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Mainz

Grenzenloses Engagement

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Seit Kriegsbeginn organisiert der Ukrainische Verein Hilfe für die Ukraine und Geflüchtete. Wir stellen die Vereinsvorsitzende Viktoriya Jost vor, eine Frau die zur Aktivistin werden musste.

von Luca Bartolotta und Greta Hüllmann

Viktoriya Jost steht nicht gerne im Rampenlicht und tut es doch immer wieder. Vor dem Februar dieses Jahres, vor Russlands Überfall auf die Ukraine, war es unvorstellbar für sie, auf einer Bühne zu sprechen. Doch seit dem Donnerstag vor 13 Wochen gibt es so etwas wie Normalität für die gebürtige Ukrainerin und Vorsitzende des Ukrainischen Vereins in Mainz ohnehin nicht mehr. Am 19. Februar sprach die Mittelstufenlehrerin noch auf einer Solidaritätskundgebung, wie es sie in vielen deutschen Städten gab. Jost wusste schon damals, dass der Krieg kommt. Dass es so schnell gehen würde, hat sie dennoch nicht geahnt.

Mit 18 Jahren kam sie als Au-pair nach Deutschland, aus Neugierde und um hier zu studieren. Ihren Heimatort Riwne in der Westukraine zu verlassen, war damals aber auch eine Tragödie für ihre Eltern, die ihre Tochter fortan nur noch ein- bis zweimal jährlich sehen konnten. Die Liebe zu Deutschland vermittelte ihre Oma, als Kind las sie ihr häufig deutsche Geschichten vor. Hier lernte sie dann auch ihren Mann kennen, sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Aus reinem Pragmatismus, wie sie selbst sagt, um zum Beispiel Ärger mit Behörden zu vermeiden. Deutschland war ein Abenteuer und Jost schon damals eine Macherin. 2015 hat die 37-Jährige gemeinsam mit anderen Ukrainerinnen zuerst eine Samstagsschule gegründet. Ihre vierjährige Tochter hatte sich geweigert, das „komische“ Ukrainisch zu sprechen, aber Jost wollte die Sprache und Kultur an ihre zwei Kinder weitergeben. „Es ist ein Teil von mir und damit auch ein Teil von ihnen“, sagt sie. Also handelte Jost und organisierte Sprachunterricht, jeden Samstag, über sieben Jahre.

Derweil wurde die Samstagsschule 2019 offiziell zum Ukrainischen Verein Mainz e.V. und wuchs zur Begegnungsstätte, zum Ort des Austauschs für ukrainische Menschen und schließlich weiter zur Anlaufstelle für geflüchtete Ukrainer:innen. Schon damals mit der Gründung des Vereins engagierte sie sich für ihr Heimatland. Auch heute kann sie nicht tatenlos zusehen. Zusammen mit einem knappen Dutzend Aktiven des Vereins organisiert Jost Kundgebungen, verteilt Aufgaben und Angebote, kümmert sich um den Transport von Menschen nach Deutschland und um LKW, die voll beladen mit Hilfsgütern in die Ukraine fahren.

Während dieser ersten Kriegstage, an denen sie häufig 18 bis 20 Stunden arbeitete, ging sie an ihre Grenzen und darüber hinaus. All das war nur möglich, weil sie sich keine Ruhe gönnte. Jost konnte weder schlafen noch Kaffee trinken gehen, nichts Normales tun. Bis heute wirken Menschen in der Mainzer Innenstadt, die sich lachend über ihre Weinschorle hinweg unterhalten, befremdlich auf sie. Nicht weil sie diese verurteile oder ihnen keinen Spaß gönne. „Für mich selbst kommt ein normaler Alltag schlichtweg nicht in Frage“, erklärt sie.

Wie sehr sie die Situation in ihrem Heimatland noch immer belastet, wird im Gespräch deutlich. Immer wieder wird sie emotional, ist häufig den Tränen nahe. Laut und wütend klingt ihre Stimme hingegen, wenn sie über die Menschen redet, die sich nicht klar gegen den Krieg und gegen Putin positionieren. So seien beispielsweise einige ihrer russisch-stämmigen Freund:innen noch immer auf keiner Demonstration gegen den Krieg erschienen. Manche Freundschaften existieren nicht mehr.

Von ihrem Kollegium habe sie jedoch viel Unterstützung erhalten, insbesondere als sie ihre Arbeit als Lehrerin zu Beginn des Krieges ruhen ließ. Seit sie wieder unterrichtet, spricht sie mit den Schüler:innen über den Krieg, bereitet Klassenarbeiten und Tafelbilder vor, fast so, als gäbe es die alte Normalität wieder, als hätte sich nichts geändert. Doch das hat es, sowohl im Äußeren als auch im Inneren. Sie trägt die Flaggenfarben ihres Geburtslandes: blau-gelbe Bluse, blau-gelbe Halskette und eine sonnenblumen- gelbe Jacke. Spangen halten ihre Haare ordentlich an Ort und Stelle, ohne dabei streng zu wirken.

Viktoriya Jost studierte Deutsch, Erdkunde und Russisch, jetzt steht für sie fest, dass sie Letzteres nie wieder sprechen möchte. „Ich habe einfach eine innere Abneigung entwickelt“, sagt sie. Jost wird weiter mit Journalist:innen und auf Bühnen sprechen und Hilfe organisieren. Sie wird nicht aufhören, sich von Deutschland aus für ihre ukrainischen Landsleute einzusetzen, auch wenn sie dabei immer wieder über ihre emotionalen und körperlichen Grenzen hinausgehen wird.

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