Lade

Tippen zum Suchen

Gesellschaft Kultur Mainz

„Nimm eine Flasche Gin und wirf die auf den Boden“

Teilen

Unverhofft kommt wirklich nicht oft. Ist es ein Scherz oder wahr? Das fragten wir uns, als wir über verschlungene Wege das Angebot bekamen, den britischen Künstler Banksy zur Ausstellungseröffnung seiner Werke in Mainz zu Interviewen.

Wir danken Dascha Tes Gaulle für das Interview  und dem Team „Alfa & Klees“ fürs Dolmetschen.

STUZ: Banksy, wir fühlen uns sehr geehrt, ein Interview mit einem berühmten Künstler wie Dir zu führen.
B: Danke, aber ein Interview wird es erst, wenn ihr auch Fragen stellt.

Ok, wie kommen wir zu der Ehre, Dich in Mainz begrüßen zu dürfen?
Ihr habt die richtigen Kanäle gedrückt und Edward hat mir gesagt, dass ihr einen echt schrägen Sinn für Humor habt. Er hat mir Comics gezeigt, die ihr im Mag habt, eine Verarschung auf „Bob The Builder“, am Schluss trinken die immer Tee.

Danke, das ist Bauarbeiter Jim und sein Freund Hundi. Unser Beitrag zur deutschen Baustellenkultur. Derzeit tourt eine Ausstellung mit deinen Werken durch Deutschland und macht nun Station in Mainz. Was hältst Du davon?
Für mich ist das ein riesiger Spaß. Es gibt Leute, die gehen in eine Ausstellung voller Kopien und einige Originalkopien sind gar nicht von mir. Das ist sozusagen unautorisierter Spaß. Mich freut es sehr, gecovert und antizipiert zu werden. Weißt du, es ist einfach sehr lustig, wenn du ein Bild siehst und dir denkst: „Coole Idee, hätte ich gerne gehabt.“ Aber jeder andere denkt: „Yeah, coole Idee von Banksy.“

Aber die Werke sind doch letztlich alle von Dir autorisiert?
Nun, zu bestätigen ist leichter als zu widersprechen. Und ich danke allen für gute Ideen und gute Arbeit.

Du legst keinerlei Wert auf Copyrights und verzichtest damit auf viel Geld. Worin liegt Deine Motivation?
Ich bräuchte noch mal doppelt so viel Geld wie ich verdienen könnte, um mir die Freiheit leisten zu können, die ich jetzt habe. Ich lebe ganz gut von den Bildern, die ich male und als Banksy-Art meiner eigenen Bilder verkaufe.

Ok, Du fälschst Dich selbst. Aber ein Agent könnte alles inkognito verwalten, Du hättest ausgesorgt?
Der unterschied wäre doch nur der, dass ich Koks und Nutten statt Bier und Spaß hätte. Betäubte Kreativität ist etwas, was ich bei anderen zutiefst bedauere. Wenn ich Geld habe, ändere ich nichts, will ich auch nicht. Wenn ich anderen Geld besorge, ändert das etwas, vielleicht oder hoffentlich. Es ist immer ein Teamgedanke, der mich treibt. Ich fühle mich eher wie ein Zirkusdirektor, mal in der Manege als Clown, mal schau ich das Treiben oben aus der Loge an. Hast du je von einem Zirkusdirektor gehört, der reich wurde?

Wie bist Du zu deinem Namen gekommen?
Früher, so mit 18, latschte ich im Anzug rum und tat alles, um angepasst zu wirken. Das war das langweiligste und traurigste, was ich je tat, zumal ich bei einem Immobilienhai arbeitete. Ich fing aus Selbsthass an zu saufen und wurde streitsüchtig. Irgendwann, nach einer Schlägerei, rotz besoffen, pennte ich auf der Parkbank direkt vor meiner Firma. Morgens wackelte ich mit völlig zerfetzten und blutverschmierten Klamotten an meinen Arbeitsplatz. Den Job war ich postwendend los, das war ok, anstrengend war nur der Chef mit seinem cholerischen Anfall: „piss off you bums on your cozy bank“ (verpiss dich du Penner auf deine schmusige Bank).
Abends traf ich im Pub eine Kollegin, die mir mit leuchtenden Augen zurief: „Sie nennen dich Banksy.“ Das war als hätte jemand zu mir gesagt: „Sie halten dich für Jesus, nun geh mal bitte übers Wasser.“

Einen Moment. Wie wurde aus Banksy dem Rebell Banksy der Künstler?
Das war der gleiche Moment. Nimm eine Flasche Gin und wirf die auf den Boden. Diesen Gin wirst du nie saufen. Weder wirst du dich daran berauschen, noch wird dir schlecht werden. Was dir bleibt, ist Zeit, die du mit deinem Bewusstsein verbringst. Ich konnte im selben Moment Freiheit und Verpflichtung erkennen und es war kein Widerspruch darin. Viele Freunde haben Musik gemacht, ich ganz gerne gezeichnet. Das war alles und vor allem war es mir genug.

Würde es denn Banksy den Künstler ohne die weltweite Anerkennung heute noch geben?
Klar, als Künstler sehnst du dich nach Zustimmung, Applaus oder Wahrnehmung. Das nehme ich mit, ob zu Recht oder Unrecht. Manchmal ist alles auch Zufall, wie beim würfeln. Aber der kreative Moment, die Sternschnuppe in deinem Kopf, das ist das, was in den Spiegel schaut. Der Widerhall ist eine Mechanik. Ganz viel von dem, was über mich gesagt wird, ist Vermutung. Eine Deutung, mit der ich mich, soweit es geht, nicht beschäftige. Ich will meinen Erwartungen gerecht werden, nicht der Chefpilot dieser Mechanik des Outputs sein, der Herr des Widerhalls. Das ist etwas für Unternehmer, den Kunstmarkt oder eben Posterverkäufer. Und wäre ich hier geil drauf, dann wäre ich nicht Banksy, sondern das, was De La Rue (engl. Banknotendruckerei) für die Bank of England ist.

Du bist ja nicht das erste Mal in Mainz. Was verbindet Dich mit der Stadt?
Ok, ich habe einen sehr engen Freund hier. Und klar, ich kenne Meeting of Styles. Ansonsten ist es hier ok, aber sorry, ich bin kein alberner Lokalpatriot. Ich finde es cool, wenn Leute hallo zueinander sagen. Aber was ich hier den Leuten mal versprechen kann, ich will ja auch ein höflicher Gast sein: Es wird innerhalb der kommenden Wochen einen echten Banksy geben, das ist mein Gastgeschenk, mal schauen, was ihr damit anstellt. Lasst euch mal überraschen! Außer natürlich, ich werde von den Cops erwischt. Aber das ist noch nie passiert…

Tags:
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel