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Wo ein Wille ist, ist auch ein Tanz

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Das DecaDance Swing Festival steht vor der Tür, aber wo treibt sich die Swingszene der Region das restliche Jahr herum? Wer nur in seiner Stadt sucht hat verloren.

von Mirijam Ozoux Krebber

Zum Auftakt des diesjährigen DecaDance Festivals in Wiesbaden stellt man sich die Frage, wo sich die Swingszene dieser Stadt das restliche Jahr so rumtreibt. Aber die Swingszene lässt sich hier nicht so einfach auf Stadtebene runterbrechen, sondern misst sich an ihren städteübergreifenden Aktivitäten im ganzen Rhein-Main-Gebiet. 1992 setzt die Mainzerin Gerlinde Farr, gepackt durch die euphorische Renaissance der Swingkultur in ganz Europa, ein entscheidendes und nachhaltiges Zeichen für die heutige Szene der Region und gründet den 1st Boogie Hoppers-Verein in Mainz. Startschuss für das Wiederaufleben des Swing und allen dazugehörigen Tanzrichtungen (Lindy Hop, Charleston, Blues, Balboa …) gab damals der Schwede Lennart Westerlund, der den letzten bekannten Swingtänzer Frankie Manning im Alter von 75 Jahren auf eine Tour nach Europa holte, um sein Wissen der Nachwelt weiterzugeben. Nachdem Swing und Lindy Hop für viele Jahrzehnte fast vergessen schienen, so trugen wahre Tanzüberzeugung und das große ehrenamtliche Engagement in den 90ern dazu bei, dass das Swingrevival nicht bald darauf als bloßes Modephänomen wieder in der Schublade verschwand. Durch die Vereinsbasis der Swingkultur konnte der Tanz seinem nicht profitorientierten Ursprung der schwarzen Widerstandsbewegung in den USA bis heute treu bleiben. Denn wer tanzen will und Jazz mag, der findet im Swing eine Möglichkeit sich zu amüsieren, ohne dafür zwangsweise viel Geld hinblättern zu müssen.

Es gibt keine falschen Schritte, nur neue

Nicht wenige, auch Kai Unger – der Gründer des Verein Swing in Wiesbaden e.V. – sind sogar der Meinung, dass man Lindy Hop und Swing in einer klassischen Tanzschule gar nicht erlernen kann: „Beim Swing geht es vor allem um das Gefühl für die Musik. Ausschlaggebend ist das Führen und Folgen, die Schritte kommen dann und sind so individuell wie ihre Tänzer.“ Das mag am Anfang etwas einschüchternd wirken, denn bei den schnellen Schrittfolgen, abgestimmten Hüpfern und manch akrobatischer Einlage auf der Tanzfläche hält man Improvisation als Anfänger für schlichtweg unmöglich. Und wer gekonnt improvisieren will, muss zumindest erst einmal wissen, wie man die Takte zählt und am besten noch in der Lage sein, zwischen Lindy Hop und Charleston, Balboa und Blues zu variieren. Erst dann gilt die Regel: Beim Swing gibt es keine falschen Schritte, sondern nur neue. Um die Grundschritte zu erlernen, empfiehlt sich am ehesten ein Anfängerworkshop – möglich beispielsweise auf dem einmal im Jahr stattfindenden DecaDance Festival oder bei Brian und Johanna, einem Tanzpaar aus Wiesbaden. Weniger kostspielig ist es dann ein- oder zweimal im Jahr bei den Anfängerworkshops des Mainzer Vereins. Langfristig gesehen reicht es dann nicht mehr, sture Schrittfolgen choreographisch hintereinander anzuwenden. Das Erlernte muss regelmäßig angewendet werden und lebt durch das soziale Miteinander, meint auch Lea Friedmann, 1. Vorsitzende des Lindy Boogie Hoppers Club in Mainz. Wer regelmäßig tanzen gehen will sollte jedoch den Blick über den eigenen Tellerrand werfen und sich im gesamten Rhein-Main-Gebiet orientieren. „Wer einmal am Ball ist und im Austausch mit den anderen steht, hat die Möglichkeit, mindestens jeden zweiten Abend tanzen zu gehen. Sei es in Mainz, Frankfurt, Offenbach, Gießen …“ so Volker, ehrenamtlicher Tanzlehrer des Mainzer Vereins. Und der Austausch zwischen den Städten lohnt sich, denn überall vibriert die Szene auf eigene Weise. Im Wiesbadener Verein und auf dem DecaDance tanzt man gerne mit 20er-Jahre-Kostümchen, während das Pubikum in Mainz bodenständiger und studentischer wirkt. „In Offenbach tut sich eine unerwartete Swing-Vintage-Subkultur auf, mit Events die teilweise auch in privaten Räumen oder alten Kinosalons stattfinden”, schwärmt die tanzbegeisterte Inhaberin des Wiesbadener Vintage-Ladens Good Times. Frankfurt überzeugt durch regelmäßige Liveauftritte im Eulenspiegel.

 

Zusammenfassende Informationen und einen Swingeventkalender bietet die Seite rmswing.de. Im Zuge der bevorstehenden sommerlichen Outdoor-Events auf dem Neroberg oder am Rheinufer lohnt es sich, den verschiedenen Facebookgruppen zu folgen. Mit etwas Glück bekommt man auch Anfang Mai noch Restkarten für die DecaDance-Parties oder den History Talk mit Lennart Westerlund. Siehe auch dd2019.swinginwiesbaden.de. Nicht einschüchtern lassen, so dekadent und arrogant wie es anmutet ist das DecaDance-Festival nämlich gar nicht. Es hat sich mit viel Liebe zum Detail von einem Turnhallenfest mit Big Band über die Jahre zu einem jährlich stattfindendem Tanzwochenende gemausert, das mit vielen renommierten internationalen Tanzlehrern der Swingszene im Rhein-Main-Gebiet die Tore zur Welt öffnet.

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