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Altkleiderchaos – ein Dilemma mit System

Überquellende Altkleidercontainer, oft von Müllbergen umgeben, prägen das Stadtbild von Mainz und Wiesbaden. Doch was unternehmen die Städte dagegen? Und was können Verbraucher tun?

von Inken Paletta

Dieses Problem ist kommunenübergreifend zu beobachten“, bestätigt Cordula Zimper von der Kommunalen Abfallwirtschaft Mainz und Mainz-Bingen (KAW). In Mainz werden die Container deshalb wöchentlich geleert. Eine Umweltstreife meldet Müll, der von der KAW zeitnah beseitigt wird. Events und Aktionen, wie eine Kleidertauschbörse oder eine konsumkritische Entdeckungstour durch Mainz im April sollen die Mainzer Bürger für nachhaltigen Konsum und die richtige Entsorgung von Altkleidern sensibilisieren. Die Stadt Wiesbaden zeigte im Herbst 2025 die Ausstellung „Stoff zum Nachdenken“ im Wiesbadner Umweltladen. Es gab Lesungen zum Thema Textilproduktion und Aktionen zum Kleidertausch. Konkrete Maßnahmen gegen überfüllte Container nannte die Stadt Wiesbaden auf Anfrage jedoch nicht. Dabei steht fest: Die Lösung liegt nicht allein in der Verantwortung der Städte und Kommunen.

Warum quellen Container über?
Der Altkleidermarkt steckt in der Krise: Die globale Textilproduktion hat sich in 20 Jahren fast verdoppelt – angetrieben durch sogenannte Fast Fashion und eine zunehmende Wegwerfmentalität. Der Dachverband „FairWertung e.V.“ beziffert das jährliche Altkleideraufkommen in Deutschland auf etwa eine Million Tonnen. Laut dem Bundesumweltministerium kauft jeder Deutsche im Jahr rund 60 Kleidungsstücke, von denen viele nur kurz getragen werden. Fast Fashion überlastet Sammelstellen, Logistik und Recycling. Gleichzeitig brechen Absatzmärkte für Altkleider weg: In Afrika verdrängt Fast Fashion beispielsweise Second Hand Ware und der Krieg in der Ukraine beeinflusst die Exporte nach Osteuropa. Die Erlöse der Alttextilhändler sinken, während die Entsorgungskosten parallel steigen. Die Obdachlosenhilfe „Teestube Wiesbaden“ der Diakonie musste im Jahr 2025 wegen Überlastung zeitweise Altkleider ablehnen. Mittlerweile wird aber wieder saubere, gut erhaltene und jahreszeitlich passende Kleidung angenommen. Die seit 2025 geltende, neue EU-Abfallrahmenrichtlinie soll das Recycling fördern und die Müllverbrennung reduzieren. Sie verunsichert jedoch die Verbraucher. Vielen ist nicht klar, dass verschmutzte und komplett verschlissene Kleidung noch immer in den Restmüll gehört. Second Hand Mode wird oft auch als Ausrede für mehr Konsum genutzt: „Viele kaufen mehr mit dem Gedanken, die Kleidung später mit gutem Gewissen spenden zu können“, so Zimper von der KAW.

Die globalen Folgen von Fast Fashion
Laut dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind weltweit etwa 60 Millionen Menschen in der Textilproduktion beschäftigt, die meisten davon in Entwicklungs- und Schwellenländern. Viele von ihnen arbeiten unter unwürdigen Bedingungen. Laut NGOs wie „Eine Welt e.V.“ ist Kinderarbeit noch immer ein Problem. Die Textilindustrie verursacht erhebliche CO2-Emissionen und verschmutzt Frischwasser. Beim konventionellen Baumwollanbau werden mitunter Pestizide und Düngemittel eingesetzt. Chemikalien aus der Produktion – beim Bleichen von Jeans oder Gerben von Leder – belasten die Gesundheit der Beschäftigten und die Umwelt. Mikro- und Nanopartikel aus Synthetikfasern gelangen beim Waschen ins Abwasser und damit in Flüsse, Meere und den Boden, wie das Umweltbundesamt berichtet. Sie wurden auch im menschlichen Körper nachgewiesen. Welche Auswirkungen das auf die Gesundheit hat, ist noch nicht vollständig erforscht.

Neue Regeln, neue Verantwortung
Seit 2023 gelten in der EU auch für Textilien strengere Standards entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Produktion über die Arbeitsbedingungen bis hin zum Umweltschutz. Ab dem 1. Juli 2026 entfällt die Zollfreiheit für Billigimporte aus Drittländern. Stattdessen wird eine pauschale Einfuhrabgabe für Waren mit einem Wert von bis zu 150 Euro fällig. Langfristig soll eine digitale Zollplattform in der EU entstehen. Ab 2028 müssen sich die Hersteller und Händler an den Kosten für die Sammlung, Sortierung und Verwertung von Alttextilien beteiligen. Seit 2024 fordert die die Ökodesign-Verordnung Hersteller dazu auf, beim Produktdesign auf Reparierbarkeit, Recycelbarkeit und Umweltverträglichkeit zu achten. Auch die neue EU-Abfallrahmenrichtlinie stärkt die europäische Kreislaufwirtschaft. Dies könnte Europa Wettbewerbsvorteile bringen, wenn Verbraucher durch bewussten Konsum, den Kauf nachhaltiger Mode und anderer Produkte sowie bei der richtigen Entsorgung mitwirken.

WTF
Der Mainzer Umweltladen lädt am 24. April um 16 Uhr zu einer konsumkritischen Entdeckungstour durch Mainz ein. Anmeldung unter umweltinformation@stadt.mainz.de oder 06131-122 121.
Hinweis: Kleidung waschen, in Tüten verpacken, Container nicht überfüllen. Volle Container können bei KAW/ELW oder beim Betreiber gemeldet werden: elw.de/abfalllexikon/entsorgungswege-altkleider

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