Alles aus dem Seesack
Kabarettist Tobias Christian Mayer wagt einen ungeschminkten Bericht aus dem Maschinenraum des Kreuzfahrt-Pauschaltourismus.
Der Duft von Salzwasser liegt in der Nase, während sich das Rauschen des Meeres mit einer belebenden Nautik-Durchsage des Kapitäns an die 4.000 Personen des gut gefüllten Entertainmentdampfers vermischt: „Ahoi, wir gleiten mit 18 Knoten bei 24 Grad auf unseren nächsten Zielhafen Heraklion zu und erreichen die Insel Kreta etwa morgen früh um acht Uhr. Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Seetag!“
Es war mein Traum als Conférencier im maßgeschneiderten Zwirn auf der Showbühne zu stehen, charmant zu parlieren und Gäste zu unterhalten. Also bewarb ich mich bei einem bekannten Tourismusunternehmen, das einst seine Aktien in der Rüstungsindustrie hatte, meisterte das Casting in Köln, die Proben in Berlin und siehe da: ich wurde angenommen!
Was man als Künstler erst im Kleingedruckten des Vertrages versteht: Das „Mein-Schiff, Dein-Schiff-Ding“ ist ein Knebelvertrag, du gehörst praktisch denen. Die meisten Mitarbeiter stehen auch nicht beim Tourismusunternehmen selbst unter Vertrag, sondern bei einer Agentur, die ihren Sitz steuerbegünstigt auf Malta hat. Du selbst bist nur das Humankapital im Unterdeck, das die schwimmende All-Inclusive-Maschinerie mit Niedriglohn am Laufen hält.
Die Mobilmachung: Bezahlen, um arbeiten zu dürfen
Das Abenteuer beginnt mit einem betriebswirtschaftlichen Coup. Bevor ich auch nur einen Fuß an Deck setze, um stolze 2.200 Euro zu „verdienen“, darf ich rund 3.000 Euro im Voraus hinblättern. Sicherheitswebinare plus Prüfungen, diverse Kleidung, Impfungen und die „Seeleutediensttauglichkeit“ – ein medizinischer Freibrief, der bescheinigt, dass meine Organe den kommenden Wahnsinn überstehen.
Rechnet man diese astronomische Vorleistung gegen die nackte Realität einer Sieben-Tage-Woche mit täglichen Überstunden auf, mutiert der glamouröse Künstlervertrag zum Frondienst an der Buffet-Front. Die totale Metamorphose vom freien Kulturschaffenden zum disziplinierten Rad im Getriebe vollzieht sich pünktlich an der Gangway. Der Moment, in dem du begreifst, dass du dein bürgerliches Leben abgegeben hast, korreliert exakt mit dem Augenblick, in dem eine völlig fremde Person am Hafen, ohne mit der Wimper zu zucken, deinen Reisepass einsackt.
Kultur auf dem Niveau einer Luftmatratze
Direkt nach der Begrüßung der neuen Mitarbeiter startete das erste Sicherheitsseminar an Bord – kein Crashkurs, sondern ein ab sofort täglicher Albtraum für die kommenden vier Wochen. Als „Crewmember“ zähle ich zur Besatzung und muss im Ernstfall bei Feuer, Evakuierung oder dem Klassiker, Sinken des Schiffes, das Leben von tausenden panischen Pauschaltouristen in signalgelben Rettungswesten retten.
Danach gehts zur Theaterprobe, die Premiere am nächsten Tag steht an und ich hoffe auf künstlerische Entfaltung und feingeistige Interpretation … Fehlanzeige! An Land wäre das Horrorstück als frauenfeindlich und mit dem Tiefgang einer Luftmatratze auf dem Toten Meer gut beschrieben. Aber der All-Inclusive-Gast darf beim Verdauen des dritten Desserts nicht gestört werden. Die Shows sind starr vorgegeben, jede Geste in Beton gegossen, absolut deprimierend für jeden, der diesen Beruf aus Leidenschaft ergriffen hat.
Als besonderes Zuckerl darfst du bei mittlerem Betrieb im Gästebereich speisen! Kaum hab‘ ich den Löffel in der Suppe, werde ich von hungrigen Gästen umzingelt, die mich mit Fragen zu Wellengang, Kapitäns-Dinner oder dem nächsten Landausflug penetrieren. Ein Mann im Aufzug schaut auf mein vertraglich verpflichtendes Namensschild: „Aha, Entertainmentdepartment! Deshalb schaust du noch so gut gelaunt!” Ich bin Freiwild, darf aber nicht garstig sein, denn sonst würde ich ihm erzählen, dass alles, was in den 15 Restaurants an Bord kredenzt wird, aus ein und derselben gigantischen Großküche entstammt.
Der wahre Hochgenuss spielt sich deshalb in der Crewmesse ab. Hier speise ich mit den anderen Gefangenen der schwimmenden Festung, und das Essen schmeckt seltsamerweise deutlich frischer als in allen Touristenkantinen. Die philippinischen und indischen Arbeiter auf dem Kahn wissen das Leben trotz der feudalen Strukturen zu genießen. Bob Marleys „Three little Birds“ ist ihre Hymne. Hier steigen die besten Partys an Bord. Improvisierte Kühlboxen voller Bierdosen und dauernd ein lautes, herzliches „Happy Birthday to You“ als Toast auf das harte, aber in diesen gestohlenen Momenten wunderbar farbenfrohe Leben. Wenn man es danach schafft, sich mit einem freundlichen, absolut nüchtern wirkenden Lächeln an der Security vorbeizuschmuggeln, wandert die Party übergangslos weiter auf die eigene, luxuriöse Drei-Quadratmeter-Kabine ohne Bullauge.
Die Autobahn im zweiten Deck
Der „Highway“ im zweiten Deck – ist die Hauptverkehrsader im Bauch der schwimmenden Stadt, auf der die Crewmitglieder Tag und Nacht übermüdet aneinander vorbei hetzen.
Mein persönlicher Dienst an der Pauschalfront war dementsprechend von kurzer Dauer. Relativ zeitnah habe ich der Chefetage signalisiert, dass ich unter diesen Bedingungen der Ausbeutung ganz sicher keine drei Monate auf dem Kahn absitzen werde. Ich sage herzlichen Dank für dieses unfreiwillige Sozialexperiment auf hoher See. Ihr habt mir zwar den letzten Nerv geraubt, aber dafür unbezahlbaren Stoff für mein neues Kabarettprogramm geliefert. Die Bühnen an Land warten schon – und da darf ich meinen Pass sogar behalten. Ahoi!
WTF
Wer noch mehr lustige Anekdoten dieses Abenteuers und mehr erleben möchte, darf sich auf die Premiere von „Alles aus dem Seesack“ von Tobias Christian Mayer am Mittwoch, 25. November, um 20 Uhr im Mainzer unterhaus freuen. Karten unter: 06131-232 121


