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Der letzte Kaffeehaus-Literat

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Eine Magisterarbeit, eine Doktorarbeit, sechs bis sieben Romane und ein Opernlibretto – alles entstanden an einem kleinen Tisch in der Mainzer Neustadt-Kneipe Nirgendwo inmitten hektischen Feierabendtreibens.

Leif Murawski hat die Veränderung in seiner Stammkneipe wohlwollend aufgenommen: Die hohen Wände sind nun dunkelgrün, gezapft wird mit dem Rücken zur Kundschaft und der Eingang zum Klo liegt plötzlich auf der anderen Seite – doch wenn man von solchen Kleinigkeiten absieht, hat das neue Nirgendwo trotz des Besitzerwechsels immer noch seinen alten Charme. Dazu trägt auch ein echter Stammgast wie er bei, der wie eh und je direkt links neben dem Eingang und mit Kopfhö-rern von der Außenwelt abgeschirmt unermüdlich an neuen Texten arbeitet, stilecht in Handschrift und mit der Unterstützung des ein oder anderen DAB-Bieres. Murawski ist ein waschechter Kaffee-haus-Literat, wie man ihn kaum noch findet. Und genau wie für viele andere in seiner Zunft ist es gerade das bunte Treiben um ihn herum, dass ihn zu Höchstleistungen animiert: „Ein Teil dieser lebendigen Atmosphäre zu sein und gleichzeitig mithilfe der Musik auf meinen Ohren mitten in diesem Moment in das Schreiben abtauchen zu können, hat eine starke inspirierende wie motivie-rende Wirkung auf mich.“

Eigene Deko an der Wand

Seit 16 Jahren kommt Leif Murawski ins Nirgendwo, um an seinem literarischen Werk zu feilen. Daraus ist über die Jahre eine enge Bindung entstanden. Auch die neuen Bedienungen haben den alten Stammgast sofort in ihr Herz geschlossen und werfen meist noch ein Auge mehr auf ihren hauseigenen Schriftsteller. „Leider sind nicht alle Stammgäste mehr so häufig anzutreffen wie früher, aber ich werde hier sehr lieb behandelt. Mittlerweile ist es nur manchmal so voll, dass ich an den Tresen ausweichen muss.“ Dabei hat Murawski seinem Platz erst kürzlich eine persönliche Note hinzugefügt: „Ein von der Mutter des zweiten Ehemanns meiner Großmutter angefertigtes Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, das eine typische Kneipenszenerie zeigt, in der eine junge Dame verlegen auf die Avancen zweier Gäste reagiert. Die Malerin Luzie Herber war nicht nur eine sehr interessante Dame, die sich mit dem Selbstverständnis der Frau in ihrer Zeit beschäftigte, das Bild passt auch sehr schön in das neue Ambiente im Nirgendwo.“

Der gebürtige Mainzer, der bereits mit neun Jahren seine erste Stadtführung organisierte, hat an der JGU Slavistik, Germanistik und Komparatistik studiert und nebst seinen Romanen bereits verschie-dene wissenschaftliche Texte veröffentlicht. Sein Wissensschatz umfasst zahlreiche Spezialisierun-gen in Sprache, Musik und Kultur, die er dank seines persönlichen Interesses und gründlicher Re-cherchen immer wieder in seine Werke mit einfließen lässt. So auch in seinem aktuellen Roman „Das Erbe“, in dem sich der Bezirksarchäologe Emmeran Habicht mit einem plötzlich verschwundenem Grabungsfund auseinandersetzen muss. Die Quellenangabe in dem Buch gestaltet sich beinahe so umfangreich wie die einer Bachelor-Arbeit. Murawski geht es nicht nur um kurzfristige Unterhaltung, sondern um echten Erkenntnisgewinn, den einem die Lektüre zweifelsohne bietet und dem lesenswerten Werk trotz des klassischen Themas Stadtgeschichte ein Alleinstellungsmerkmal verleiht.

Zurzeit geht es um Puppen

Der kreative Wissensdurst endet aber keineswegs in den Fundgruben der Altstadt, Murawskis Re-pertoire ist vielfältig: Mit „Die Architektur der Torte“, einem der ersten geschlechtsneutralen Lie-besromane der Weltliteratur, wartet noch ein besonderer Happen auf seine Veröffentlichung, in dem neben einer außergewöhnlichen Romanze eine „detaillierte Rezeptionsästhetik der Sahnetorte und viel bittere Philosophie“ geboten werden. Und in Zukunft? „Momentan schreibe ich an zwei ver-schiedene Essays über Puppen, aber mehr will ich dazu noch nicht verraten.“ Der kleine Tisch im Nirgendwo dürfte also auch weiterhin Geburtsstätte verschiedenster literarischer Ergüsse von einem der Charakterköpfe im Viertel bleiben, ob nun mit oder ohne Kopfhörer.

 

 

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