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Vom Kommissbrot zum Kulturort

Fast drei Jahrzehnte nach der ersten Idee nimmt die „Kulturbäckerei“ Gestalt an. In der Mainzer Rheinallee 111 eröffnet am 23. Oktober ein Zentrum für Kunst, Kultur und Begegnung.

von Ulrich Nilles

Die Kulturbäckerei richtet sich bewusst an alle“, betont Jürgen Waldmann, Geschäftsführer des Vereins für Soziokultur, im Gespräch. Jugendliche und Senior:innen, Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten und mit unterschiedlichen Herkünften ebenso wie Profis aus Kunst und Kultur sowie Menschen ohne Vorerfahrung sollen sich angesprochen fühlen.

Dieser Anspruch prägt die Arbeit des Hauses: Es entwickelt ein eigenes partizipatives Kulturprogramm, bietet Platz für die freie Szene, Vereine und Initiativen und vernetzt Kulturschaffende und zivilgesellschaftliche Akteure.

„Dafür benötigen wir den Rahmen“, sagt Kris Lehmann, der gemeinsam mit Waldmann das hauptamtliche Team der Kulturbäckerei bildet. Den bietet ab dem 1. September die grundsanierte ehemalige Kommissbrotbäckerei in der Rheinallee 111. An diesem Tag übergibt die Eigentümerin „Wohnbau Mainz“ die Schlüssel an den Verein. Auf zwei Geschossen mit rund 1.400 Quadratmetern verteilen sich 20 unterschiedlich große Bereiche. „Dort bespielen wir zwei größere Einheiten, einen hellen Ausstellungsraum und eine Blackbox mit Tanzboden, die wir sukzessive ausstatten wollen“, beschreibt Waldmann die Aufgaben. Hinzu kommen Flächen für Workshops, Ateliers, Arbeitsplätze und Büros.

Viele unter einem Dach
Denn künftig werden im zweiten und dritten Geschoss des denkmalgeschützten Backhauses mehrere Kulturinstitutionen und -verbände ihren Sitz haben – darunter der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, TheaterRaumMainz, das LiteraturBüro e. V. – Mainz für Rheinland-Pfalz, das Performance Art Depot PAD und die Jugendkunstschule Kinder-Kreativ-Werkstatt.

Mit einem von Norbert Schön betriebenen Club- und Gastronomieangebot hat die Wohnbau Mainz einen zweiten Mieter für das „hundert11“ genannte Gebäude gefunden. Der Kulturclub wird unter anderem die ehemalige Backhalle im Erdgeschoss als Veranstaltungsraum für circa 500 Personen anmieten. „Das ist ein idealer Veranstaltungsort“, schwärmt Waldmann. Auch der Kulturbäckerei steht die Halle zur Verfügung. Ein Tageskontingent ist vertraglich gesichert.

Nach dem Festakt am 23. Oktober folgt an den beiden darauffolgenden Tagen ein vielfältiges Kulturprogramm mit Akteur:innen aus Mainz und geladenen Gästen. „Das Wochenende soll einen Vorgeschmack von dem vermitteln, was das Haus später ausmacht“, verrät Jürgen Waldmann.

Mitmachen hat Tradition
Wie das in der Praxis aussehen kann, hat die Kulturbäckerei bereits im K-LAB, ihrem derzeitigen Standort am Karoline-Stern-Platz, erprobt. Ein aktuelles Beispiel ist „Good News“, ein Projekt, bei dem rund zehn Beteiligte Ideen entwickeln. Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich den schwierigen und schlechten Nachrichten positive Beispiele entgegensetzen lassen. Die Kulturbäckerei begleitet und moderiert den Prozess, bringt ihre Expertise ein und unterstützt die Umsetzung.

Seit 2021 bringt das partizipative Kunstfest Neuperspektiven Künstler:innen, Nachbar:innen, Initiativen und Interessierte zusammen, um gemeinsam einen Nachmittag auf dem Platz zu gestalten. Im Atelier für Alle sind in den vergangenen Jahren die Projekte Geen Up und Betongold entstanden. Bei AGUZU – der „Agentur für ein GUtes ZUsammenleben“ – wurden 2025 im Innenstadtbereich ein großes Kartenhaus und Papierboote mit Ideen zum guten Zusammenleben gestaltet.

Preis der Offenheit
Finanziell getragen wird die Kulturbäckerei vor allem von der Stadt Mainz. Sie gewährt eine institutionelle Förderung, die im kommenden Jahr auf 350.000 Euro steigt. „Erst dadurch wurde es möglich, Räume anzumieten und Personal zu beschäftigen“, sagt Waldmann. Hinzu kommen projektbezogene Mittel vom Ministerium für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, aber auch von der Kulturstiftung des Bundes sowie der Lotto-Stiftung. Für Formate der kulturellen Bildung etwa mit Kindern beantragt der Verein gezielt Fördermittel. Damit werden auch Honorare finanziert. „Zu einer fairen Zusammenarbeit gehört eine angemessene Gage“, sagen die beiden Hauptamtlichen – wohl wissend, dass dies nicht selbstverständlich ist.

„Die Förderlandschaft hat sich nicht gerade zum Positiven entwickelt“, gibt Kris Lehmann zu bedenken. Umso wichtiger ist die Unterstützung aus den Reihen der knapp 90 Vereinsmitglieder und zahlreicher weiterer Menschen. So übernimmt eine Ehrenamtliche die Lichtplanung für die Kulturbäckerei. Vieles wird durch dieses Engagement möglich – aber eben nicht alles:
„Ehrenamt hat halt auch seine Grenzen“, räumt Geschäftsführer Waldmann ein.

Nach der Eröffnung gilt es, die Finanzierung von Betrieb und Programm langfristig abzusichern und zugleich den Alltag eines offenen Hauses zuverlässig zu organisieren. Genau darin sieht die Kulturbäckerei ihren langfristigen Auftrag: einen Ort zu schaffen, an dem Kultur nicht nur für alle angeboten, sondern gemeinsam mit allen Menschen gestaltet wird.

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