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Reihenweise Raum gewinnen

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Mit der Fahrradaktion Critical Mass (CM) gelingt es, Demokratie mit der Einmischung in kollektive Angelegenheiten zu kombinieren.

von Eva Johanna Hill

Isabella ist vor Zorn außer sich, denn infernales Dröhnen, Knattern und Getöse vereiteln nicht nur Schlaf, sondern auch Tiefenentspannung. Anstatt zu randalieren und den Stromkasten zu beschmieren, behält sie die Fassung. Weil die lokalen Parteien gegen die verschwenderische Lärmbelästigung nicht genug tun können, muss sie sich die richtigen Verbündeten suchen.

Aufklärung über Rechte im Straßenverkehr
Bei CM geht es darum, für die Belange der Radfahrer*innen im Straßenverkehr zu demonstrieren. Sie treffen sich und lenken ihre Vorstellungen in geordnete Bahnen. Dabei berufen sie sich auf die Straßenverkehrsordnung (StVO), nach der mindestens 15 Personen die „kritsche Masse“ sind, ab der sie als Verband gelten und berechtigt sind, auf einer Fahrspur zu zweit nebeneinander zu fahren. Der Flyer von CM Wiesbaden ist mit Passagen aus der StVO bedruckt und besagt, wie sie auf Kreuzungen weiterfahren, falls die Ampelanlage auf „Stop!“ umschaltet. Günni bloggt zum Thema Fahrradverkehr und ist bei dem Treiben vor dem Mainzer Staatstheater zugegen. Er erzählt von den Hauptgründen für die Teilnahme an CM und sagt, die Fahrradaktion stelle für manche eine „nette Ausfahrt“ oder „ein Treffen mit Gleichgesinnten“ dar. Ein weiterer Faktor sei „ein bißchen Rebellion“, etwa beim Fahren über die Kreuzung bei roter Ampel. Zwei Naturschützerinnen und die Mitarbeiterin eines Fahrradvereins unterhalten sich mit Anwesenden, denen sie Informationsmaterial aushändigen. Barka ist verkehrspolitischer Sprecher einer Partei und kandidiert für ein Amt. Der 27-Jährige sagt, er habe schon darüber nachgedacht, ob CM auch außerhalb von Städten vorstellbar wäre. Aber seine Beurteilung lautet, dass es bei CM um „Sichtbarkeit“ gehe, Autofahrer auf anderen Straßen schneller unterwegs seien und CM bei diesen dort zu Aggressionen führen könne. „Für normale Touren macht das keinen Sinn“, lautet seine Beurteilung. Ein geheimnisvoller Unbekannter informiert darüber, dass CM sich manchmal mit Sonderfahrten engagiere und aktuell mit Fridays For Future Mainz, Substanz der Stadt und der lokalen Lebensmittelrettung kollaboriert.

Mit wagemutigen Manövern Signale setzen
Der vom Verkehrsministerium geförderte Fahrrad-Monitor 2017 zeigt, dass das Sicherheitsgefühl beim Radfahren 53 Prozent beträgt. Die Befragten verunsichern zu viel Verkehr (71 Prozent), zu wenig separate Radwege (70 Prozent) und rücksichtsloses Autofahren (65 Prozent). Theresa ist eine derjenigen, die sich nicht einfach einschüchtern lassen. Sie ist auf CM aufmerksam geworden, als sie im Zug einen Flyer gefunden hat. „Da habe ich gemerkt, dass es so etwas gibt“, sagt sie. Sie gebietet den Fahrer*innen der langen und breiten Fuhrwerke mit dem Fahrrad Einhalt, indem sie immer wieder vorneweg fährt und sich mit anderen quer auf seitlich angrenzenden Straßen positioniert. So schirmt sie die Strecken ab, bis der Verband hindurchgefahren ist. Der Begriff für diese Praktik lautet „Corking“ und lässt an den Korken auf der Weinflasche denken. Die Touren sind eher sportlich, wenn die Umgebung ein paar Steigungen aufweist. Die Fahrgeschwindigkeit hängt vor allem von der Gruppenstärke ab.

 

Die nächsten Fahrradaktionen finden ab dem Staatstheater in Mainz am 7. Juni um 19 Uhr und dem Hauptbahnhof Wiesbaden an den Koffern am 21. Juni um 18.30 Uhr statt.

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