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Herr der Nüsse

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 9: Das Eichhörnchen

Von Konstantin Mahlow

Irgendwo im Wiesbadener Dichterviertel: Eine kleine Gruppe Tierfreunde hat sich versammelt, um mit der Kamera ein beeindruckendes Naturschauspiel einzufangen. Mit verrenkten Köpfen stehen sie am Rande einer Haselbaumallee und suchen das Geäst ab. Alle paar Minuten heißt es plötzlich: „Da springt wieder eins!“ Zeigefinger schnellen in die Höhe und wieder zurück auf die Auslöser. Und tatsächlich: Mit einem Sprung überwindet ein feuerrotes Eichhörnchen die vier Meter breite Straße, die die zwei Baumreihen voneinander trennt, scheinbar mühelos. Auf der anderen Seite angekommen, jagt es sofort einem seiner Artgenossen hinterher – unberührt von den staunenden Gaffern unter ihm. Zwar misslingen die Bilder, doch die Hobbyfotografen werden von den umtriebigen Nagern noch einige Chancen bekommen.

Jedes Kind kennt sie und kaum jemand ist nicht von ihrem putzigen, verspielten Charakter angetan: Eichhörnchen, genauer gesagt Eurasische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) gehören zu den beliebtesten Tieren in unseren Städten. Mit ihrer atemberaubenden Akrobatik, die im hiesigen Tierreich ihres Gleichen sucht, und ihrer auffälligen Fellfarbe sind sie unverwechselbare Bewohner alter Parks, Friedhöfe und Gärten. Und doch ist es immer ein magischer Moment, einem „Baumfuchs“ (althessisch) beim Spaziergang zu begegnen. Auch Jahrhunderte nach ihrem Einzug in die menschengemachten Ökosysteme der Großstädte haben sie sich ihre gesunde Vorsicht bewahrt. Dank ihrer starken Krallen und dem im Vergleich zur Körpergröße extrem langen Schwanz, der der Balancierung dient, bewegen sie sich schwindelfrei und mit hoher Geschwindigkeit und Präzision von Ast zu Ast. In der heimischen Tierwelt kann da nur der Baummarder mithalten, der aber zum Glück der Eichhörnchen in den Wäldern geblieben ist.

Die tagaktiven Tiere ruhen in Nestern, Kobel genannt. Ein Eichhörnchen unterhält immer mehrere Behausungen auf einmal und nutzt sie für unterschiedliche Zwecke. Im Gegensatz zu den Gartenschläfern halten sie keinen Winterschlaf, dafür aber ausgiebige Mittagsruhe in den Sommermonaten. Zwischen Mai und August werden in den Kobeln die Jungen geboren. Sie werden allein von der Mutter aufgezogen, während der Vater sich nach dem Wurf eine neue Partnerin sucht. Nach sechs Wochen kann man die Kleinen dabei beobachten, wie sie erste Entdeckungstouren unternehmen, nach frühestens acht Wochen ernähren sie sich selbstständig. Eichhörnchen sind waschechte Allesfresser und lieben neben Nüssen vor allem Beeren, Früchte, Samen und Knospen, gerne auch wirbellose Tiere, Vogeleier und Küken. Doch trotz ihres flexiblen Speiseplans ist es eine harte Welt für die jungen Hörnchen: 80 Prozent sterben im ersten Lebensjahr.

Die Zahl ist aber, so grausam sie erst einmal klingt, völlig natürlich und keine Gefahr für die Population. Eine weitaus größere Bedrohung stellt dagegen das nordamerikanische Grauhörnchen dar, das in Großbritannien und Italien eingebürgert wurde. Wo es auftaucht, verdrängt es das Eurasische Eichhörnchen. Das liegt am besseren Gedächtnis: Genauso wie ihre europäischen Verwandten vergraben sie Vorräte für den Winter, finden diese aber zuverlässiger und räumen dabei noch die ihrer Konkurrenten aus. In Laub- und Mischwäldern wird so mit der Zeit aus rot grau, nur in Nadelwäldern hält sich die einheimische Art. Und dort, wo es ausreichend viele Baummarder gibt, da die weniger flinken Grauhörnchen eher von ihnen erbeutet werden. Dennoch wird befürchtet, dass es auch hierzulande zu einer Verdrängung durch die amerikanischen Einwanderer kommt, sobald sie ihren Weg zu uns finden – was bisher noch nicht geschehen ist.

Für die Stadthörnchen im STUZ-Gebiet sind das (noch) ferne Sorgen. Jetzt im Mai haben sie vor allem die Fortpflanzung im Sinn und sind häufig auf ihren Streifzügen durch das Viertel zu sehen. In manchen Wohnblöcken ist es mittlerweile üblich geworden, dass die sonst scheuen Eichhörnchen ihren menschlichen Nachbarn durch die Balkontür einen Besuch abstatten. Für ein paar Nüsse in der hohlen Hand legen sie ihre Vorsicht gerne ab. Dann sollte es auch mit den Fotos klappen.

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