Lade

Tippen zum Suchen

Campus Gesellschaft Mainz Stadt

Die Spuren der Exzesse

Dieses Jahr feiert die Johannes Gutenberg-Universität gleich doppelt: 550 Jahre Erstgründung und 80 Jahre Wiedereröffnung. Zu diesem Anlass haben wir mit dem Universitätsarchivar Dr. Christian George über das Universitätsarchiv und 550 Jahre Universitätsgeschichte gesprochen.

von Fynn Schneider

Wer an ein Archiv denkt, hat schnell ein Bild im Kopf: einen stickigen Raum, staubige Akten und endlose Regale. Ein Ort, an dem die Zeit stehen bleibt. Doch das Universitätsarchiv der Uni Mainz ist überraschend anders.

Von der Universitätsbibliothek geht es durch eine unscheinbare Tür und mehrere Gänge in einen angenehm kühlen Kellerraum. In langen Regalreihen lagern dicht an dicht graue Archivkartons. Doch zwischen den Akten stehen Objekte, die man hier nicht erwartet: eine schwere Holztruhe aus dem Büro des Kanzlers, ein abgenutzter Tisch mit passendem Stuhl aus der Erstausstattung der Universität und Geschenke internationaler Delegationen – darunter mehrere Pokale für Wettbewerbe und besondere Leistungen oder eine goldene Replik eines historischen Schiffes.

„Mir ist es wichtig zu sagen, dass das Archiv trotz der Stereotype kein verstaubter Keller ist, sondern eine Einrichtung, die sich an die Öffentlichkeit richtet“, sagt Universitätsarchivar Dr. Christian George. „Alle können hierherkommen und sich die Dokumente ansehen.“

Tatsächlich wirkt das Archiv weniger abgeschottet, als man es erwarten würde. Wer hier recherchieren will, erhält nach voriger Anmeldung direkt Zugriff auf den historischen Aktenbestand.
Ein Teil der Bestände ist inzwischen digital zugänglich. Vieles liegt jedoch weiterhin in den Kartons in den Regalen – und genau dort beginnt oft das eigentliche Stöbern. Nicht jede Spur liegt dabei im Keller der Universität – einige Bestände befinden sich in anderen Archiven der Region.

Im Archiv stößt George immer wieder auf Quellen, die den Alltag vergangener Generationen zeigen. „Man sieht sehr viele interessante Dinge, wie zum Beispiel zu den Studentenexzessen, aber ich freue mich immer wieder, wenn ich etwas finde, das irgendwo eine Lücke schließt.“

Studentenexzesse und WGs der besonderen Art
Eine Geschichte, die sich im Archiv entdecken lässt, führt zurück zur Gründung der Universität. Mit dem heutigen Studentenleben hatte das Leben der ersten Mainzer Studierenden wenig gemeinsam. Die Universität war ein eigenständiger Rechtsraum innerhalb der Stadt. Bei Streitigkeiten mussten sich die damaligen Studierenden nicht vor der Polizei rechtfertigen, sondern unterstanden dem Urteil des Rektors.

Diese Sonderstellung führte zu Konflikten. Die sogenannten Studentenexzesse reichten von Lärmbelästigungen und Zechprellerei bis hin zu Mord. Der Rektor urteilte nicht immer streng, weswegen viele Verstöße folgenlos blieben.

Doch nicht nur die Konflikte mit der städtischen Bevölkerung unterschieden das Leben der Studierenden der damaligen Zeit von heute. Statt wie heute in eigenen Wohnungen oder Wohngemeinschaften zu leben, wohnten sie gemeinsam mit ihren Lehrenden in umfunktionierten Herrenhäusern, den sogenannten Bursen. Diese waren nicht nur ein Schlafplatz, sondern auch ein Lernort und sozialer Mittelpunkt des Studiums. Studium und Privatleben waren dadurch viel enger miteinander verbunden.

Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und Neuaufbau
Auch nach der Wiedereröffnung der Universität 1946 unterschied sich der Alltag der Studierenden deutlich von heute. Die Universität entstand nach dem Krieg in einer weitgehend unzerstörten, ehemaligen Flak-Kaserne. Für die ersten Studierenden bedeutete der Neustart nicht nur Vorlesungen und Seminare – sie waren ein Teil des Wiederaufbaus der Universität.

„Die Studierenden hatten damals eine Arbeitsverpflichtung – egal ob sie in der Bibliothek katalogisiert haben oder auch als Bauarbeiter Hilfsdienst leisten mussten.“ Während heute der Weg zur Universität vor allem mit Lernen verbunden ist, halfen die Studierenden damals aktiv dabei, den Campus wieder aufzubauen. Dabei entstanden erste neue Abschnitte der Universität, wie der erste Teil des Botanischen Gartens.

Auch das Wohnen auf dem Campus hat eine lange Geschichte. Bis in die 2000er befand sich im Dachgeschoss des Forums ein Wohnheim. Damit war das Forum nicht nur ein Ort für Veranstaltungen, sondern für viele Studierende auch ein Zuhause.

Ob alte Akten, persönliche Unterlagen oder unscheinbare Dokumente: Im Universitätsarchiv wird Geschichte nicht nur gesammelt, sondern greifbar gemacht. Diese Geschichte erzählt nicht nur von Gründungen und politischen Veränderungen, sondern vor allem von den Menschen, die über 550 Jahre gelehrt, gelernt und gelebt haben.

WTF – Universitätsgeschichte
1476: Ausstellung der Gründungsurkunde der Johannes Gutenberg-Universität
1477: Tatsächliche Gründung der Universität
1790: Herabstufung der Universität zu Zentralschule
1820: Schließung der Universitätsmedizin
1946: Neugründung

Universitätsjubiläum
Infos und Programm zum Universitätsjubiläum gibt es unter 550jahre.uni-mainz.de

Tags
Vorheriger Artikel