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Gesellschaft Kultur Mainz

Queerer Widerstand im Fummel

„Ranzig – Die Tuntenshow“ ist ein neues Kleinod im Mainzer Nachtleben. Seit Mai 2025 bringen die Entertainerinnen Carmen Bert und Lotzi Lowhäng schwule und queere Kunst in der Dorett Bar auf die Bühne.

von Eva Szulkowski

Jetzt ist wieder Showtime – Showtime für Sie!“ Wenn dieser Schlager von Caterina Valente in der Dorett Bar in Mainz erklingt, ist es Zeit für „Ranzig – die Tuntenshow“. Die Reihe ist ein kulturelles Kleinod, das erstmals im Mai 2025 wie im Überschwang umgekippter Schaumwein ins Mainzer Nachtleben hineinsprudelte: Ein Abend voll schwuler, queerer Kunst, aber auch ein Diskursraum und Experimentierfeld auf und vor der Bühne. Lindsay „Lotzi“ Lowhäng (Michael Herz) und Carmen Bert (Janboris Ann-Kathrin Rätz) sowie eine Stargäst:in präsentieren ein Programm aus Gesangs- und Lipsync-Nummern, Performances und literarischen Beiträgen. Möglich ist alles, was stört und erfreut.

„Es ist öffentliche Bloßstellung und schlechte Unterhaltung“, sagt das kongeniale Duo. Carmen und Lotzi lernten sich über das Tuntenkollektiv Mainzer Linie kennen, das 2019 von der ehemaligen Queer-Referentin der Johannes Gutenberg-Universität, Drag Queen Anna Bolikha, ins Leben gerufen wurde. „Die Tuntenkultur ist vor allem in studentischen Kreisen sehr etabliert“, erzählt Lotzi. Da beide nicht mehr studieren, beschlossen sie, sich mit „Ranzig“ ihre eigene Bühne zu schaffen und auch abseits der Uni in Mainz die tuntischen Tugenden zu pflegen.

Die Tunte ist politisch
Tunten sind nach dem traditionellen Verständnis schwule cis Männer mit femininem Aussehen oder Auftreten. Cis steht für cisgender und bezeichnet Personen, die sich mit dem ihnen von außen zugeschriebenen Geschlecht identifizieren. Ursprünglich eine schwere Beleidigung, haben Aktivisten und Aktivistinnen den Begriff bereits in den 1970er-Jahren umgedeutet und ihn sich als Selbstbezeichnung angeeignet. Heute können auch Personen anderer Geschlechtsidentitäten als Tunten in Erscheinung treten. Dabei tragen sie oft „Fummel“, also möglichst farbenfrohe, auffällige Kleidung, oder eine „Dutte“, ein Plastik-Haarteil. Zugleich ist ihr Äußeres weniger genormt als etwa das von Drag Queens oder Travestiekünstler:innen. Zudem messen sie ihrem Leben und Performen eine „mithin stark politische Bedeutung“ bei (Quelle: HomoWiki).

Die „Ranzig“ ist mehr als Show, sondern soll ein Safe Space und Begegnungsraum für Menschen aller sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten sein – nicht nur für die Personen auf der Bühne. Dazu gehört laut Carmen, „dass wir das Konzept der Show auch beiseitelegen und mit den Leuten interagieren, die da sind.“ Zwischenrufe und Gesprächsbeiträge aus dem Publikum begrüßen die Damen des Hauses mit Kusshand. Das sorgt trägt dazu bei, dass man den Abend mit dem Gefühl beschließt, etwas Einzigartiges mitgestaltet zu haben.

Beide wissen nur zu gut, wie es sich anfühlt, eine solche Oase der Experimentierfreude zu entdecken. Nach dem Besuch eines Universitätsvortrags der Künstlerin Lana del Gay ging es für Lotzi zu ihrer ersten Tuntenshow: „Das war, als wäre eine ganz andere Welt vor mir aufgetaucht. Ich habe damals gemerkt, da gibt’s keine Limitationen. Die machen da vorne alles, wonach ihnen gerade ist.“ Das sei auch der Spirit ihrer gemeinsamen Show, bestätigt Carmen: „Der Anspruch ist eigentlich immer: Fuck you, Leistungsgesellschaft. Wir haben eine Idee oder einen Gedanken, die wir gerne teilen möchten, und das muss noch nicht perfekt sein, bevor es auf die Bühne kommt.“

Auch in queeren Spaces sind Wettbewerb und Konkurrenzdenken verbreitet – die „Ranzig“ bietet dazu ein Gegengewicht. Sie inspiriert und regt das Publikum zum Ausprobieren an, auch was die eigene Genderpräsentation anbelangt. Das Ergebnis ist idealerweise herrlich „schangelig”, also „so schlecht, dass es schon wieder gut wird“, erläutert Carmen. „Im Schangelmodus“ nennt Lotzi den Zustand, in dem man dem eigenen Perfektionismus und den Ansprüchen der Welt den rot lackierten Mittelfinger zeigt.

Liebe tanken am Valentinstag
Das Konzept kommt gut an: Bei den bisherigen Shows platzte die Dorett aus allen Nähten. Das sorgt neben ein wenig Gequetsche für eine familiäre Atmosphäre. Auch sonst sind „Ranzig“ und das ehemalige Striplokal mit seinem verruchten roten Licht und der Dekoration in ihrem unverwechselbaren Charme wie füreinander geschaffen. Diesen Monat geht es in der Dorett schangelig weiter – und das bereits zum vierten Mal: Am Valentinstag, 14. Februar, ist die Glitzerqueen Roxy Rüd aus Nürnberg Stargästin in der Dorett. Sie hat ihre Liebestankstelle dabei: Zuschauer:innen können ein Kuscheltier mitbringen und von ihr mit Liebe aufladen lassen. Am 2. April kommt dann die Frankfurter Drag-Queen Kitty Bambule nach Mainz. Außerdem gehen Lotzi Lowhäng und Carmen Bert 2026 mit ihrer Show auf Tour, um auch andernorts ranzige Oasen des queeren Widerstands zu schaffen.

Foto: Paula Hübner

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