Alle Dinge sind Gift
Gift ist überall: in Pflanzen, Medikamenten, Pestiziden, Kriegswaffen und manchmal sogar im Trinkwasser. Die Sonderausstellung „GIFT“ im Museum Wiesbaden widmet sich bis zum 4. April 2027 diesem ebenso allgegenwärtigen wie widersprüchlichen Phänomen.
Eine Kritik von Janina Dillmann
Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Mit diesem fast 500 Jahre alten Satz des Arztes und Alchemisten Paracelsus beginnt der Rundgang. In unmittelbarer Nähe stehen ein Glas Wasser und eine Packung Salz – ein simples Beispiel, das zeigen soll: Das Giftige ist Teil unseres Alltags, keine klar umrissene Substanz, sondern ein Verhältnis, abhängig von Menge, Kontext und Wirkung.
Von Plumporis und Antibiotika
Dass die Dosis das Gift macht, erzählt die Ausstellung trotz ihrer überschaubaren Größe mit bemerkenswerter Bandbreite. Giftige Tiere und Pflanzen stehen neben Medikamenten und Drogen, Umweltgifte neben historischen Giftmorden. Es geht um Pestizide, nuklearen Müll, leistungssteigernde Substanzen im Sport und chemische Waffen wie Agent Orange oder das Giftgas der nationalsozialistischen Vernichtungslager.
Neben diesen ernsten Themen setzt die Ausstellung immer wieder auf überraschende Einblicke. So erfahren Besucher:innen etwa, dass es mit den Plumporis tatsächlich giftige Säugetiere gibt: Die nachtaktiven Primaten produzieren ein giftiges Sekret in ihren Armbeugen, das sie durch Ablecken auf ihre Zähne übertragen, wodurch sie schmerzhafte Bisse verursachen können. Auch Einhorn-Apotheken, von denen es eine in Wiesbaden gibt, verdanken ihren Namen einem historischen Irrglauben: Lange galten Einhornhörner als wirksames Gegengift.
Der Rundgang entwickelt dadurch einen assoziativen Charakter. Hinter jeder Ecke eröffnet sich eine neue Perspektive darauf, was Gift sein kann. Diese Vielfalt macht neugierig und regt zum Nachdenken an.
Vom Stoff zur Denkfigur
Vielfältig bleibt es jedoch vor allem bei der naturwissenschaftlichen Dimension des Giftigen und dem Umgang des Menschen mit giftigen Substanzen. Und das, obwohl Gift weit über die Naturwissenschaft hinaus ein wirkmächtiges Motiv in Literatur, Kunst, Sprache und Philosophie ist: In Shakespeares Tragödien entscheidet Gift über Macht und Schicksal, in religiösen Erzählungen wie der Schöpfungsgeschichte steht es für Verführung und Erkenntnis. Auch in unserem Alltag sprechen wir wie selbstverständlich von toxischen Beziehungen, vergifteten Debatten oder Ideologien, die Gesellschaften schleichend vergiften. Die Kategorie Gift wird also nicht nur benutzt, um biologische Gefahren zu beschreiben, sondern auch gesellschaftliche und moralische. Gift funktioniert dabei so gut als Metapher, weil es selten durch unmittelbare Gewalt wirkt, sondern sich oft schleichend, verborgen und von innen heraus entfaltet.
Diese Perspektive hätte der Ausstellung eine zusätzliche Tiefe verleihen können. Stattdessen bleibt der kulturwissenschaftliche Blick überraschend schmal. Sie beantwortet damit vor allem die Frage, wo Gift vorkommt. Die spannendere Frage, was Gift eigentlich ist, bleibt dagegen weitgehend offen.
Gift als Paradoxon
Dabei liegt die eigentliche Faszination des Giftigen gerade darin, dass es sich jeder eindeutigen Definition entzieht. Diese Ambivalenz deutet die Ausstellung durchaus an: Ein Apothekerschrank verweist beispielsweise darauf, dass Medikamente zugleich heilen als auch töten können. Auch die Gegenüberstellung von alltäglichen Stoffen wie Wasser und Salz macht deutlich, dass Gift keine feste Eigenschaft einer Substanz ist.
Doch diese Beobachtung bleibt innerhalb der Ausstellung meist auf der Ebene des Beispiels. Dabei macht diese Widersprüchlichkeit das Giftige seit Jahrhunderten zu einer produktiven Denkfigur. Schon das griechische „pharmakon“ bezeichnete zugleich Heilmittel und Gift: Es steht für das Paradox, dass etwas gleichzeitig retten und zerstören kann, nützlich und gefährlich, begehrt und gefürchtet sein kann.
Dass Gift eine Beziehung zwischen einer Substanz und einem Körper, zwischen Dosis und Wirkung, zwischen Kontext und Gebrauch ist, hätte stärker reflektiert werden können. Stattdessen zeigen die einzelnen Stationen zahlreiche Formen des Giftigen, entwickeln daraus aber nur selten diesen übergeordneten Gedanken. „GIFT“ zeigt zwar, was Gift sein kann, fragt jedoch nur am Rande danach, warum Menschen überhaupt in dieser widersprüchlichen Kategorie denken.
Überraschende Vielfalt, fehlende Tiefe
Als naturwissenschaftliche Einführung überzeugt „GIFT“ mit einer beeindruckenden Themenvielfalt und vielen anschaulichen Exponaten. Wer sich für giftige Pflanzen und Tiere, Umweltskandale oder die verschiedenen Facetten des Giftgebrauchs interessiert, findet einen abwechslungsreichen Rundgang. Wer jedoch erwartet, dass die Ausstellung auch die kulturelle und philosophische Sprengkraft ihres Gegenstands auslotet, wird enttäuscht.
WTF
Das Begleitprogramm zur Ausstellung
Vorträge
Di 8 Sep, 18:00 Uhr
Schadstoffe als Zeitbomben im Sediment
Mit Prof. Dr. Henner Hollert,
Goethe Universität Frankfurt
Di, 13. Okt 26, 18:00 Uhr
Giftpilze und Pilzgifte
Mit Hermine Lotz,
Goethe Universität Frankfurt
GIFT Filmreihe im Caligari
Fr. 18. September, Di. 17 November 2026
Mo. 18 Januar, Fr. 19. März 2027
Weitere Infos werden auf der Website des Museums Wiesbaden noch bekannt gegeben.
museum-wiesbaden.de
Foto: Bernd Fickert, Museum Wiesbaden


