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Klimakampf in Wiesbaden

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Fridays for Future löst weltweit Debatten aus, aber auch vor Ort engagieren sich junge Menschen für gute Klimapolitik. Mit Joelle Sander (rechts), Pressesprecherin, und Helene Borries, Mitglied im Wiesbadener FFF-Team, haben wir über die Bewegung in der Landeshauptstadt gesprochen.

von Shayan Julien Mirmoayedi und Katja Noll

STUZ: Was sind die lokalen Forderungen von FFF Wiesbaden?
FFF Wiesbaden: Zu unseren Forderungen gehört beispielsweise den Wiesbadener Energieverbrauch bis spätestens 2035 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen. Außerdem fordern wir ein Bebauungsverbot für klimatisch wichtige Flächen wie in Ostfeld/Kalkofen. Dort wird in einem großen Gebiet unter anderem die Frischluft für Teile von Mainz und Wiesbaden regeneriert, was einen sehr wichtigen Einfluss auf das Mikroklima in Wiesbaden hat. Bei Bebauung würde die Stadt wahrscheinlich um ein bis zwei Grad wärmer werden. Wir befürworten die Citybahn. Wenn sie tatsächlich genutzt wird und das Konzept aufgeht, sehen wir darin ein großes Potential, um die Verkehrswende in Wiesbaden umzusetzen. Wir fordern auch einen billigeren oder eventuell kostenlosen ÖPNV, damit er mehr genutzt wird – die Citybahn müsste also kostengünstig nutzbar sein. Zu unseren weiteren Forderungen zählen die Bebauung der circa 35.000 nutzbaren Dächer mit Solaranlagen und ein Klimabonus für Haushaltsbegrünung. Eine weitere regionale Forderung außerhalb Wiesbadens ist die Erhaltung des Dannenröder Waldes. Für die A49 sollen dort über 100 Hektar Wald gerodet werden, obwohl eine Verbindung durch die A5 und die A7 schon besteht. Unsere Forderungen werden wir übrigens demnächst in einem umfassenden Katalog veröffentlichen.

Wie versucht ihr eure Ziele zu erreichen?
Primär durch Demos. Dadurch bekommen wir einfach die meiste Aufmerksamkeit. Oder durch Kundgebungen an einem festen Ort, die von der Effizienz eher danach stehen. Ansonsten haben wir in der Coronazeit Kreide- oder Banneraktionen gemacht, die Aufmerksamkeit erzeugen, weil die meisten Menschen sich die Banner durchlesen und man viel ins Gespräch kommt. Wir organisieren Infostände und einige weitere Aktionen – es ist wichtig, aktiv auf die Menschen zuzugehen. Generell sind wir darauf angewiesen, dass eine große Masse uns hört, also wir viel in der Öffentlichkeit stattfinden.

Habt ihr schon Erfolge erzielen können?
Letztes Jahr wurde in Wiesbaden der Klimanotstand ausgerufen und im Moment bemerkt man in Wiesbaden einige neue Fahrradwege – wir sind aber noch weit von einem guten Fahrradwegenetz entfernt. In der Bevölkerung ist außerdem das Bewusstsein für die Probleme der Klimakrise grundsätzlich gestiegen. Ansonsten muss man aber sagen: Es passiert so wenig, dass es fast keinen Unterschied gäbe, wenn nichts passieren würde. Und das, obwohl ja der Klimanotstand ausgerufen wurde. Es kommen immer große Worte und am Anfang haben wir auch von vielen Politikern Zuspruch bekommen. Es wurde gesagt, dass man unser Engagement toll findet, aber toll finden ist nunmal die eine Sache und wirklich dafür zu sorgen, dass etwas passiert, die andere.

Findet ein Austausch zwischen euch und Lokalpolitikern statt?
Am Anfang lief das relativ gut, da gab es manchmal Gespräche und wir wurden gefragt, wie wir zu bestimmten Themen stehen. Nachdem wir der Stadt Wiesbaden 2019 unser Klimazeugnis verliehen hatten, gab es auch ein Gespräch. Aber mittlerweile findet das kaum mehr statt.

Fühlt ihr euch von Politikern ernst genommen?
Nein, ehrlich gesagt nicht. Das hat sich beispielsweise bei der diesjährigen Klimazeugnisverleihung an die Stadt gezeigt. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende hat damals sehr kurzfristig vor der Veranstaltung abgesagt – da fühlt man sich von der Politik nicht ernstgenommen. Wir machen natürlich weiter unser Ding, aber wenn nicht einmal die Leitung der Stadt das Weltproblem des Klimawandels ernst nimmt, spricht das schon Bände. Und dann fragt man sich, was ist mein Engagement überhaupt wert? Man steckt da so viel Energie rein, arbeitet bis nachts um drei an diesem Zeugnis, malt Transparente, plant und organisiert. Es ist wichtig auch die kleinen Erfolge nicht geringzuschätzen. Selbst, wenn es nur eine Person ist, die auf einer Demo überzeugt wird, sich mehr mit dem Klimathema beschäftigt und zum Beispiel versucht weniger Fleisch zu essen, ist das schon ein unmittelbarer Erfolg. Aber, wenn man hohe Ambitionen hat und will, dass die Politik die Probleme ernsthaft angeht, dann wird man derzeit leider enttäuscht.

Wie versucht ihr Menschen zu überzeugen, die den Klimawandel zwar nicht leugnen, die Gefahr aber nicht besonders ernst nehmen?
Das schafft man am besten durch das persönliche Gespräch. Vielen Menschen erscheinen die Probleme weit weg oder sie haben Angst vor Veränderung. Wenn man auf die Personen zugeht und über die Probleme, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten aufklärt, dann erreicht man beim Einzelnen viel. Für die Überzeugungsarbeit sind Fakten wie die Kipppunkte, Waldbrände, das Artensterben oder Klimaflüchtlinge sehr wichtig. Es muss klar werden, dass die Klimakrise uns alle angeht: Der Klimawandel ist menschengemachtes Problem für den Menschen selbst.

Tragen die Politik, Bürger oder Unternehmen die meiste Verantwortung für das Handeln in der Klimakrise?
Zunächst hat jeder Bürger die Verantwortung, im Rahmen seiner Möglichkeiten klimafreundlich zu handeln. Dieser Verantwortung muss sich der Einzelne bewusst werden. Die Unternehmen müssen sich neu aufstellen und klimabewusst wirtschaften. Sie haben sogar die Möglichkeit Druck auf die Politik auszuüben und diese anzuspornen, Klimafreundlichkeit wirtschaftlich attraktiver zu machen.
Die meiste Verantwortung trägt die Politik. Sie muss gesetzliche Rahmenbedingungen setzen. Nur sie kann eine Emissionssteuer oder das Ende der Kohlesubventionen, Gesetze gegen Massentierhaltung oder Anreize für eine Verkehrswende beschließen.

Welchen Einfluss hat das Coronavirus auf eure Arbeit?
Wir leben ja von unseren Demos und durch Corona konnten wir eine Zeit lang keine Demos machen. Vor Corona hatten wir einen guten Zulauf, der durch die Pandemie weitestgehend gestoppt wurde.
Die Klima- und Coronakrise sind beides Katastrophen, nur in der Coronakrise sind die Folgen für den Menschen direkt sichtbar. Die Folgen des Klimawandels sind lang- und mittelfristig jedoch viel gefährlicher. Die Coronapandemie hat gezeigt, wie schnell die Politik in Krisensituationen handeln kann und das muss sie bei der Klimakrise endlich auch tun.

 

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