Wer oder was ist Polly?
Polly ist mehr als ein temporärer Ausstellungsraum von und für Studierende der Kunsthochschule Mainz. Das Projekt wirkt dem innerstädtischen Leerstand entgegen und bietet jungen Kunstschaffenden einen Raum zum Experimentieren.
von Caroline Alberta Glabacs
Ein ehemaliges Ladenlokal in der Leichhofstraße 6 in der Mainzer Altstadt: Verkaufsregale noch an den Wänden, dazu ein paar Old-School-Monitore, Skulpturen, Gemälde und in der Mitte ein Tisch voller Gipswerke. „Wenn Leute mich fragen, sage ich, es ist eine Art Kunstgalerie – aber auf Zeit“, erklärt Sina Ebert, die das Projekt „Polly“ gemeinsam mit Jil Bartels, Lilith Nikolai und Joel Müller organisiert. Besucher:innen können einfach hereinkommen – ohne Eintritt, ohne Vorwissen – und sich auf die Kunst einlassen. Der Raum erzählt noch von seiner Vergangenheit als Ladenlokal. So sind die Einbauten geblieben und wurden vom kuratorischen Team problemlos in das Konzept integriert. Statt einen klassischen „White Cube“ zu imitieren, arbeiten sie mit dem, was vorhanden ist. Gerade die Zwischennutzung mache den Reiz aus und fördere die Kreativität. Entstanden ist das Projekt spontan. Über den Kontakt von Heike Hieronimi, Vorsitzende des Fördervereins der Kunsthochschule Mainz e.V., mit Dr. Gerd Eckhart, Mitglied des Kulturbeirats und Mainz City Managements, ergab sich die Möglichkeit, den Raum kurzfristig zu nutzen. Nach einem Gespräch mit dem Vermieter Michael Kapp bekamen die Studierenden schließlich unkompliziert den Schlüssel. „Das hat uns alle sehr positiv überrascht“, erzählt Ebert. Schnell war klar, dass sie verschiedene künstlerische Positionen aus der Hochschule an dem Ort zusammenbringen und präsentieren wollten.
Kunst in Hülle und Fülle
Entsprechend wird eine große Bandbreite an Arbeiten gezeigt. Skulpturen von Laura Walker greifen gesellschaftliche Erwartungshaltungen an Frauen auf: Auf dem Tisch in der Mitte des Raums stehen zahlreiche aus Gips gegossene Sahnetorten, im Schaufenster ein Pappaufsteller der Künstlerin selbst. Ein Spiel aus Perfektion, Rollenbildern und Selbstwahrnehmung.
Eine Videoarbeit von Emil Wudthe folgt einer einzelnen Biene auf ihrer täglichen Route. Eine scheinbar simple Beobachtung, die sich im Loop auf einem Retro-TV wiederholt. Natalie Kupfers Malereien greifen flüchtige Landschaftseindrücke und melancholische Erinnerungen auf. Auch eine Videoinstallation von Vildana Herrmann ist zu sehen, die sich mit winterlichen Landschaftsbildern ihrer bosnischen Heimat auseinandersetzt.
Andere Arbeiten spielen stärker mit Material und Raum. Blumeninstallationen, etwa die „Lotusesser“, mit sich wiederholenden, handgedruckten Mustern verändern die Atmosphäre des ehemaligen Geschäfts. Die Künstlerin Lilli Kübler beschreibt ihre Arbeitsweise als Balance zwischen Detailverliebtheit und fast obsessiver Repetition. Sina Ebert stellt ihr erst kürzlich entstandenes Werk aus Messerschnitten vor. Genau solche Experimente sind für junge Künstler:innen wichtig, doch verfügbar Räume dafür sind rar. „Es gibt leider nicht viele Orte, an denen man ausstellen kann“, bedauert Ebert. Für Studierende bleibe oft nur die Eigeninitiative.
Leerstand da, Möglichkeiten kaum
Dabei gibt es in der Theorie genug Platz. Leerstände sind in vielen Innenstädten präsent und immer öfter Gegenstand von Diskussionen. Das Problem sei meist der Zugang. „Man versucht herauszufinden, wem ein Laden gehört, und kommt oft gar nicht so weit“, schildert Ebert. Auch stoße man häufig auf Skepsis und Bedenken. Genau hier setzt Polly mit der Idee an, leerstehende Räume temporär kulturell zu aktivieren und gleichzeitig jungen Kunstschaffenden eine Plattform zu geben. Für Eigentümer:innen und benachbarte Unternehmen kann das ebenfalls ein Gewinn sein, schließlich beleben Ausstellungen die Umgebung, verleihen ihr einen kulturellen Wert und locken Publikum an.
Für die Beteiligten ist das Projekt auch eine Lernphase. Beim Aufbau lief nicht immer alles glatt. Dann heißt es improvisieren. Doch mit jeder Ausstellung wachse auch die Gelassenheit. „Man lernt, dass vieles, was einen selbst stört, von außen gar nicht wahrgenommen wird“, ergänzt eine Künstlerin. Aktuell ist Polly einmal pro Woche geöffnet: immer dienstags von 16 bis 20 Uhr. Doch die Hoffnung bleibt, dass der Name – bewusst kurz und einprägsam gewählt – und das Format weiterwandern. Vielleicht in den nächsten leerstehenden Raum in der Nähe.
Das Projekt zeigt das strukturelle Problem auf, dass kulturelle Räume zunehmend eingespart werden, oft mit der Begründung, dass Kunst keinen direkten Profit bringe. Dabei sind sich die beteiligten Künstler:innen einig: Der Wert solcher Ausstellungen liege nicht im finanziellen Gewinn, sondern im kulturellen Austausch und der Sichtbarkeit. Ideen gibt es zur Genüge. Manchmal reicht schon ein Blick auf ein verlassenes Gebäude, um sich vorzustellen, was darin möglich wäre. Es gibt viele spannende Orte, die bereit sind, von lokaler Kunst erobert zu werden.
Foto: Lorenz Kerkhoff


