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Kultur

Mut zur Wut

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Wut ist die wohl unbeliebteste aller Emotionen – gerade bei Frauen. Das ist wirklich ärgerlich. Ein Plädoyer für einen offeneren Umgang mit einem produktiven Gefühl.

Serena Williams‘ Beschimpfungen im US-Open Finale, Andrea Nahles‘ Geschrei auf Parteitagen, Greta Thunbergs finsterer Blick beim UN-Klimagipfel – wenn diese Frauen eines gemeinsam haben, dann dieses: sie zeigen ihren Ärger offen und ungehemmt. Das erfordert Mut und kommt nicht bei allen gut an. Denn Wut ist sozial nicht akzeptiert. Prinzipiell ist dieses Tabu durchaus sinnvoll, kann sie doch zu verbaler oder physischer Aggression führen und somit eine Gefahr für das soziale Miteinander darstellen. Doch ist Wut wirklich so schlecht wie ihr Ruf?
Psychologen betrachten sie neutral als eine Form der Erregung, die dazu dient, Hindernisse zu überwinden. „Wut entsteht, wenn jemand über meine Grenzen geht oder nicht zulässt, dass ich meine eigenen Grenzen erweitere“, erklärt Verena Kast, eine Schweizer Tiefenpsychologin, in ihrem Buch „Vom Sinn des Ärgers“. Wut ist eine Reaktion auf eine subjektiv empfundene Ungerechtigkeit, Frustration oder Hilflosigkeit. Sie zeigt uns, dass ein wichtiges Bedürfnis nicht erfüllt wurde. „Sie lässt sich gut nutzen, um zu erkennen, was falsch läuft. Man spürt Energien, um etwas zu verändern.“

Vom Umgang mit Wut

Doch vielen Menschen fällt es schwer, dieses Gefühl zu erkennen, geschweige denn es zu zeigen und in etwas Fruchtbares umzuwandeln. Sie versuchen stattdessen, es zu verdrängen, was meistens misslingt. Denn dadurch wird sie aufrechterhalten und verstärkt. Das hat auch körperliche Folgen. Studien belegen, dass unterdrückte Wut zu erheblichen gesundheitlichen Beschwerden führen kann, darunter ein hoher Cholesterinspiegel und Blutdruck. Auch das Herzinfarktrisiko wird erhöht. Sogar Angststörungen, Depressionen und Bruxismus, also nächtliches Zähneknirschen, werden damit in Verbindung gebracht. Und wer doch mal laut und unangepasst wird, schämt sich hinterher häufig für seinen Kontrollverlust. Die Scham bezieht sich jedoch weniger auf den Wutausbruch selbst. Sie ist vielmehr in der gesellschaftlichen Inakzeptanz des mit Wut einhergehenden Kontrollverlusts begründet. Wer wütend ist, macht sich unbeliebt.
Insbesondere Frauen tun sich häufig schwer damit. Und das obwohl sie genügend Gründe hätten, wütend zu sein. „In unserer Gesellschaft werden Frauen eher akzeptiert, wenn sie etwas ängstlich, schüchtern, traurig oder zurückhaltend sind. Wenn Männer dagegen ärgerlich sind und anfangen, sich zu raufen, sind sie richtige Kerle“, konstatiert die Psychologin Almut Schmale-Riedel, die ein Buch über weibliche Wut geschrieben hat. Tatsächlich belegen Studien, dass wütende, dominant wirkende Frauen als unsympathischer wahrgenommen werden. Ärger wird bei ihnen eher auf ihre Persönlichkeit zurückgeführt, bei Männern werden äußere Umstände verantwortlich gemacht. Um sich den sozialen Erwartungen anzupassen, entwickeln einige Frauen im Laufe der Zeit Ersatzgefühle. Statt Wut empfinden sie Traurigkeit oder Enttäuschung. Das Problem dabei: dadurch geht die produktive Kraft des Ärgers verloren.

Der Wille zur Wut

In sogenannten Wut-Seminaren können Frauen deshalb lernen, ihre Wut zu spüren und offen auszuleben. Es wird wild herumgeschrien und auf Kissen eingeprügelt. Für manche ist das ein befreiendes Erlebnis. Ob sich die Wut dadurch in einem kathartischen Sinne verringern lässt, ist fraglich. Glaubt man Psychologen, ist es sinnvoller, das Gefühl und dessen Auslöser rechtzeitig zu erkennen, es zuzulassen und zu benennen. Wenn die Quelle des Ärgers gerade nicht verfügbar ist, können etwa Sport, Entspannung oder kreative Tätigkeiten das Gefühl kanalisieren. Auch Empathie für das Gegenüber kann helfen. Wenn man versteht, dass jemand vielleicht gute Gründe für sein Verhalten hatte, ist man weniger wütend.
Das ist ja alles schön und gut. Angesichts der zahlreichen Ungerechtigkeiten, mit denen sich Frauen nach wie vor konfrontiert sehen, würde es ihnen aber sicher nicht schaden, entgegen aller Harmonie- und Gefallsucht einfach mal auszurasten und sich so richtig unbeliebt zu machen. Wut ist ein wichtiges und hilfreiches Gefühl, das uns mit unseren Bedürfnissen und Grenzen verbindet. Und manchmal ist es nötig, um sich Gehör zu verschaffen und seinen Willen durchzusetzen. Um mit Elfriede Jelinek zu sprechen: „Indem die Frau nicht mehr gefällt, tut sie den ersten Schritt zu ihrer Freiwerdung.“

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