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„Kritischer Humor ist Humor mit Haltung“

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Stephan Denzer über seine Pläne für das unterhaus, Kabarett und Kleinkunst in digitalen Zeiten und wie er neue Generationen für die Mainzer Institution gewinnen will. Interview: Michel Süss und Maurice Göbel

Herr Denzer. Stimmt es, dass man Sie beim ZDF Onkel Lustig nannte?
S. Denzer: Ja, das stimmt. Intern nannte sich das Team Kabarett und Comedy immer das „Team Lustig“. Als Chef war ich dann Onkel Lustig. In solchen Hierarchien ist es finde ich wichtig, dass wenn man schon Kabarett und Comedy macht, man auch irgendwas anders macht.

Wie wird man Spezialist für Humor?
Da hab ich viele Jahre mit zugebracht. Neben der Erfahrung mit eigenem Bühnenprogramm hab ich mich durchgearbeitet durch Sekundärliteratur. Auch ein Lach-Diplom der Köln-Comedy-School inklusive Zuspruch von Rudi Carell waren Teile dieses Weges. Letztlich scheitert man als Verantwortlicher auch mal. Ich liebte zum Beispiel das Format „Durchgedreht, der Improvisierte ZDF-Wochenrückblick,“ aber das hat sich nicht durgesetzt. Aber viele dieser Projekte, die kühn und mutig waren und es nicht geschafft haben, zu bestehen, sind bis heute noch meine Favoriten

Sie galten als Hoffnungsträger des ÖR, als Mann mit Händchen. Warum nun der Aufbruch zu neuen Ufern?
Zum einen wollte ich zurück in die kreative Arbeit. Ich habe im ZDF erreicht was ging. Aber immer die gleichen zehn Sätze zu sagen und immer gleiche Dinge zu tun ist nicht genug. Ich hab den Berg erklommen und habe auf dem Gipfel die Aussicht genossen. Jetzt gilt es eben einen neuen Berg zu erklimmen.

Dann kommen Sie ja aber von den scheinbar unbegrenzten Ressourcen auf dem Lerchenberg in eine Institution, in der Haushalten eine große Rolle spielt, aber vielleicht die Innovationskraft größer ist als beim ZDF. War und ist das für sie der richtige Tausch?
Sagen wir es so: Es stimmt genauso wie Sie es beschrieben haben. Ich habe hier tatsächlich wenig Mittel, aber ich glaube immer noch, dass es Idealisten unter den jungen Leuten gibt, die einfach Lust haben, sich auszutoben und Spaß haben wollen, hier auch etwas mitzunehmen. Und wenn mich die jungen Leute nicht enttäuschen, dann glaube ich wird es möglich sein, hier ein kleine Gruppe Kreativer zusammenzuschweißen.

Das unterhaus ist ja eine Urstätte des deutschen, kritischen Humors. Braucht dieser Humor ein Update?
Kritischer Humor ist Humor mit Haltung. Unterschiedliche Generationen lachen über andere Dinge. Heute schauen sich junge Leute quer durch die Welt Formate an. Gerade die Formate aus dem angloamerikanischen Sprachraum wie „College Humor“ sind prägend. Schaut man sich Hazel Brugger an, sieht man was heute möglich ist. Gegenwartshumor aber mit Haltung. Einen reinen deutschen Humor-Markt gibt es nicht mehr. Und diesen Wechsel gerade in den Sehgewohnheiten junger Menschen gilt es, ins Haus zu bringen.

Netflix und Co machen mächtig Druck im Bereich Humor und sind damit sehr erfolgreich. Hat Kultur, im Sinne des Kabaretts, im Offline überhaupt noch Chancen?
Ja, wenn man nicht nur Kabarett macht, absolut. Nico Semsrott konnte mittels PowerPoint als scheinbarer Klemmi und Doofi überzeugen. Aber er ist intelligent, haltungsstark und urkomisch. Er funktioniert online und offline.

Die Heute-Show gibt es ja im linearen Fernsehen, in der Mediathek, aber eben auch auf zum Beispiel Instagram. Wie werden Sie das unterhaus cross-medial ausrichten?
Ich will natürlich erst einmal die Interessen des unterhaus in den Mittelpunkt stellen und wir werden uns auf ein bis zwei Posts die Woche auf Instagram beschränken. Mehr können wir auch personell gar nicht. Aber gerade für die PR ist es eben schon sinnvoll, einen Künstler nach einem 20-Sekunden-Clip zu fragen, den man dann online teilen kann. Das wäre dann eben genau die Mischung aus Humor und Content, die ich abgreifen würde.

Was soll sich denn nun im Wesentlichen ändern im unterhaus?
Die hier bisher eher stiefmütterlich behandelte Facebook-Seite wird sicherlich noch bis Ende des Jahres dauern, um unseren neuen Anforderungen zu entsprechen. Ich kann das auch nicht alleine machen. Aber die Sozialen Medien werden sich ändern, darüber hinaus werden wir im Programm einige Veränderungen sehen. Gerade wenn sich die junge Community gefunden hat und bereit ist, könnte man zum Beispiel eine Sketchreihe über das Studentenleben machen.

Wie wollen Sie Studis aus der Region abholen, also motivieren ins unterhaus zu kommen?
Klar, die wollen wir als zukünftige Besucher. Wir suchen Themen die sie interessieren und ihnen zeigen, dass das ihre Shows sind, die aus ihrer Mitte kommen. Wir wollen Communitys schaffen und darüber einen Schneeballeffekt erzeugen. Am gegenwärtigen Format Poesie und Wahnsinn müssen wir einiges ändern, da es die Leute nicht erreicht. Poetry- oder Science-Slams im Allgemeinen finde ich aber hochspannend.

Könnten Sie sich vorstellen eine Veranstaltung „unterhaus goes Uni“ zu initiieren?
Das werden wir sicher, nur über Formate und Ideen sag ich jetzt noch nichts. Aber wir sehen einen riesen Pool an Talenten, die wir versuchen werden anzufixen.

Sie leiten das unterhaus sowohl künstlerisch als auch kaufmännisch. Ist hier eine Aufgabenteilung nicht sinniger?
Ja, aber da fehlt vorerst das Geld. Derzeit ist es nicht möglich, zwei Stellen zu besetzen.

Wir stecken ja seit Jahren in der Satire-Krise. PC, Mohamed-Karikaturen, Schmähgedichte. Wie weit darf Ihrer Meinung nach Satire gehen?

Satire muss polarisieren, darf aber nicht alles tun. Sie muss anecken und Leute aufregen, aber eben nicht um jeden Preis. Hinter aller Satire und Härte müssen eine tiefere Aussage und ein höherer Wert stecken. Im Zweifel aber für die Satire und für die Freiheit der Satire, wenn da eben etwas als wichtiger Wert dahinter steckt.

Wenn der Islam zu Deutschland gehört, darf man dann auch entsprechend religiöse Gefühle verletzen?
Auch Religionen müssen sich von Satire kritisieren lassen. Nicht jede Kritik und Satire an der Religion darf mit dem Argument, dass Gefühle verletzt werden könnten, abgewiesen werden. Der Missbrauch in der katholischen Kirche, da darf man nicht schweigen. Gerade im Zusammenhang mit der Aufklärung und dem Umgang mit dem Missbrauch muss man die katholische Kirche eben auch kritisieren. Besonders, weil sie sich ja selbst so mit Werten und Moral in Zusammenhang bringen. Ich habe einen Respekt vor Menschen, die einen religiösen Schutzraum verlangen, aber ich habe keinen Respekt vor Leuten, die Religion für was auch immer missbrauchen.

Muss Kabarett „links“ sein? Oder leidet das Kabarett heute darunter, dass politisch links und rechts keine griffigen Begriffe mehr sind.
Nein, Kabarett muss nicht unbedingt links sein. Die Herausforderung an die Satire ist: „Wo liegt die Wahrheit?“ Also eher die Frage nach einem Gesamtweltbild, ein breites Denken, und daher integrale Meinungsbildung und keine ideologische. Ich suche grundsätzlich nach Qualität und nicht nach Ideologie.

Die Fastnacht leidet extrem unter Nachwuchsschwund, versucht sich mit Hip-Hop und ähnlichen Stilmitteln. Kann man hier an einem Strang ziehen?
Alle sind willkommen, selbstverständlich auch Fastnachter. Große Künstler wie Tobias Mann oder Lars Reichow oder früher Herbert Bonewitz sind da hervorgegangen. Mir geht es dann ums Humorhandwerk.

Brauchen wir eine lokale Nachwuchsschule im Bereich Humor?
Ich bin neulich über die Mannheim-Comedy-School gestolpert. 2001 war ich Absolvent der Köln Comedy-School. Es gibt also Schulen und es lässt sich da sicher etwas lernen. Wichtig finde ich heute den Blick in die USA oder nach Großbritannien um zu erkennen, wie professionell gearbeitet werden kann. Kennt man diese Vorbilder, dann kann auch der lokale Nachwuchs erahnen, was er lernen sollte.

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