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Wiesbaden

Zu schade für die Tonne

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Pro Jahr landen in Deutschland im Durchschnitt elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Diese Verschwendung will der Verein Lebensmittelrettung Wiesbaden e.V. reduzieren.

von Inken Paletta

Seit mehr als fünf Jahren kooperiert der Verein deshalb mit Bäckereien und Supermärkten in Wiesbaden und sammelt nicht mehr verkaufbare, aber noch essbare Lebensmittel ein, um sie an Bedürftige und soziale Einrichtungen vor Ort zu verteilen. In Zusammenarbeit mit der Katholischen Gemeinde St. Michael, der Evangelischen Johanniskirchengemeinde sowie dem Verein Horizonte e. V. bietet der Verein mit dem Projekt „Dreierlei“ jeden ersten Freitag im Monat ab zwölf Uhr im Weidenborn auch einen warmen Mittagstisch aus geretteten Lebensmitteln für Bedürftige an. „Hauptziel unseres Vereins ist natürlich das soziale Engagement, doch ein schöner Nebeneffekt ist, dass wir mit unserer Lebensmittelrettung auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten“, so Franziska Wendrich, Vorstand der Lebensmittelrettung. Welche Bedeutung die Rettung von Lebensmitteln für den Klimaschutz hat, zeigt die Studie „Driven to Waste“ des WWF (2021), gemäß der die Lebensmittelverschwendung für rund zehn Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich und damit Haupttreiber des Klimawandels ist. Wenn wir Menschen im Jahr hingegen weltweit nur das produzieren würden, was wir auch verbrauchen, könnte ein Großteil der Treibhausgase eingespart und auch weitere Ressourcen wie Wasser geschont werden. Für sein Engagement zum Umwelt- und Klimaschutz wurde der Verein Lebensmittelrettung Wiesbaden e. V. deshalb in diesem Jahr mit dem Umweltpreis der Landeshauptstadt Wiesbaden geehrt.

Lebensmittelverschwendung und ihre Ursachen

„Lebensmittelverschwendung findet zum einen im Privathaushalt statt“, erzählt Wendrich. Viele Menschen kaufen unstrukturiert und schlichtweg zu viel ein, weshalb viele Lebensmittel schlecht werden, bevor sie gegessen werden. Ein Einkaufsplan sei daher sinnvoll. „Wichtig ist es auch, Kinder für das Thema zu sensibilisieren. Unser Verein bietet deshalb auch Workshops für Schulen an, in denen wir gemeinsam mit den Kindern mit geretteten Lebensmitteln kochen und über das Problem aufklären.“ Ein weiterer Aspekt, der Lebensmittelverschwendung begünstige, sei, dass Lebensmittel wie Obst und Gemüse erst gar nicht in den Verkauf gelangen, weil sie EU-Normen oder Schönheitskriterien nicht entsprechen und daher bereits auf dem Feld aussortiert und entsorgt werden, bedauert Wendrich. Darüber hinaus spiele auch das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) eine entscheidende Rolle. Es sei ganz im Gegensatz zum Verfallsdatum bei Frischfleisch oder Fisch aber nur eine Orientierungsgröße. Viele Lebensmittel wie Joghurt sind auch nach Ablauf des MHD noch genießbar und könnten sogar weiterverkauft werden. Doch dann haftet nicht mehr der Hersteller, sondern der Verkäufer, weshalb die Waren mit Ablauf des MHD meist aus den Regalen entfernt werden. „All diese Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, nehmen wir im Empfang, prüfen ob sie noch verzehrbar sind und reichen sie dann an Bedürftige weiter.“

Mehr Bedürftige, weniger Spenden

„Jeder der bedürftig ist, kann sich an uns wenden. Wir fangen übrigens auch Bedürftige auf, die bei der Tafel und ähnlichen sozialen Einrichtungen durchs Raster fallen, weil sie beispielsweise zwei oder drei Euro über dem Bemessungssatz liegen und somit keinen Bezugsschein für Lebensmittel vom Amt erhalten“, erklärt Wendrich. Missbrauch habe es bislang nicht gegeben, den verhindere bereits die Schamgrenze. Für viele Bedürftige sei es ein enorm großer Schritt, solche Hilfe überhaupt in Anspruch zu nehmen. Sorge bereitet dem Verein, dass die Anzahl der Bedürftigen bereits seit der Coronakrise angestiegen ist durch die Energiekrise weiter zunimmt, aber gleichzeitig auch die Lebensmittelspenden abnehmen. „Es kommen immer mehr Menschen auch direkt aus der Mitte der Gesellschaft zu uns, weil sie durch die steigenden Gaspreise nicht genügend Geld für Lebensmittel übrighaben.“ Darunter seien nicht nur Arbeitslose und Rentner, sondern auch alleinerziehende Eltern, Großfamilien und Alleinstehende. „Um zu sparen, kaufen viele Leute derzeit zudem sehr viel reduzierte Ware. Das ist gut, denn dadurch werden mehr Lebensmittel verkauft und gleichzeitig weniger verschwendet, aber leider bleibt dann auch weniger für soziale Initiativen wie uns und damit für Bedürftige übrig.“

Foto: Wendy Wei


WTF

Lebensmittelrettung Wiesbaden e.V.: lebensmittelrettung-wiesbaden.de
„Dreierlei“ – Lebendiger Mittagstisch im Weidenborn: jeden ersten Freitag im Monat, ab 12 Uhr; Termine und Infos unter ev-joha.de/offene-angebote

 

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