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Kultur Mainz

„Wir müssen für unsere Zukunft kämpfen“

Die samische Künstlerin Britta Marakatt-Labba spricht im Gespräch mit STUZ über Kunst als Widerstand, den Verlust von Land und Kultur und über die Frage, wie Europas einziges indigenes Volk in einer Zeit von Klimakrise, Krieg und „grünem Kolonialismus“ überleben kann. Ihre Arbeiten sind bis zum 26. Juli in der Kunsthalle Mainz zu sehen.

Interview Janina Dillmann

STUZ: Durch Ihre Kunst wird die samische Kultur und Lebensweise sichtbar – Dinge, die außerhalb der samischen Gemeinschaften lange Zeit weitgehend unsichtbar waren. Haben Sie das Gefühl, dass sich die Wahrnehmung der Sámi verändert hat oder bestehen Marginalisierung und Ausgrenzung weiterhin fort?
Britta Marakatt-Labba: In den letzten sieben bis acht Jahren habe ich eine große Veränderung in der Sichtbarkeit der samischen Kunst und Kultur gesehen. Durch diese Anerkennung ist auch die Erkenntnis gekommen, dass es uns Sámi in Skandinavien überhaupt gibt. Durch die Kunst, die ich schaffe, fühle ich mich persönlich wahrgenommen. Die Marginalisierung existiert nach wie vor und hält an; sie ist nicht verschwunden. Wir müssen immer noch um unser Überleben als indigene Bevölkerung kämpfen und unsere Kultur und unsere Lebensweise verteidigen.

Ihre Kunst erzählt von Unterdrückung, Umweltzerstörung und Widerstand. Was sollen Menschen aus Ihren Arbeiten mitnehmen?
Ich hoffe, dass das Publikum meiner Ausstellung zumindest ein wenig Neugier und den Wunsch mitnimmt, mehr über die Kultur der Sámi zu erfahren. Wenn es mehr über uns als Volk erfährt, kann das europäische Publikum uns auch in unserem Kampf um den Erhalt des Landes und der verbleibenden natürlichen Ressourcen unterstützen, die wir noch haben. Mit jedem Jahr schrumpft das uns zur Verfügung stehende Land durch neue Bergbaubetriebe, den Ausbau von Windparks und die Abholzung der Wälder.

Warum spielen Rentiere bei Ihnen eine zentrale Rolle?
Ich stamme aus einer Rentierhirtenfamilie und sowohl mein Mann als auch mein Sohn sind in der Rentierhaltung tätig. Für mich ist das Rentier alles – es versorgt uns, und von ihm erhalten wir Materialien für Duodji, das traditionelle samische Handwerk. Rentiere spielen auch eine wichtige Rolle in der samischen Mythologie. Für uns ist das Rentier kein Tier, das man misshandelt; wir haben tiefen Respekt vor unseren Tieren.

Ihr Werk „The Package“ erinnert an die Katastrophe von Tschernobyl in der Ukraine. Hat der Krieg dort besondere Auswirkungen auf die Sámi?
Der Krieg in der Ukraine beunruhigt mich und betrifft mich. In mir kommt sofort die Angst auf, dass es erneut zu radioaktiven Lecks oder Kontaminationen kommt: Wie würde sich das auf die Rentierzucht und die Dinge auswirken, die in der Natur wachsen, wie zum Beispiel Beeren? Der Krieg in der Ukraine hat auch uns Sámi in Schweden, Norwegen und Finnland getroffen, da die kulturelle Zusammenarbeit, die wir mit den Sámi in Russland hatten, derzeit zum Stillstand gekommen ist.

Kopfbedeckungen tauchen immer wieder in Ihren Arbeiten auf. Welche Bedeutung haben sie für die samische Identität und Geschichte?
Unsere Hornkappe hat für mich eine bedeutende Symbolik. Sie wurde von Frauen getragen und stand für Stolz und Macht. Mit dem Einzug des Christentums in Sápmi, dem Land der Sámi, wurde die Kappe verboten; man sagte, man dürfe das Symbol des Teufels nicht tragen. Die Frauen drehten die Mütze daraufhin nach hinten, damit die Behörden nicht erkennen konnten, dass sie die Hornmütze immer noch trugen, allerdings mit dem Horn nach hinten gerichtet – das sogenannte „liegende Horn“. Auch die Farbe der Mütze hatte eine Bedeutung. Blau signalisierte Trauer in der Familie, und in meinen Bildern tragen einige Frauen blaue statt roter Mützen. Blau, die Farbe der Trauer, wird hier verwendet, um zu zeigen, dass die Ausbeutung des Landes der Sámi Realität ist.

In Sápmi wird oft über „grünen Kolonialismus“ diskutiert. Welche Auswirkungen haben Windparks oder Bergbau auf die samische Kultur und Rentierzucht?
Wie grün sind diese Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien wirklich? In meiner Region wird gerade mit dem Abbau von Graphit begonnen. Wenn lokale Gemeinschaften ignoriert werden und wenn Gemeinden und die derzeitige Regierung Gesetze ändern, um diese Projekte zu ermöglichen, bedeutet das einen verheerenden Schlag für die Familien, die in der Region Rentierzucht betreiben. Die Gewässer werden verschmutzt werden. Der grüne Kolonialismus betrifft uns in einem solchen Ausmaß, dass das Land den endlosen Eingriffen in Form von Windparkausbau und Landausbeutung nicht mehr standhalten kann. Langfristig drohen die samische Kultur und die Rentierzucht ausgelöscht zu werden. Unsere Zukunft hängt von einer sehr fragilen Existenz ab. Mein Wunsch ist es, dass diese Klondike-Mentalität ein Ende findet; es ist nicht nachhaltig, die gesamte Region in Schweizer Käse zu verwandeln. Die Zukunft und das Überleben künftiger Generationen müssen ernst genommen werden. Die samische Kultur und unsere Lebensweise müssen bewahrt werden. Wir müssen für unsere Zukunft kämpfen. Ich habe mich dafür entschieden, mit Bildern zu arbeiten, durch die ich meine Kindheit, meine Lebenserfahrungen und meine Reflexionen über das, was heute geschieht, teile. Meine Hoffnung ist, dass durch meine Bilder mehr Menschen in Skandinavien, Europa und dem Rest der Welt reagieren und sich für unseren Kampf ums Überleben einsetzen.

WTF
Duodji ist das traditionelle Kunsthandwerk und die angewandte Kunst der Samen. Es zeichnet sich durch die Verarbeitung natürlicher Materialien aus der arktischen Umgebung, wie Rentierhorn, Holz, Leder und Wurzeln, aus.
Klondike-Mentalität bezeichnet eine rücksichtslose Goldgräber-Logik: Möglichst viele Rohstoffe sollen schnell ausgebeutet werden, ohne auf Natur, Menschen oder langfristige Folgen zu achten. Der Begriff geht auf den Goldrausch im Klondike-Gebiet in Kanada Ende des 19. Jahrhunderts zurück.

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