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Gesellschaft

Nackte Wahrheiten

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Die Sauna, finnisches Kulturgut und Ort des Paktierens in Mafiafilmen, ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Körperformen, Gerüche und Gesellschaftsschichten. Außerdem kann man in ihr eines besonders gut: Entspannen. Mein Schwitzkastenerlebnis.

von David Ehresmann

Ein Industriegebiet am Rande von Mainz. Ich passiere eine Fabrik zur Asphaltherstellung sowie einen Trocknervertrieb. Aufgrund meines miserablen Orientierungssinns versichere ich mich zum zehnten Mal auf Maps, dass ich mich noch in die richtige Richtung bewege und merke, dass wenigstens auf das Nichtvorhandensein meines räumlichen Denkvermögens Verlass ist. Genervt, aber nicht wirklich überrascht mache ich eine Kehrtwende und halte Ausschau nach meinem Ziel, dem „Schwitzkasten“.

Das Saunieren ist für mich bis dato eine diffuse Praxis, bei der man sich in einen engen, holzvertäfelten Raum zwängt, um Wasser auf einen Steinofen zu gießen und den sonst von der Gesellschaft als abstoßend empfundenen Schweiß aus allen Poren fließen zu lassen – alles im Namen eines guten Immunsystems und körperlicher Entspannung. Ferner hätte ich mit meiner naiven Erwartungshaltung nicht liegen können.

Nun stehe ich also vor einem kleinen, unscheinbaren Gebäude, das mich in meiner Annahme bestärkt. Die erste Verwirrung entsteht, als ich durch eine unscheinbare Tür hinter der Kasse in den Umkleideraum gelange. Vor mir öffnet sich ein gigantischer Raum. Soweit das Auge reicht, erstrecken sich Spinde mit feiner Holzlackierung. Wie eine Armee strammer Soldaten stehen sie Schulter an Schulter, Rücken an Rücken als Wächter der Pforten des geruhsamen Infernos.

Spätestens jetzt wird mir klar, dass ich dabei bin, eine andere Welt zu betreten.

Als ich nackt die Treppen hinabsteige, halte ich neugierig Ausschau. Wann sehe ich den ersten Menschen in seiner Urform, ohne Feigenblatt und würdig des Verbleibs im Paradies? Erstmal werde ich enttäuscht. Anscheinend gehört zum Archetyp hier der freibaumelnde Intimbereich plus Bademantel, an den ich Anfänger natürlich nicht gedacht habe. Im Empfangsbereich werden auf einem riesigen Flatscreen die Aufgüsse angekündigt. In der Aufgusssauna „Kupferberg“ (95° C) wird Tobi die Gäste mit ätherischen Ölen verwöhnen. Dabei erwarten einen die Düfte Zirbelkiefer, Bergamotte und Patchouli. Ohne auch nur eine der Zutaten in irgendeine Kategorie einordnen zu können, folge ich den verheißungsvoll klingenden Namen in Erwartung einer Verjüngungskur in die schon recht volle Kupferbergsauna und quetsche mich zwischen einen korpulenten Glatzkopf mit Goldkette und seinen nicht minder korpulenten Companion.

Während der für unsere Wonne zuständige Saunameister Tobi noch seine geplanten Düfte kredenzt, merke ich schon, wie die erste Schweißperle meinen Nasenrücken runter rinnt, sich länglich unterhalb der Nasenspitze zu einem Torpedo formt und mit wenig Widerstandsmöglichkeiten den Gesetzen der Gravitation unterliegt. Neben meinen Füßen zeichnet sich unübersehbar ein stetig größer werdender dunkler, nasser Fleck auf dem sonst hellbraunen Pinienboden ab. Langsam lasse ich meinen Blick schweifen und bleibe an einem großen Schild über der Tür haften: „Kein Schweiß aufs Holz.“ Peinlich berührt schiebe ich meinen Fuß auf die nasse Stelle und schaue mich verstohlen um in der ängstlichen Erwartung, dass meine Tarnung als Profisaunagänger nun gänzlich aufgeflogen ist. Meine Rettung kommt in Form von Tobi durch die Tür. Der muskulöse, junge Mann ist beladen mit einem riesigen Fächer in Form eines Engelsflügels, einem Wassereimer, einer Auswahl an Gerüchen, einer Kelle, einem Handtuch sowie einer Musikbox.

Die nächsten Stunden nehme ich nur noch verschwommen war. Ich erinnere mich an einen anmutigen Handtuchtanz zu monotonen Trommeltönen, während heiße Luft garniert mit mir fremden Gerüchen durch meine Atemwege geleitet wird. Ich erinnere mich auch an einen riesigen Garten mit eiskalten Duschen, umrahmt von nackten, griechischen Gottheiten, und an das einzige Restaurant, in dem ich jemals nur mit einem Frottier-Handtuch bekleidet eine Maultaschensuppe gegessen habe. Vor allem erinnere ich mich an Menschen, die unabhängig ihrer Stellung in der Welt in den weitläufigen Hallen durch die körperliche Blöße alle den gleichen Rang einnehmen.

Als ich aus dem unscheinbaren Gebäude nach sehr kurzen fünf Stunden wieder ausgespuckt werde, fühle ich mich entspannt, ausgelaugt und leer. Ich war hier mit Sicherheit nicht zum letzten Mal.

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