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Dieselbe Schublade

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Es ist wieder Ramadan und ich besuche meine Eltern: Über Langeweile, die nachdenklicher stimmt als der Hunger und Zuordnungen, die wir uns sparen können.

von Princesha Salihi

Ein bisschen weniger ironisch als sonst beklagt sich mein Vater zu dieser Zeit über die Osmanen, die über den Balkan eingefallen sind und uns mit dem Islam behelligten. Als Albaner ist er sich seines historischen Katholizismus bewusst und ich frage mich, ob er stattdessen beim Ostereiersuchen so liebevoll auf die Römer schimpfen würde. Mein Bruder kündigt sich zum Fastenbrechen, dem Iftar, an und meine Schwester überlegt, das mit dem Fasten am nächsten Tag auch mal auszuprobieren. „Man kommt ja langsam in ein Alter, in dem man sich damit auseinandersetzen muss“, sagt meine Mutter. Ich höre meinen Opa aus ihr sprechen und wahrscheinlich auch ihren Opa, der Imam war. Wenn sie noch immer versucht, meinen Vater vom Fasten zu überzeugen, muss ich lachen. Er hatte fast 60 Jahre Zeit, sich das mit der Religion zu überlegen.

Zum Ramadan gehört neben dem eigentlichen Fasten, auch das eigene Verhalten in Bezug auf andere Konsumgüter zu reflektieren. Meine Schwester und ich entscheiden uns, Instagram und YouTube zu verbannen. An meinem ersten Fastentag fühle ich mich zurückgeworfen auf mein vegetatives Dasein und all meiner Dopaminquellen beraubt. Ich erinnere mich, wie wir als Kinder an den Wochenenden ganz aufgeregt waren, wenn wir „mitmachen“ durften und dann pünktlich zum Mittag um zwölf Uhr das Kinderfasten beendet wurde, was sich fürchterlich kurz anfühlte. Jetzt erscheint mir der Tag unendlich lang. Hauptsächlich, weil ich nicht mehr darüber nachdenke, was ich als nächstes essen könnte und mein Daumen auf meinem Handybildschirm ins Nirvana scrollt. Ich sitze eine Weile herum, horche in mich hinein und bin von mir gelangweilt. So sehr, dass ich den romantischen Entschluss fasse, mich mit meinen Mitmenschen zu beschäftigen. Ich muss zu meiner lächerlichen Enttäuschung feststellen, dass ich meine Familie bereits kenne und sich außer der Tatsache, dass ein paar von uns gerade nichts essen und trinken, nicht viel verändert hat. Also greife ich zu einem Buch.

Bei den Vorbereitungen zum Abendessen werden alte Geschichten ausgepackt. Es ist ein großes Nostalgiefeuerwerk. Man erzählt uns, wie man im „Damals“ nach einem langen heißen Tag auf dem Feld am bereits gedeckten Tisch saß. Man wartete sehnsüchtig auf das Trommeln der Roma, die durch das Dorf zogen und ihrerseits auf das Licht im Minarett warteten, um mit erlösenden Klopfrhythmen den Iftar anzumelden. Sie bekamen für diesen Dienst Geld oder Mehl von jedem Haushalt und hatten am Ende des Monats für den Winter ausgesorgt. Manchmal machten sich Kinder einen Spaß daraus, sich wenige Minuten vor Sonnenuntergang hinauszuschleichen, das Trommeln auf der Mülltonne vor dem Haus nachzuahmen und für etwas Chaos zu sorgen. Jetzt liegt das Smartphone vor uns auf dem Esstisch, auf verschiedenen Internetseiten stehen verschiedene Uhrzeiten zum Iftar in unserem Ort. Wir einigen uns auf 20:14 Uhr. Nach dem Essen gibt es Çaj und ich übersäuere meinen Tee unter leidvollen Blicken der anderen mit frischer Zitrone. Ich genieße die Gesellschaft und bin froh, dass wir keine gezwungenen Gespräche darüber führen, wie viel besser das Essen schmeckt, wenn man sich in Verzicht übt und wie sehr man einen vollen Kühlschrank jetzt zu schätzen weiß.

In der Schule hielt ich vor den Pferde-Neles und Fußball-Phillips geheim, aus solch einer mystischen muslimischen Familie zu kommen, die sich freiwillig dem Hungertod aussetzt. Heute erfreue ich mich an der Irritation meiner Mitmenschen, wenn ich vom Ramadan erzähle. Sie bemerken dann, dass ihr Schubladensortierungssystem einen Error anzeigt, weil zuvor nie etwas darauf hindeutete, dass ich nicht dasselbe Leben wie sie führe. Besonders unterhaltsam ist es, wenn sie sich ihrer Gesichtsentgleisung bewusstwerden und rasch mit überfreundlichem Lächeln ihrem Wohlwollen Ausdruck verleihen. Fast rührt es mich, wie besorgt sie sind, meine Gefühle verletzt zu haben. Es verletzt mich nicht wirklich, weil ich das Fasten als gemeinsame kulturelle Praxis wahrnehme und ahne, dass sie an Weihnachten nur in die Kirche gehen, weil man das eben so macht. Wir gehören in dieselbe Schublade. Sie können sich ihre Sorge also getrost für andere Dinge aufsparen – die NSU-Akten sind noch immer unter Verschluss und Onkel Markus denkt, er darf das N-Wort sagen, wenn er es zitiert.

Foto: Pexels Fauxels

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