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Gastro Stadt

Ein Bürgermeister für die Nacht

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Mannheim hat ihn, Wiesbaden will ihn, Mainz braucht ihn – den Nachtbürgermeister. Ein Amt, dass sich in vielen Metropolen dieser Welt bereits durchgesetzt hat und nun so langsam auch in Deutschland in den Fokus der nachhaltigen und zukunftsorientieren Stadtentwicklung rückt. Für viele ist der Begriff jedoch immer noch ein Rätsel. Was macht der Nachtbürgermeister? Welche Stadt braucht ihn und wo liegen die Vorteile? Darüber haben wir mit dem Mannheimer Hendrik Meier und Initiatoren aus Mainz und Wiesbaden gesprochen.

Deutschlands erster Nachtbürgermeister kommt – Überraschung – aus Mannheim. Dort wo der Necker in den Rhein fließt und die Party-Szene im Jungbusch ihr Zuhause hat, ist der 28-jährige Hendrik Meier Nachtbürgermeister (zeitgemäß Night Mayor). Der gebürtige Nürnberger wurde im Juli 2018 von einer achtköpfigen Jury, bestehend aus Vertretern der Gastronomie und Stadtverwaltung, gewählt. Er setzte sich gegen 40 Bewerber durch und gestaltet seitdem das Nachtleben aktiv mit. Vor zwei Jahren kam Meier zum Studieren nach Mannheim und ist nun bei der Stadt angestellt. Meier erhält für eine 70 Prozent Stelle knappe 17.000 Euro jährlich. 20 Prozent seiner Arbeitszeit ist er Mitarbeiter der kulturellen Stadtentwicklung, die restliche Zeit Nachtbürgermeister. Der STUZ verrät er: „Ich bin kein klassischer Nachtwächter und sorge für Ruhe und Ordnung auf den Straßen. Vielmehr bin ich ein Mediator bei Konflikten, die das Nachtleben betreffen.“

Nach einem guten Jahr im Dienst, kann sich seine Arbeit sehen lassen: Mit der Jungbuschvereinbarung wurde ein Regelwerk geschaffen, das für ein besseres Zusammenleben im Stadtteil sorgen soll. Gastronomen, Hauseigentümer, Kreative und Bewohner sowie eine Immobilienfirma und Vertreter aus der Politik sind im Projekt involviert. Sie finden die Möglichkeit zum Austausch und Diskurs. „Der größte Erfolg der letzten Monate ist sicherlich, dass wir uns etabliert haben. Unsere Arbeit wird gut angenommen. Wir sind mit vielen Anwohnern, Betreibern und den Sicherheitsbehörden ins Gespräch gekommen und haben uns ausgetauscht“, so Meier. Regelmäßig finden Betreibertreffen oder Treffen mit Vertretern von Polizei und Ordnungsamt statt. „Ich helfe außerdem bei Behördengängen oder Schlichte, wenn es zu Konflikten kommt.“ Auch die Sicherheit ist ein bestimmendes Thema. Zum Schutz vor sexueller Belästigung in Clubs und Bars, wurde der Code-Satz: „Ist Louisa da?“ etabliert. Betroffene können diesen Satz zum Barkeeper sagen, der dann schnell und diskret handeln kann. Zur Vermeidung von Glasmüll wurden Pfandkisten an zwei Stellen in der Stadt installiert. Leere Bierflaschen finden dort ihren Platz und landen nicht als Scherbenhaufen auf der Straße oder dem Gehweg. Schöner Nebeneffekt: Pfandsammler müssen nicht mehr entwürdigend im Müll wühlen.

In vielen Städten vorstellbar – Schwerpunkte verschieden

2003 startete Amsterdam das Projekt Nachtbürgermeister. Mit Mirik Milan wurde 2012 bereits der fünfte Amtsträger gewählt. Seitdem verbreitet sich die Idee rasch über den ganzen Globus.
Metropolen wie New York, London oder Paris sprangen auf den Zug auf und verbessern das Leben in der Nacht. Dabei sind die Schwerpunkte der Tätigkeit durchaus verschieden. Mediator, Impulsgeber oder Sprachrohr – verschiedene Städte, verschiedene Aufgaben. Milan setzte sich beispielsweise für längere Öffnungszeiten der Bars und Clubs ein. 2014 wurde daraufhin die Sperrstunde abgeschafft. Aufgrund positiver Resonanz aus Städten, die über einen Night Mayor verfügen, interessieren sich immer mehr deutsche Kommunen dafür. In rund 40 Städten beschäftigt man sich aktuell mit der Thematik – so auch Wiesbaden.

Der kritische Leser wird sich fragen: „Wiesbaden und Nachtleben? Wozu wird da ein Nachtbürgermeister gebraucht?“ Genau an diesem Punkt setzen die Initiatoren vom Jugendparlament an. „Ein Wiesbadener Nachtbürgermeister soll in erster Linie dazu beitragen, dem Sterben des Nachtlebens entgegenzuwirken“, sagt Silas Gottwald, Vorsitzender des Jugendparlaments. Der 20-jährige setzt sich seit längerem für eine solche Stelle in seiner Stadt ein. Dem bereits formulierten Antrag, haben Gottwald zufolge, alle Parteien grünes Licht gegeben. „Aktuell wird in den verschiedenen Dezernaten am Konzept herumgebastelt und spätestens im September steht die finale Abstimmung im Stadtparlament an.“ Er rechne fest mit einer Mehrheit. Als Vertreter der Wiesbadener Jugend ist ihm auch die nächtliche Sicherheit wichtig. Eine Umfrage hätte gezeigt, dass sich viele Frauen nachts unsicher fühlen. „Hier braucht es einen Nachtbürgermeister, der die Hotspots ausfindig macht und mit den Behörden Konzepte für ein besseres Sicherheitsgefühl entwickelt.“

Mainzer Zurückhaltung

Mainz hat dagegen ein aktives Nachtleben mit Clubs, Bars, Biergärten und vielen Festen. Junge Menschen nutzen die zahlreichen Angebote und beleben dadurch die kulturelle Szene der Landeshauptstadt. Konflikte bleiben da nicht aus. Lärmbelästigung und Verschmutzung vor allem in der Innenstadt wird seitens der Anwohner beklagt. Gastronomen ärgern sich über die Vergnügungssteuer oder eine zeitlich begrenzte Außenbestuhlung. Was fehlt ist eine Instanz, die solche Konflikte lösen kann. Konkrete Pläne seitens der regierenden Parteien im Mainzer Stadtrat gibt es aktuell nicht. Die Mainzer Pressestelle teilt jedoch mit, ein Nachtbürgermeister sei durchaus vorstellbar.

Einige Schritte weiter sind Martin Malcharek und die Linken. Mit dem Slogan „Recht auf Stadt“ führte die Partei Wahlkampf. Jetzt möchte man eine Schnittstelle zwischen Bürgern und Verwaltung – in Form eines Nachtbürgermeisters. „Er soll Stadtrat und Stadtverwaltung beraten und darauf hinwirken, dass Konzepte für die Gestaltung des Nachtlebens gefunden und umgesetzt werden“, teilt Malcharek mit. „Er soll darüber hinaus nicht nur Vermittler bei Lärmfragen sein, sondern allgemein das Nachtleben der Stadt konzipieren und beeinflussen können.
Auch Kamil Ivecen von den Grünen beschäftigt sich seit längerem mit der Thematik. Der Stadtratsabgeordnete und langjährige Gastronom sieht im Amt des Nachtbürgermeisters die Möglichkeit, eine bessere Kommunikation zwischen Anwohner, Sicherheitsbehörden, der Stadt und den Betreibern von Clubs, Bars oder Restaurants zu ermöglichen. „Wir haben in Mainz eine aktive und wachsende Nachtkultur. Auch die vielen Feste und das Marktfrühstück locken zahlreiche Touristen an. Hier kann ein Nachtbürgermeister als Mediator bei Problemen zwischen den jeweiligen Parteien vermitteln.“ Er möchte mit seiner Partei und den anderen Fraktionen im Stadtrat ein Konzept ausarbeiten und in der neuen Legislaturperiode ein solches Amt schaffen. Für Mainz sei es weniger wichtig, das Nachtleben aufzufrischen. Vielmehr müsse eine Plattform für Dialoge zwischen den Betroffenen etabliert werden. Auch das kulturelle Angebot könne dank eines Nachtbürgermeisters gestärkt werden.

Neutralität und Empathie wichtig

Der Wiesbadener Silas Gottwald erklärt, man brauche eine Person, die sich in neutraler Art und Weise für die Nachtszene einsetzt. „Dabei ist egal, ob die Person 20 oder 70 ist.“ Für Ivecen steht die Neutralität ebenfalls außer Frage: „Ein Nachtbürgermeister darf nicht einer bestimmten Partei angehören und soll nicht als Vertreter der Gastronomen verstanden werden.“ Von Vorteil seien Erfahrungen im kulturellen oder gastronomischen Bereich. Hendrik Meier betont: „Ein Nachtbürgermeister ist nicht nur ein Sprachrohr. Er ermöglicht einer zukunftsorientierten Stadt eine nachhaltige Struktur in Bezug auf Nachtkultur. Wichtig ist, dass er immer neutral bleibt und empathisch ist.“

Dank der nachweisbaren Erfolge von Hendrik Meier in Mannheim, zeigt sich das Potenzial eines Nachtbürgermeisters. Wichtig ist solch eine Stelle nicht nur für Mannheim oder die großen Metropolen dieser Welt. Auch in Mainz und Wiesbaden wird sich ein das Amt positiv auf die Nachtkultur und das drumherum auswirken: Anwohner und Gastronomen haben einen Ansprechpartner bei Problemen, die Verantwortlichen der Stadt werden mit neuen Ideen gefüttert und die Ordnungsbehörden werden entlastet. Ein harmonischeres Umfeld für alle Beteiligten kann so geschaffen werden.

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