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Raue Fassade, vielfältiger Kern

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Ein Spaziergang durch Mainz-Kastel zeigt, es gibt mehr zu entdecken als man denkt.

von Tim Porzer

Wer als nichtsahnender Flaneur auf seinem Spaziergang durch Mainz die Theodor-Heuss-Brücke überquert, steht vor einem schwerwiegenden Schritt. Er ist dabei das rheinland-pfälzische Hoheitsgebiet zu verlassen und sich mutig auf das Abenteuer Wiesbaden einzulassen, denn die scheinbaren Mainzer Vororte auf der gegenüberliegenden Rheinseite gehören bereits zu Hessen. Auch wenn der Schritt so manchem eingefleischten Mainzer schwer fallen dürfte, ein Spaziergang durch Mainz-Kastel birgt viele Überraschungen – egal zu welcher Jahreszeit. Denn wer die Theodor-Heuss-Brücke erst einmal erfolgreich überquert hat, wird mit einer wunderbaren Rheinpromenade belohnt, auf der einem selbst an einem verschneiten Wintermorgen Jogger und Spaziergänger aller Altersklassen begegnen. Während die einen den Kampf gegen die Weihnachtspfunde erbittert führen, bewundern die anderen den festlich geschmückten Weihnachtsbaum an der Bastion von Schönborn und bauen die ersten Schneemänner.

Viel Action für Kinder

Aber nicht nur Sportler und Schneestöberer lockt das Rheinufer an, auch Fahrradfahrer und Freunde des Grillens und Picknickens kommen in der wärmeren Jahreszeit auf ihre Kosten. Selbst Kultur- und Geschichtsinteressierte sowie Kinder und Jugendliche sind an diesem Ort genau richtig. Schon von außen schön anzusehen, birgt die ehemalige Reduit-Kaserne seit den späten 80er-Jahren verschiedenen Vereinen und Gruppen ein zu Hause und hat sich über die Jahre zum kulturellen Epizentrum Kastels entwickelt. Im Kinder und Jugendzentrum (kujakk) gibt es für Kinder bis zur vierten Klasse und Jugendliche bis 18 Jahren ein vielfältiges Programm, bei dem sich jeder Einzelne einbringen und verwirklichen kann. Birgit Schütz, Leiterin des kujakk in der Reduit, zählt einige Angebote auf. „Wir haben zum Beispiel eine deutsch-chinesische Jugendbegegnung, die Kriminacht, Theatergruppen sowie Zumba- und Tangoangebote.“ Geöffnet hat das kujakk von Montag bis Mittwoch sowie Freitags von 15 bis 18 Uhr für Kinder und bis 20 Uhr für Jugendliche. Am Donnerstag ist von 15 bis 18 Uhr nur für Mädchen geöffnet. Hinzukommt ein Angebot der städtischen Schülerhilfe für Schüler der ersten bis sechsten Klasse – immer Montag bis Donnerstag von 12 bis 15 Uhr nach voriger Anmeldung. Tradition in der Reduit haben mittlerweile auch die jährlichen Ska-Konzerte, die immer wieder Besucher aus allen Gegenden anlocken. „Die Reduit ist ein Gelände, das sich für Veranstaltungen mehr als eignet, da man niemanden stört“, schwärmt Hermann Junglas, Initiator der Ska-Konzerte und fügt an: „Als wir das vor zwanzig Jahren begonnen haben, hatten wir selbst nicht damit gerechnet aber es hat sich entwickelt und junges Publikum kommt nach.“

Bei den Angeboten in der Reduit ist Birgit Schütz die Kooperation mit den Kasteler Sport- und Turnvereinen wichtig. „Es ist hier ein gutes Miteinander von allen Vereinen und Organisationen, auch der Runde Tisch für Flüchtlinge ist ein gutes Beispiel, wo Kirche und die Gemeinde sich gemeinsam engagieren.“ Und das Angebot für Kinder und Jugendliche in Kastel soll weiter ausgebaut werden. So soll an der Rheinpromenade, auf dem ehemaligen Gelände der Naturbaustoffe Menz, ein großer Jugendspielplatz mit Skaterpark und Freifläche entstehen. Eine Idee, die bei Junglas auf Zustimmung stößt: „Das ist eine tolle Sache, vor allem da man das Gelände expandiert statt neuen Raum zu eröffnen, das wird auf großes Interesse stoßen“. Auch Birgit Schütz ist vom Freizeitstandort Kastel angetan: „Das ist schon ein kleines Juwel, das wir hier gemeinsam mit dem Meeting of Styles haben.“ Die Resultate des jährlich in Kastel stattfindenden Graffiti-Künstler-Treffens sieht man als Flaneur am besten im Unterführungskomplex des Brückenkopfs. Hier ragen farbenfrohe Zukunftsvisionen ineinander und verschmelzen zu einer Verflechtung aus künstlerischen Stilen und Eindrücken. Folgt man dem Unterführungskomplex vorbei an Graffiti besprühten Fassaden, Baustellen und dem Verkehrstreiben um den Brückenkopf, gelangt man ins Zentrum Kastels. Dieser kurze Fußweg erscheint wie ein Labyrinth aus ineinander übergehende Seitenstraßen. Erschöpft und in dieser Jahreszeit leicht durchgefroren, entdeckt man eine Oase guten Kaffeegeschmacks. Die Kaffeerösterei Kastel Am Babbeleck ist der perfekte Ort um sich aufzuwärmen, eine nette Unterhaltung zu führen und sich über Kaffee beraten zu lassen. Hier wird seit 2009 noch unter privater Regie Kaffee geröstet und verkauft. „Das Ambiente ist etwas rau, ruppig, es bleibt eine Manufaktur. Es ist streng genommen ein Kaffee- und Zolllager, es soll etwas rohes und unvollendetes bleiben“, erzählt Johannes Gammersbach, Besitzer des Babbelecks, die Geschichte hinter der Einrichtung. Und der leidenschaftlicher Kaffeeröster scherzt: „Ich bin auf einem guten Weg, nicht fertig zu werden.“ Die offene und humoristische Art des Besitzers, gepaart mit seinem Sachverstand, ist es, was die Leute schätzen und so soll es sein. „Am Babbeleck ist ein zentraler Platz der Straße und wie es der Zufall will, genau gegenüber gab es bis in die 60er-Jahre schon einmal eine Kaffeerösterei“, erzählt Gammersbach. In der eigenen Röstmaschine werden die Bohnen je nach Kaffeesorte zwischen 15 und 22 Minuten geröstet und verlieren durch das Langzeitrösten ihre Bitterstoffe und Säure – die Qualitätsprüfung steht an oberster Stelle. Bei der Kaffeewahl verzichtet Gummersbach bewusst auf Bio, bietet dafür aber ausschließlich Fair-Trade-Kaffee an. Und das kommt an: „Die Zahl der Röster in Deutschland steigt, das zeigt, dass Leute wieder mehr Bewusstsein für Kaffee entwickeln.“ Besonders freut sich der Kaffeeexperte über seine vielfältige Kundschaft, die sich über alle Altersklassen und Berufsstände erstreckt. Und die Kaffeerösterei erfreut nicht nur den Gaumen, sondern auch den Geruchssinn: „Die Kasteler freuen sich, wenn ich röste, dann riecht ganz Kastel nach Backen – bis auf den Brückenkopf hoch“, meint ein stolzer Gammersbach.

Dauerflohmarkt mit Mietregalen

Vom Kaffee frisch gestärkt, ist es die richtige Zeit zum Shoppen – umso schöner, dass Kastel eine Schatzinsel für Raritätensammler birgt. Ob Schmuck, Schallplatten oder Haushaltseinrichtung – die Handelszone hat für so ziemlich jeden Liebhaber etwas. Seit 2010 läuft das Geschäft der Familie Aykan und birgt dabei eine Besonderheit. „Hier ist es wie auf dem Flohmarkt, da stellt man Dinge aus, hier mietet man ein Regal“, erklärt Yannick Aykan das Verkaufsmodell. Hier kann jeder, Privatperson oder Händler, ein Regal mieten und seine Verkaufsgegenstände anbieten – den Preis bestimmt der Verkäufer. Den Erlös gibt es, sobald ein Gegenstand verkauft ist. „Hier gibt es immer was Neues zu entdecken, da es auch immer neue Verkäufer gibt“, verspricht Aykan. Ein Modell, das von den Verkäufern und Kunden angenommen wird. „Wir haben Stammkunden, die suchen gezielt nach Schallplatten, Bildern oder Postkarten von vor dem Krieg“, erzählt Aykan und fügt an: „Manche kommen jeden Tag, für sie ist das Entspannung hier und sie kommen runter.“ Das abwechslungsreiche Angebot und die fairen Preise spiegelt sich auch im Kundenklientel wieder meint Yannick Aykan: „Es kommen Studenten, Familien aus allen Schichten, ältere Leute und Flüchtlinge, die hier in der Straße deutsch lernen – sie alle finden etwas.“

Wer nach so viel Landschaft, Kultur, Kaffee und Shopping nicht hungrig nach Hause gehen möchte, hier noch ein kleiner Geheimtipp für Fischliebhaber. Die Kasteler Fischhalle bietet seit 1945 eine Mischung aus frischem Fisch und frisch zubereiteten Speisen – aber Vorsicht, wer eine Markthalle erwartet, könnte enttäuscht werden. Nach dieser letzten Speise läuft es sich doch fast von alleine nach Hause und wem trotz allem die Füße versagen, der darf sich gern der guten Infrastruktur aus Bus und Bahn bedienen. Ein Ausflug nach Kastel lohnt sich, denn hinter der rauen Fassade des Brückenkopfs und des Industriegebiets verbergen sich kleine Gassen und viele Geschichten. Trotzdem fällt auf, dass gerade in der studentischen Szene Nachholbedarf besteht. „Es gibt viele Ideen in diesem Stadtteil aber es fehlen noch mehr Leute, die sagen, komm ich mache es“, sieht auch Hermann Junglas weiteren Platz für Engagement.

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