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Kultur

Solange die Muse lebt

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Von Wien nach Mainz, von der Geige zur Gitarre: In Ted Gramskys Leben gehört Wandel dazu. Jetzt hat der „ehrliche Finder“ sein erstes Solo-Album veröffentlicht.

von Konstantin Mahlow

Die Kneipe unserer Wahl ist voller als gedacht. Ted Gramsky muss mit kräftiger Stimme reden, als wir uns auf ein Bier im Budiker treffen, um über sein soeben erschienenes Solo-Album zu reden. Eine Premiere für den nebenberuflichen Musiker, der bis dato mit seiner Band „Die Ehrlichen Finder“ in der Region aufgetreten ist. „Die Band gibt es natürlich immer noch“, sagt er schmunzelnd, „auch wenn sich deren Begeisterung für mein Soloprojekt in Grenzen hält.“ Doch in den letzten zwei Pandemiejahren sind die Dinge nun mal etwas anderes verlaufen als sonst, das gilt auch und gerade für Musiker. Und wenn es eine Ressource zur Genüge gab, dann war es Zeit – Zeit, um Songs zu schreiben.

Nach Mainz hat es Gramsky vor zehn Jahren verschlagen, hier formierte sich auch seine Band „Die Ehrlichen Finder“. Für sie waren die letzten zwei Jahre wie für viele andere Gruppen auch ein ewiger Dornröschenschlaf, aus dem man nun langsam wieder zu erwachen scheint. Zumindest ist Gramsky optimistisch, im Sommer wieder auf diversen Bühnen stehen zu können. Vor der Pandemie spielte er am liebsten in Locations wie dem Heimathafen oder der Dorett-Bar. Sein Solo-Album „Ted Gramsky“ hat er mangels solcher auf dem Bischofsplatz vor Freunden und Passanten präsentiert. Neun neue Songs befinden sich darauf, der Stil lässt sich schon fast als „klassischer Indie“ bezeichnen: Treibende Akkordwechsel, schnelle Drums und melodische gesungene Texte, die sich in Gegensatz zu den Bandstücken auch politischen und gesellschaftskritischen Themen widmen. So etwa im herausragenden Track „Die Wahrheit ist, mich kümmert alles (Ein Klimasong)“ oder in „Weil ich’s kann“. Ergänzt werden sie mit persönlichen Songs wie „Mein großes Herz“. Naturgemäß muss man da an die Hamburger Schule denken, zugleich lässt sich aber auch eine ordentliche Portion (britischer) Indie-Rock der 2000er raus hören.

„Ich hatte nicht wirklich den Plan, ein Solo-Album zu schreiben. Ich habe einfach ein paar Songs aufgenommen, daraus ist dann die LP entstanden.“ Großen Anteil an dem Werk hat sein Kompagnon Thorsten Glatte, der als Produzent mitwirkte. „Ich habe eigentlich nur die Gitarre und den Gesang beigesteuert und immer mal wieder gewisse Arrangements mit ins Studio gebracht. Thorsten hat das Ganze dann zu einem Album gemacht.“ Die Bezeichnung Singer-Songwriter, die im Zusammenhang mit Gramskys Soloalbum immer wieder fällt, ist tatsächlich etwas irreführend – denkt man dabei doch in der Regel an Bob Dylan und Konsorten, die nur mit ihrer Stimme und einer Handvoll Akkorden die Bühne ausfüllen: „Ich bin eher ein Indiegewächs als ein klassischer Songwriter, wie man ihn aus dem Folk kennt. Alleine mit der Akustikgitarre vor Publikum zu stehen, finde ich wahnsinnig mutig.“ Schlagzeug und Bass begleiten Gramskys Musik daher auch ohne Band, dafür hat Glatte im Studio gesorgt.

Der musikalische Werdegang des gebürtigen Wieners begann ursprünglich mit einem anderen Saiteninstrument, der Geige. „Mein Problem mit der Geige war vor allem die unangenehme Körperhaltung, die man dabei einnehmen musste. Zu der Gitarre zu wechseln, war aber auch ein Stück weit Revolte.“ Gramsky nahm sowohl für sein neues Instrument der Wahl als auch für seinen Gesang Unterricht, in Kombination klingt beides „mittlerweile ganz okay.“ Großen Einfluss auf das Komponieren eigener Songs hatte nicht der erwähnte Dylan oder Zeitgenossen, sondern viel mehr Bands wie The Smiths mit ihrem genialen, heute leider nicht mehr unumstrittenen Frontmann Morrissey: „In seinen Texten steckt ein lyrisches Bonmot nach dem anderen, das ist so eigentlich nicht zu erreichen. Aber auch die Art und Weise, wie dort Binnenreime und Querverbindungen benutzt werden, ist sehr inspirierend.“ Andere wichtige Künstler für Gramsky sind unter anderem „Der Nino aus Wien“ und der große Paul McCartney, dessen Musik einst sein „Leben verändert hat.“

Nicht nur McCartney ging den Weg von der Band zum Solokünstler, gerade im Alternative- und Indie-Rock ist dieser Schritt praktisch Tradition. Gramsky aber versichert, dass er sich auch in Zukunft beiden Projekten widmen werde. Plötzlich schaut er etwas melancholisch in sein Bierglas. Viel mehr Angst mache ihm eine andere Vorstellung: „Dass es irgendwann einfach nicht mehr geht. Die Muse wegzieht. Das ist eine furchtbare Vorstellung.“ Dass es soweit noch lange nicht gekommen ist, können Fans von deutschsprachigen Indie auf Gramskys ersten Solo-Album nachhören – erhältlich auf Amazon Music und Apple Music. Hörproben von allen Songs gibt es auf Youtube.

Foto: Julia Sabine Edling

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