Ordnung als Kompass
Marius aus Mainz ist ein lebensfroher und warmherziger Mensch – und er ist von Geburt an blind. Beruflich und privat nutzt er technische Hilfsmittel, um Alltag, Arbeit und Freizeit weitgehend eigenständig zu organisieren.
von Ulrich Nilles
Betritt man seine Wohnung bei Einbruch der Dunkelheit, fällt sofort auf, dass dort kein Licht brennt. Gefragt nach dem Warum, antwortet Marius, dass alles um ihn herum dunkel sei: „Dies war für mich stets normal, denn ich habe von Geburt an gelernt, mich selbstständig zurechtzufinden.“ Sein Zuhause, in dem er sich flink und ohne Blindenstock bewegt, ist übersichtlich eingerichtet. Bilder gibt es wenige, dafür aber ein 3D-Modell des Quartiers, in dem er lebt. Auch beim Kaffeekochen sitzt jeder Handgriff.
Arbeit mit System
Was im Privaten gilt, trifft auch für Marius‘ Berufstätigkeit zu. Er ist als Telefonist für den Bundesverband Mittelständischer Wirtschaft (BVMB) angestellt, ein Job, den ihm ein blinder Unternehmer vermittelt hat. „Ich vereinbare unter anderem Gesprächstermine für meinen Chef mit potenziellen Kunden, versende Infounterlagen und leite Antworten von Gesprächspartnern weiter“, erklärt er sein Arbeitsfeld. Sein Homeoffice ist so eingerichtet, dass er eigenständig arbeiten kann. Am Laptop nutzt Marius die Sprachausgabe Job Access With Speech (JAWS), die ihm den Bildschirminhalt vorliest. Ergänzt wird JAWS durch eine über USB mit dem Laptop verbundene Braillezeile. Sie setzt den Text in tastbare Blindenschrift um. In Programmen wie Outlook navigiert er routiniert über die Tastatur: „Absender, Betreff und Inhalte werden mir angesagt und gleichzeitig auf der Braillezeile dargestellt.“
Aktiv und vielseitig unterwegs
Nach Feierabend erholt sich der 34-jährige mit Musik, Hörspielen und Podcasts. Außerdem spielt er Klavier und besucht die Bandproben der Katholischen Hochschulgemeinde in Mainz. Sportlich ist er mit dem Tandem unterwegs, geht schwimmen oder fährt Inliner. „Dabei halte ich mich am Arm meines Laufpartners fest, so wie ich dies auch beim Spazierengehen mache“, erzählt Marius. Er übernimmt dessen Tempo und bewegt sich synchron mit ihm weiter. Als Mitglied des Deutschen Alpenvereins Mainz besucht er einen Kletterkurs für blinde Menschen. Die Möglichkeit, Klettern gezielt nach Anleitung zu lernen, habe ihn sofort begeistert. Knoten und Sicherung beherrscht er inzwischen sicher. Doch der letzte Schritt zum Kletterschein bleibe sehr herausfordernd: „Den Gurt selbstständig anlegen und auf Stürze des Kletterpartners reagieren“, formuliert er sein ehrgeiziges Ziel.
Marius beschreibt sich selbst als kommunikativ, humorvoll und als jemanden, der sich gerne mit Freunden trifft, um über Gott und die Welt zu reden. Dennoch fällt es ihm schwer, Menschen für regelmäßige Unternehmungen zu gewinnen. Viele seien in ihre eigenen Kreise eingebunden oder hätten Berührungsängste aufgrund seiner Blindheit: „Es bleibt meist bei oberflächlichen Kontakten.“
Selbstständigkeit mit Rückhalt
Die Unabhängigkeit, die Marius heute ausstrahlt, konnte er sich nicht ohne Rückschläge erarbeiten. Acht Jahre lang schrieb er über 500 Bewerbungen für einen Job und erhielt nur Absagen. Auch der Arbeitsbeginn beim BVMB war mit Hürden verbunden: Die enorm kostspielige Einrichtung seines Arbeitsplatzes verzögerte sich, da das Integrationsamt anderthalb Jahre lang nicht auf seinen Antrag reagierte. Erst nachdem er mit einer Untätigkeitsklage gedroht hatte, erteilte das Amt die Kostenzusage. „Es war frustrierend, so lange auf die Kostenzusage zu warten“, erinnert sich Marius, der befürchtet hatte, der Arbeitgeber könnte abspringen.
Im beruflichen Alltag unterstützt ihn das Unternehmen, wenn Arbeitsunterlagen nicht barrierefrei sind. Einmal in der Woche kommt seine Psychosozialbetreuerin für zwei Stunden, übt mit ihm das Abgehen verschiedener Strecken oder begleitet ihn zum Arzt. Hilfe erhält Marius auch von Menschen aus dem Wohnprojekt, in dem er lebt. „Obwohl Ämter und Behörden meist fürsorglich sind, kann ich Unterlagen wie den Antrag auf Blindengeld oft nicht selbst bearbeiten“, erklärt Marius und fasst zusammen: „Organisa-tion und Struktur sind für mich das A und O.“
Zwischen Fremdeinschätzung und Selbstbild
Marius wird oft als hilfsbedürftig wahrgenommen, obwohl er Dinge wie das Fahren auf der Rolltreppe oder das Springen vom Fünfmeterturm für sich selbst als ganz normal empfindet: „Das steht im Widerspruch zu meinem Streben nach Selbstständigkeit.“ Besonders an fremden Orten wird diese Selbstständigkeit auf die Probe gestellt: „Wenn mir niemand hilft, den richtigen Weg zu finden, fühle ich mich sehr alleingelassen.“ Aber er hat auch positive Begegnungen erlebt, die ihm Mut machen. In Erinnerung bleibt ihm eine junge Dame an einem Hauptbahnhof: „Sie hat mir nicht nur geholfen, das richtige Gleis zu finden, sondern auch noch einen Sitzplatz organisiert“, erzählt er dankbar.
Für die Zukunft wünscht Marius sich mehr Akzeptanz: „Ich hoffe auf eine Gesellschaft, die erkennt, dass Menschen mit Handicap genauso integriert werden können wie andere. Es braucht nur Aufgeschlossenheit und die Bereitschaft dazu.“
Foto: Markus Schöllhorn


