Mainz gegen Einsamkeit
Das Open Ohr Festival in Mainz widmet sich in diesem Jahr einem oft übersehenen Thema: der Einsamkeit. Doch wie groß ist das Problem in einer Stadt, die sich selbst als gesellig versteht?
von Janina Dillmann
Ein subjektives Gefühl, das aus zu wenigen oder zu oberflächlichen sozialen Kontakten resultiere, obwohl ein Bedürfnis nach emotionaler Bindung bestehe – das sei Einsamkeit, so das Kompetenznetz Einsamkeit. In Deutschland fühlten sich 2022 laut Statistischem Bundesamt rund 16 Prozent der Bevölkerung oft einsam. Trotzdem scheint Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem zu sein, das wenig Beachtung findet. Das diesjährige Open Ohr Festival, das vom 22. bis 25. Mai auf der Mainzer Zitadelle stattfindet, macht das unter dem Motto „Alleinsam“ zum Thema. Auch der Mainzer Stadtrat will Maßnahmen ergreifen, um der Einsamkeit vorzubeugen.
Wer ist betroffen?
Einsamkeit kann Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen und über alle Generationen hinweg treffen. Trotzdem gibt es Bevölkerungsgruppen, die besonders gefährdet sind, weiß Caroline Blume. Die Fraktionsgeschäftsführung der Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen war an dem Stadtratsantrag zum Thema Einsamkeit beteiligt. „Statistisch sind die Ränder am stärksten betroffen“, so Blume. Das seien junge Erwachsene und Senior:innen. Gerade bei Jugendlichen sei denkbar, „dass auch das eine Nachwirkung der Covidpandemie mit Schulschließungen oder einem hohen Maß an digitaler Lehre an den Hochschulen sei. Zu dieser Zeit hatten junge Menschen kaum Gelegenheit Kontakte zu knüpfen und Gemeinschaft zu erleben“, gibt Blume zu bedenken. Besonders gefährdet seien zudem Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, so Prof. Dr. Heike Ohlbrecht von der Universität Magdeburg, die beim Open Ohr Festival zu Gast sein wird. Betroffene von Einsamkeit würden, laut ihrer Studien, „von Mobbing und Ausgrenzung aufgrund von Armut, körperlicher Beeinträchtigung oder von Rassismuserfahrungen“ berichten.
Festival sieht Politik in der Verantwortung
Die Organisator:innen des Open Ohr kritisieren fehlende politische Maßnahmen, die Einsamkeit als strukturelles Problem ernst nähmen und bekämpften. Obwohl Einsamkeit besonders dort auftrete, wo die soziale Ungleichheit am größten sei, befeuere die Politik „weiterhin Vorurteile gegen Empfänger*innen von Sozialhilfe und Geflüchtete“, so die Organisator:innen im Thesenpapier zum Festival. „Bereits an den Rand der Gesellschaft Gedrängte – sei es durch Gentrifizierung, Asylverfahren oder Kürzungen im sozialen Bereich – werden so einem Klima der Ausgrenzung ausgesetzt“, heißt es weiter. Ein großes Problem in Städten sei vor allem das Fehlen von konsumfreien Orten. Wer an der Gesellschaft teilhaben wolle, müsse Geld in die Hand nehmen. „Ob Café oder Bar, Kino, Theater, Sportanlagen oder Badesee – in irgendeiner Form Geld zu bezahlen ist meistens Pflicht und wer wenig hat, bleibt draußen“, heißt es im Thesenpapier. Mainz sei da keine Ausnahme.
Neue Begegnungsräume
Dass „geringe finanzielle Mittel die Teilhabe erschweren“, hat auch Blume erkannt: Laut ihr werde „bei allen bedeutenden Stadtentwicklungsprojekten auch auf das Vorhandensein von konsumfreien und barrierefreien Flächen“ beachtet. Und so soll es für Mainz bald neue Orte der Begegnung geben: „Im Zuge des neuen Standorts der Anna-Seghers-Bücherei soll diese auch als sogenannter „Dritter Ort“ als Ort der Begegnung gestärkt werden“, erzählt Blume. Die neue Bücherei an der Fuststraße soll, so lassen erste Entwürfe erahnen, nicht nur der Ausleihe von Büchern dienen, sondern auch Gaming-, Musik-, Werk- und Näh-Räume, 3D-Drucker und eine Audiothek enthalten. Robert Herr, Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Mainzer Stadtrat, weist außerdem auf die Kulturbäckerei im Kulturhaus hundert11 hin, die im September 2026 eröffnet werden soll. „Es handelt sich dabei um ein zentral gelegenes, öffentlich finanziertes Begegnungszentrum, das gezielt Kunst, Kultur und soziale Begegnung fördert.“
Stadt will handeln
Neben diesen neuen Kultur- und Begegnungsräumen sollen auch die Sichtbarkeit und Vernetzung bestehender Angebote gegen Einsamkeit gestärkt werden. Dazu haben die Stadtratsfraktionen der CDU, SPD sowie Bündnis 90/Die Grünen gemeinsam den Antrag „Weiterentwicklung der sozialräumlichen Kooperation – tragfähige Strukturen für soziale Teilhabe und die Bekämpfung von Einsamkeit schaffen“ gestellt. Ziel des Antrags sei es, das stadtweite Handlungskonzept „Mainz gegen Einsamkeit“ zu entwickeln. Die Bedürfnisse der Mainzer Stadtteile seien sehr unterschiedlich. So gebe es in Mainz Stadtbezirke mit einem Anteil von Einwohner:innen mit Migrationshintergrund von 19,4 Prozent und 48,3 Prozent, erzählt Herr. Ohne eine gute Koordination seien „passgenaue Hilfen im Sozialraum auch gegen Einsamkeit nicht effizient und jeweils bedarfsgerecht möglich“, so Herr weiter. Dabei gebe es bereits viele Angebote, die im Zuge des Handlungskonzepts sichtbarer werden sollen: „In Hechtsheim oder auf dem Lerchenberg gibt es zum Beispiel seit einigen Jahren ein gemeinsames Weihnachtsessen, einige Gemeinden bieten offene Handarbeitskreise an, in der Neustadt gibt es einen Silent Book Club“, so Blume. Ein neues Angebot seien zudem die sogenannten „Babbelbänke“, die unter anderem in Bretzenheim und in der Neustadt zu finden seien und zum Gespräch einladen sollten.
Ehrenamt gegen Einsamkeit
Getragen werden solche Angebote durch Menschen, die Initiativen gründen und sich ehrenamtlich engagieren. So auch Claudia Siebner, die in ihrem Amt als CDU-Lokalpolitikerin Senior:innen über 80 an deren Geburtstagen besucht. Wenn sie an diesen Tagen die einzige Besucherin sei, werde auch sie immer wieder mit der Einsamkeit älterer Menschen konfrontiert. „Wir sind auf lokalpolitischer Ebene sehr, sehr nah dran“, erzählt Siebner. Sie könne helfen, indem sie auf Angebote wie die Gemeindeschwestern Plus oder regelmäßig stattfindende Veranstaltungen mit Kaffee und Kuchen hinweise.
Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, vielleicht auch, um der eigenen Einsamkeit vorzubeugen, kann auf bereits bestehende Netzwerke aufbauen. So können Jugendliche sich an den Stadtjugendring, ältere Menschen an den Seniorenbeirat richten. „Auch das Vereinsleben ist in Mainz sehr vielfältig, aktiv und präsent. Auch hier bieten sich Möglichkeiten an Gemeinschaft teilzuhaben“, betont Blume. Währenddessen bemühen die Organisator:innen des Open Ohr Festivals sich darum, die Zitadelle 2026 zu einem Ort zu machen, an den man „wunderbar alleine kommen“ kann, „aber niemals einsam sein“ muss.
WTF
Tickets und Programm des Open Ohr Festivals: openohr.de
Du fühlst dich einsam?
„Gem(einsam)“ – Selbsthilfegruppe für junge Erwachsene, die sich häufig einsam fühlen
Selbsthilfezentrum KISS Mainz
Parcusstraße 8
55116 Mainz
selbsthilfe-rlp.de/kiss-mainz
Telefonische Unterstützung:
Telefonseelsorge: 0800-111 01 11
Silbernetz (für Menschen ab 60 Jahren): 0800-470 80 90 (8–22 Uhr)
Nummer gegen Kummer (für Kinder/Jugendliche): 116 111
Plaudernetz der Malteser: 0800-330 11 11
Krisenchat: krisenchat.de


