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„Mainz verkauft sich unter Wert“

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Die Nachricht sorgte für Wirbel: Die Mainzer CDU geht mit dem unabhängigen Kandidaten Nino Haase (35) ins Rennen um die Oberbürgermeisterwahl im Herbst. Der Diplom-Chemiker ist vor allem bekannt als geworden als „Schlag den Raab“-Sieger. Letztes Jahr war er Sprecher der Bürgerinitiative, die den Bibelturm neben dem Gutenbergmuseum verhinderte. Wir haben den Überraschungskandidat interviewt.

STUZ: Nino, wann warst du zuletzt in der Mensa der Mainzer Uni essen?

Haase: Letztes Jahr mit meiner Freundin, die an der Uni Dozentin ist. Ich finde, die Mensa ist definitiv besser geworden. Man findet auch mehr vegetarische und vegane Menüs.

Bist du Vegetarier oder sogar Veganer?

Nein. Aber ich finde diese Entwicklung gut und streue immer öfter fleischfreie Tage ein.

Welche Mainzer Clubs und Kneipen magst du?

Meine Clubfrequenz ist runtergegangen. Gerne mag ich das Red Cat, früher war ich oft im Haddocks oder auch im Gutleut oder um die Ecke in der Andau. Heute zieht es mich gerne auch mal in das eine oder andere Weinhaus auf einen guten Riesling.

Kann ein OB sich besonders für die Belange der Studis einsetzen?

Man muss die Belange der Studis kennen. Ich sehe eine wichtige Aufgabe in der Verbindung der Wohnungs- und Verkehrspolitik. Mainz hat rund 215.000 Einwohner, das bedeutet ein Wachstum von rund zwanzig Prozent in den letzten zwanzig Jahren. Entsprechend des knappen Wohnraums haben sich die Mieten drastisch erhöht. Eine Lösung wäre, den Wohnraum in den entlegeneren Stadtteilen und in Rheinhessen deutlich besser an die Stadt anzubinden. Das wäre sowohl für Studis als auch für Familien attraktiv.

Welche Hauptaufgaben siehst du – solltest du die Wahl gewinnen – auf dich zukommen?

Als Sprecher der Bürgerinitiative gegen den Bibelturm habe ich gelernt, dass es gilt, Bürgernähe nicht nur auszustrahlen, sondern auch aktiv umzusetzen.  Momentan sieht man es beim Thema Neustadtanleger. Hier zieht sich die Stadt auf ein „Hättet ihr mal die Baupläne gelesen“ zurück und watscht die Anwohner ab. Politik zu machen heißt meiner Meinung nach, sich mit den Befindlichkeiten der Bürger zu befassen und nicht, sich als verlängerter Arm seiner eigenen Fraktion beziehungsweise Partei zu sehen.

Wie kam es dazu, dass du dich zum OB hast aufstellen lassen?

Nach der Abstimmung zum Bibelturm kamen schon Anfragen verschiedener Seiten nach dem Motto: „Führen Sie das doch weiter“, und schließlich kam ich ins Gespräch mit Sabine Flegel (Vorsitzende der CDU Mainz. Anmerkung der Red.), die offen über Fehleinschätzungen und  Versäumnisse, auch beim Thema Bibelturm, und über den Willen zur Änderung der eigenen Politik sprach, beispielsweise eine Erhöhung der Frauenquote in der CDU auf fünfzig Prozent. Sicher mussten einige in der Parteibasis ordentlich schlucken, mit mir ins Rennen zu gehen. Ich stehe für freien Diskurs, über Parteigrenzen hinweg und für Änderungen.

Wo siehst du Probleme?

Ich sehe, dass die Kommunikation zwischen den einzelnen Dezernaten nicht richtig funktioniert. Wie sonst lassen sich solche Fehler wie bei der „Brücke ins Nichts“ über die Koblenzer Straße erklären. Sachthemen müssen nach vorne gestellt werden.

Was wäre denn zu ändern in Mainz?

Ein OB sollte nicht einfach durchregieren sondern eine Debattenkultur fördern. Ich würde mich für Unternehmens-Ansiedlungen und den Ausbau des ÖPNV einsetzen. Da muss unheimlich viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, auch in den Dezernaten. Ein solcher Ausbau ist wesentlich für die Zukunft von Mainz. Im Moment wird irgendwie immer nur so viel gemacht wie eben nötig. Mit dem Ausbau verbinde ich eine attraktivere Stadt, für Bürger und auch für Investoren. Wir haben hier eine vorzügliche Universität und tun zu wenig, die Absolventen mit attraktiven Jobs zum Hierbleiben zu veranlassen. Damit verbinde ich in Zukunft auch deutlich höhere Einnahmen bei der Gewerbesteuer, der wichtigsten lokalen Finanzquelle. Die ist hier, pro Kopf, in etwa bei der Hälfte dessen was Wiesbaden einnimmt und nur bei einem Drittel von dem was Frankfurt ins Töpfchen gespült bekommt.

Aber attraktiv wäre doch auch der Bibelturm gewesen?

Ich bin weder gegen Gutenberg noch gegen ein neues Gutenbergmuseum. Im Gegenteil: Wo stellen denn andere Städte ihre wichtigsten Museen hin? Ans Wasser! In dieser Hinsicht bietet das Rheinufer noch viel ungenutztes Potential. Ich bin traurig, wenn ich die vergebenen Chancen sehe, Gutenberg zum einen als die wichtigste Marke der Stadt zu inszenieren und zum anderen den Man of the Millennium auch gewinnbringend, zu vermarkten.

Wie könnte so eine Vermarktung inhaltlich aussehen?

Nehmen wir die Speichermedien. Unsere digitalen Speichermedien halten heutzutage etwa zwanzig Jahre. Das heißt, dass das, was wir heute speichern, in zwanzig Jahren verloren gehen wird, wenn wir keine Backups erstellen. Die Gutenbergbibel gibt es nach vierhundert Jahren immer noch. Das Thema Speichern ist ein klasse Thema für eine Gutenbergstadt. Und gleichzeitig eine essentielle Zukunftsfrage.

Noch einmal zurück zum Rheinufer, beziehungsweise zur Rheinpromenade. Hier scheinst du unzufrieden zu sein.

Ich stelle zunächst die Investitionen von zig Millionen Euro in das von Arne Jacobsen erbaute Rathaus in Frage, ebenso wie die Besonderheit des Gebäudes. Es droht, eine Art Mainzer BER zu werden. Diese zunächst fünfzig Milllionen Euro – inzwischen übrigens schon 65 Millionen Euro – wären in anderen Projekten sinnvoller aufgehoben. Und dann ist die Rheinpromenade die reinste Betonwüste. Hier sehe ich auf jeden Fall Potenzial, Mainz attraktiver zu machen.

Mit der Citybahn steht ein weiteres kerniges Thema zur Debatte. Ein Ja oder ein Nein dazu?

Zuerst ist das ein Wiesbadener Thema. Ich sehe aber die Risiken, was die Weiterführung über die Theodor Heuss-Brücke nach Mainz angeht. Es kann viele Pannen geben, vermutlich meist verursacht durch PKW-Fahrer, kleine Unfälle vielleicht, dann aber ist gleich ein Chaos. Die Idee einer weiteren Querung, also einer neuen Brücke wo und wie auch immer, finde ich im Sinne pro-aktiven Handelns überlegenswert. Wiesbaden plant mit dem Ostfeld einen neuen Stadtteil, das Linde-Gelände wird bebaut, Kastel wird weiter wachsen. Also werden definitiv mehr Kapazitäten benötigt.

Ist es da nicht gerade sinnvoll, den ÖPNV und andere Verkehrsmittel jenseits des Autos zu stärken?

Ja! Aber man sollte die Verkehrsplanung von außen nach innen vornehmen. Zum Beispiel Park-and-ride-Kapazitäten schaffen und die Innenstadt entlasten, bevor man die City durch Baustellen blockiert. So wäre von Anfang an für Entlastung gesorgt. Und die ÖPNV-Preise sind viel zu hoch. Langfristig muss man einen kostenlosen ÖPNV nicht erreichen, aber sich ihm zumindest annähern, damit die Bürger auch wirklich umsteigen. Wir brauchen statt jährlicher Preiserhöhungen kluge Konzepte.

Mit dem Fahrradverleihsystem MVG MeinRad wurde doch schon gut vorgelegt.

Das stimmt. Aber auch beim Thema Fahrrad gibt es noch viel zu tun. Ich möchte ein einheitliches Radwegenetz und deutliche Markierungen. Hinzu kommt, dass das Fahrrad kein Allheilmittel ist. Viele Bürger können kein Rad fahren, etwa Senioren. Also wäre ein weiterer Schritt, flächendeckende Carsharing-Angebote zu etablieren. Mainz und Wiesbaden haben zusammen über eine halbe Million Einwohner. Das ist für private Anbieter interessant – die Kommunen würden kein Risiko tragen müssen.

Liegt das Heil also in mehr Wachstum und mehr Privatwirtschaft? Was ist mit sozialen Themen?

Ich bin Naturwissenschaftler. Ich möchte, dass Mainz bis 2030 der Standort in Rhein-Main ist. Wenn uns das gelingt, und sich hier zukunftsweisende Unternehmen ansiedeln, dann wird auch Geld da sein, das zum Beispiel in sozialen Wohnungsbau fließen kann. Im Moment ist es leider so, dass Unternehmer angesichts der Mainzer Wirtschaftsförderung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und nach Frankfurt ausweichen. Wirtschafts-, Wohnbau und Sozialpolitik müssen als ganzheitliches Projekt verknüpft werden.

Mainz soll also Frankfurt überholen?

Mainz verkauft sich unter Wert. Das ist etwas, das mich als Bürger ärgert. Wenn ich als OB kandidiere und gewählt werde, kann ich handeln. Wir haben am Beispiel Bibelturm gesehen, dass man etwas bewegen kann.

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