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Geständnisse eines Mageirocophobikers

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Ein Plädoyer gegen die Ignoranz vor der grausamen Mageirocophobie – der Angst vor dem Kochen.

Von Konstantin Mahlow

Zu Beginn der Corona-Krise war es für Karsten S. noch auszuhalten. Auf dem Konto schlummerten noch die letzten Reserven aus dem Winter, als die Welt kalt und verregnet, aber sonst noch völlig in Ordnung war. „Klar, in Restaurants zu gehen war schon am Anfang schwierig, weil man immer reservieren musste. Aber die Dönerbuden und Pizzerien bei mir am Eck haben mich am Leben gehalten.“ So weit, so normal. Doch im Verlauf der Pandemie wurde die Kurzarbeit zur Regel und das Budget immer knapper. Und umso weniger Geld für Essen da war, das andere zubereitet hatten, umso schneller rutschte Karsten in eine Abwärtsspirale, aus der es kein Entrinnen gab: „Am Ende habe ich am Parkteich nach Brotstücken gesucht, die für die Enten zu hart waren. Ich würde sagen, das war der absolute Tiefpunkt meines Krankheitsverlaufs.“

Die Krankheit, unter der Karsten S. leidet, ist hierzulande so unbekannt, dass es noch nicht einmal einen Wikipedia-Beitrag in deutscher Sprache über sie gibt. Die Rede ist von der Mageirocophobie – einer speziellen Phobie, die die übertriebene Angst zu kochen bzw. vor dem Kochen bezeichnet. Betroffene meiden Küchen oder andere Orte, an denen Speisen zubereitet werden, und würden selber nicht mal im Traum daran denken, am Herd zu stehen. Eine Todesangst, so irrational wie die vor Spinnen oder der Prostatakrebs-Vorsorge, macht es für sie schlicht unmöglich, Nudeln aufzukochen oder Kartoffelscheiben zu braten. „Ich konnte am Ende nicht mal eine Banane schälen, ohne eine Panikattacke zu bekommen. Tiefkühlpizza, Curry-King, Instant-Nudeln? Kann ich alles vergessen. Die Mikrowelle zu bedienen ist ja auch ne’ Art zu kochen, da habe ich keine Chance.“

In Prä-Corona-Zeiten konnte Karsten seine Phobie noch mit Großzügigkeit kaschieren. Freunde und Freundin waren dankbar, ständig eingeladen zu werden, und sagten kein Wort, wenn am gemeinsamen Pärchen-Abend wieder Essen vom Asia-Wok auf dem Tisch stand. Als das Geld dann knapp wurde, bröckelte die Fassade: „Meine Freundin wollte dann auf einmal, dass ich ihr morgens einen Toast mit Marmelade beschmiere. Ich habe das ein-, vielleicht zweimal versucht. Als ich das Brotmesser in der Hand hatte, musste ich mich sofort übergeben.“ Doch selbst in diesem Moment der ungeschönten Offenbarung war die Scharm letztendlich zu groß: „Ich habe dann einfach behauptet, ich wäre noch verkatert vom Vorabend.“ Eine Zeit lang ging das gut – bis die nackte Wahrheit schließlich doch ans Licht kam.

Karsten pausiert mehrmals, holt tief Luft, während er an die Decke starrt. Es fällt ihm sichtlich schwer, über diesen Tag zu reden. „Als die Kohle immer knapper wurde, waren wir eines Tages in einer größeren Kantine mit günstigen Angeboten. Mir war schon vorher etwas mulmig bei der Sache, aber was sollte ich meiner Freundin denn sagen? Immerhin war da ja alles schon vorgekocht. Ich dachte, das schaffe ich schon irgendwie.“ Ein Irrtum, der dann zutage kam, als Karsten vor seinem Lieblingsgericht stand: „Kartoffelbrei mit Gulasch. Wie geil, dachte ich, als ich das kleine Etikett auf dem Tisch gesehen habe.“ Das Problem: Kartoffelbrei und Gulasch wurden in getrennten Pötten serviert. „Als ich mir den Kartoffelbrei auf den Teller genommen habe, war alles noch gut. Aber als ich dann einen Löffel vom Gulasch in der Hand hatte, kurz bevor ich ihn auf dem Brei kippen wollte, da habe ich gemerkt: Scheiße, was mache ich hier eigentlich? Ich bereite gerade eine Speise zu.“

Für einen Betroffenen können solche Momente verschiedene Konsequenzen haben. Möglich ist etwa eine Schockstarre oder auch das unkontrollierte Wasserlassen, dass man von Menschen kennt, die eine echte Todesangst verspüren. Im Fall von Karsten war es beides: „Ich stand dann da, während um die 50 Personen in der Schlange hinter mir immer lauter und ungehaltener wurden, weil es nicht weiter ging. Ich konnte mich einfach nicht mehr bewegen. Das einzige, was ich noch spürte, war der Urin an meinen Beinen.“ Leider reagieren viele Partner in solchen Situationen nicht mit dem nötigen Verständnis. „Als ich mich zu meiner Freundin gedreht habe, war sie schon längst über alle Berge.“

Jetzt muss auch ich tief durchatmen, nachdem Karsten mir seine furchtbare Geschichte erzählt hat. Menschen mit Mageirocophobie werden noch immer allzu gerne als „Drückeberger“ oder „Faulpelze“ bezeichnet. Dabei kennt kaum jemand den Schmerz, der tief in ihrer Seele ruht. Auch ich kenne ihn offensichtlich noch nicht genug. Als ich Karsten am Ende unserer Gesprächs nach einem Tee frage, mit dem Hinweis, dass ich den Wasserkocher auch selbst bedienen kann, werde ich kurzer Hand mit den Worten „Ich dachte, du nimmst das ernst, du Arschloch!“ aus seiner Wohnung geworfen. Ich lasse ihn einen Zwanziger für den Lieferservice da und wünsche ihm alles Gute.
Der Artikel wurde zunächst veröffentlicht im Gastro City Guide, Ausgabe 2/2020. gastro-city-guide.de

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