sucht Hilfe bei Freunden und Kollegen. Schon bald findet sich so starker Anklang, dass das Projekt logistisch nicht mehr im Alleingang durchzuführen ist. Die Malteser stellen Dienstwagen zur Lagerung und Auslieferung zur Verfügung. Von gespendeten 1.300 Euro werden die ersten 500 in 2.000 Liter Wasser umgewandelt. Sixpacks von 1,5er Einwegflaschen stapeln sich im Wagen und zur Zwischenlagerung im Verein Arbeit und Gesundheit in Deutschland, dessen Gründer Dr. Gerhard Trabert mit dem Arztmobil bereits ein stabiles Netzwerk in der Mainzer Wohnungslosen-Szene etabliert hat

Wasserspender am Brennpunkt
Der Grund-„Wasserspender“-schritt: Nähern, vorstellen, Einverständnis einholen. Ein bis zwei Sixpacks gelangen so in den Besitz eines Wohnungslosen. Das Okay ist Key: Hilfe kann immer nur ein Angebot sein, die Selbstbestimmung des Empfängers muss großgeschrieben werden. Schließlich sitzen da Menschen auf der Straße. Mit Schicksalen, Stolz, Würde und auch Scham. Bevormundung, auch gut gemeinte, ist hier fehl am Platz. Vielmehr braucht es Wertschätzung, Urteilsfreiheit und Vertrauen. Die meisten nähmen das unverhoffte, bedingungslose Angebot gern an, freut sich Justin. Nur eine Person habe bisher abgelehnt. Zumindest vor seinen Augen sei auch bislang keine Flasche rein für Pfandzwecke ausgekippt worden – „die Leute sind ja nicht dumm“ – und selbst wenn das kühle Nass zur Erfrischung und Reinigung statt durch die Kehle eben über den Körper fließe, sei auch das vollkommen legitim. Selbstverständlich, wer kann bei schwüler Sommerhitze keine kalte Dusche vertragen? Nur leider ist es ohne Zugang zu fließendem Wasser auch mit der Körperpflegeroutine nicht so einfach. Was sich für die Betroffenen selbst stark auf die persönliche Hygiene und damit auf das gesamte Wohlbefinden auswirkt.
Es gäbe in Mainz doch Brunnen und den Rhein, kommentieren einige wenige Kritiker der Aktion auf Facebook – aber wem will man zumuten, sich in Wasser zu waschen, das etwa Vögel als WC nutzen? Geschweige denn es zu trinken. Zwar gibt es Anlaufstellen für Wohnungslose, die immer auch Wasser zur Verfügung stellen, allerdings gestaltet sich der Zugang als nicht gänzlich barrierefrei: Manche Wohnungslose sind medizinisch eingeschränkt, immobilisiert, gerade in der Sommerglut der Sonne stets ausgeliefert, schweren Sonnenbränden und -stichen ausgesetzt. Dehydrierung tut ihr Übriges für den „Teufelskreislaufkollaps“. Geschäfte und Lokale, die Wasser in selbst mitgebrachte Flaschen ausschenken, binden Durstige an spezifische „Sperrzeiten“. Abgesehen davon, dass das Betreten solcher Örtlichkeiten als Bedürftiger sehr unangenehm sein kann, ist so eben auch keine freie, (selbst-)ständige Wasserversorgung etwa nachts gewährleistet. Öffentliche Wasserspender könnten/sollten Abhilfe schaffen. Schon aus sozialer Verantwortung. „In dem gesellschaftlichen Modell, in dem wir leben, sollte das drin sein.“ Justin und Team erhoffen sich „als Etappensieg“ über das öffentliche Echo einen Zugang zu Verantwortungs-
trägern in der Kommunalpolitik zu finden. Denn eine langfristige Lösung, wie Trinkbrunnen oder saisonale Versorgungs-Shuttle, ist von ein paar ehrenamtlichen Privatpersonen mit regulärem Job nicht zu stemmen.

Schattenseite Trinkgeld
Bei zwei Einweg-Sixern bleiben dem Empfänger am Ende 3 Euro „Trinkgeld“ in Pfand. Dieses ist nicht an Bedingungen geknüpft – wieder: Selbstbestimmung! Im Vorfeld musste abgewogen werden: Plastikverschmutzung oder schwere Glasflaschen mit Scherbengefahr? „99 Prozent der Plastikflaschen werden den Weg zurück zum Recycling finden“, ist sich Justin sicher. Ob die geringfügige Geldspende den Alkoholkonsum von Menschen mit Suchtproblem unterstütze? Fakt ist: „Auch Wohnungslose entscheiden selbst über ihren Durstlöscher.“ Problematisch: Wenn Bier Primärgetränk wird, entzieht es dem Körper nur noch mehr Flüssigkeit. Und dann wird es bei dreißig Grad medizinisch ernsthaft. Wohnungslose brauchen also Wasser.
Letztlich geht es bei Wasser für wohnungslose Mainzer um Sensibilisierung für die Situation von Wohnungslosen generell, speziell aber im Sommer. „Wassernot gibt’s auch vor der eigenen Haustür!“ Wenn jeder persönlich im Alltag mit offenen Augen durch die Straße ginge, ab und zu aktiv würde, mal eine wettertauglichere Jacke oder etwas zu Essen (und Trinken!) aus dem Supermarkt in respektvollem Abstand abstellen würde, was der*die Wohnungslose in der Nachbarschaft sich selbstbestimmt nehmen könnte – „wenn das nur jede*r Zehnte hin und wieder tun würde…“ – dann könnte das für Teilende selbstverständlich und für Empfangende existenziell sein.
Infos: /WasserfuerwohnungsloseMainzer.

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