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Gesellschaft Stadt Wiesbaden

Demokratie ist kein Sofa

Ein neues Format auf Schloss Freudenberg will Menschen zusammenbringen und zeigen, wie man zuhört und miteinander spricht – einmal im Monat kann man dort kostenlos und unverbindlich den Dialog ohne Aggression testen.

von Anja Baumgart-Pietsch

“Demokratie ist kein Sofa“. Heißt: Man kann sich darauf nicht ausruhen, sondern es sind Handeln, Mitmachen, Einbringen gefragt. Das sagt Roman Huber, Vorstand des Vereins „Mehr Demokratie e. V.“, schon lange ein Kooperationspartner von Schloss Freudenberg. Politikverdrossenheit wird immer stärker, aber nur meckern und nicht mitmachen, das funktioniert nicht. „Mehr Demokratie“ setzt sich für mehr Beteiligung ein. Der Verein hat Methoden entwickelt, wie man erst einmal schmerzfrei in den Dialog kommen kann. Denn heute – auch dank Social Media – artet ein Gespräch oft in Geschrei, Beleidigungen, Unversöhnlichkeit aus und wird damit destruktiv, obwohl doch Konstruktivität dringend gebraucht wird, um die Probleme, die es unbestritten gibt, wenigstens ansatzweise zu lösen.
Das Schloss Freudenberg wird künftig einmal pro Monat das Format „Sprechen und Zuhören“ anbieten, im Rahmen der neuen Reihe „Forum für Gegenwartsfragen“. Die Methode demonstrierte Huber zum Kick-Off bei einem ganzen Fortbildungstag, zu dem rund 100 Menschen aus ganz Deutschland angereist sind. Sie wollen das Prinzip auch im Rahmen ihrer eigenen Projekte oder Berufstätigkeiten einsetzen. Die Grundannahme ist simpel: Zuhören, ohne die Gesprächspartner:innen zu unterbrechen oder zu bewerten. Das Gespräch, das sich um ein festgelegtes Thema dreht, soll auf der Grundlage des persönlichen Erlebens und unter Berücksichtigung der eigenen Gefühle stattfinden. Das Gegenüber soll nicht bewerten, sondern ebenfalls sein eigenes Erleben schildern. Dieses Format wurde von Mehr Demokratie e.V. entwickelt und schon länger praktiziert; jeden ersten Mittwochabend kann man auch online über die Webseite mehr-demokratie.de testweise teilnehmen.

Fortbildungstage organisiert der Verein bundesweit. Und auf Schloss Freudenberg sind bereits entsprechend ausgebildete Mitarbeitende tätig, die die monatlichen Dialog-Abende moderieren. Themenvorschläge können vorab gemacht werden oder entwickeln sich vor Ort. Und die Themen liegen nahe, wie sich auch beim Auftakt erweist: Corona, Klimawandel, Gendern, Wehrpflicht – man entschied sich letztlich für das Thema „Umgang mit der AFD“. In Vierergruppen wurde über dieses Thema gesprochen, und zwar so, dass eine Person immer genau vier Minuten Sprechzeit hatte, ohne unterbrochen zu werden. Das Ganze in drei immer persönlicher werdenden Runden, also jeweils drei mal vier Minuten. Ein anregendes Format, das zu einem respektvollen Gesprächston führt. Wobei: Natürlich war dies ein Setting, in dem sich alle einig waren. Wie das wohl wäre, wenn jetzt tatsächlich jemand von der AFD dabei wäre, fragten sich manche. Tatsächlich, so Roman Huber, habe man genau das in Cottbus einmal probiert, was zu keinem guten Ergebnis geführt habe. Aber andere kontroverse Fragen seien durchaus schon nutzbringend und sinnvoll in solchen Runden besprochen worden.
Anwendbar ist das Format in unterschiedlichen Umgebungen. Die Teilnehmenden, selbst aus den diversen Umfeldern stammend, von Kommunalpolitik bis Coach oder auch nur ganz privat dabei, machten teils ganz neue Erfahrungen: Einmal reden dürfen, ohne Angst vor Unterbrechung, Bewertung, gar Abwertung haben zu müssen. Für manche war das tatsächlich vollkommen ungewohnt. Das Schloss-Team sorgte für ein angenehmes Ambiente unter dem Dach – einziger Kritikpunkt war für manche die „Himmelsleiter“, eine für Höhenangst- oder Knie-Leidende recht anspruchsvolle Aufgabe, diese respekteinflößende Außentreppe hochsteigen zu müssen.

Aber sonst kann man hier „Diskurs neu lernen“, wie es eine Teilnehmerin ausdrückte. Das kann der gerade ziemlich gefährdeten Demokratie – die ja im Kleinen anfängt, im Kommunalen, in der Schule, im Dorf oder Verein – nur guttun. Denn, wie der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde schon in den 60er Jahren formulierte: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Also liegt es an uns allen, die Demokratie aktiv zu schützen und dafür nötigenfalls wieder zu erlernen, wie man sinn- und respektvoll miteinander spricht.

Die Montagabende sind kostenfrei, Suppe und Getränk inbegriffen, eine Anmeldung über die Webseite ist erforderlich.

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