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Gesellschaft

Von einer Schnapsidee zum Rettungsschiff

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Drei Brüder – ein Schiffmechaniker, ein Filmemacher und ein Sozialarbeiter- kommen auf eine Schnapsidee: Vor einem Jahr kaufen Gerson (36), Raphael (33) und Benjamin Reschke (31) ein altes Bundeswehrschiff und gründen die Sea Punks. Gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation (NRO) Mission Lifeline bauen sie den alten Kahn nun zu einem Rettungsschiff um. STUZ hat mit Zweidritteln der Sea Punks, Benjamin und Gerson, über eine verwirklichte Schnapsidee, Punk und Politik gesprochen.

Interview: Jonas Julino

STUZ: Bad Kreuznach ist weit weg vom Meer. Liegt Euch die Schifffahrt trotzdem im Blut?
Gerson: Benny und mir eigentlich gar nicht. Raphael ist Schiffsmechaniker, der hat das schon eher im Blut. Ich bin Filmemacher, Benny Sozialarbeiter – also eigentlich ganz weit weg von der Schifffahrt.

Benjamin: Das stimmt. Ich war tatsächlich schon öfter auf dem Meer unterwegs und finde das dementsprechend richtig scheiße (lacht). Ich habe da überhaupt gar keinen Spaß dran.

Und trotzdem habt ihr euch dazu entschlossen ein Schiff zu kaufen, es umzubauen und damit Menschen zu retten. Wie kam es dazu?
B: Die Idee kam super spontan. Vor circa einem Jahr haben wir mit unserem Vater einen Kurztrip mit dem Wohnmobil gemacht. Abends, nach ein paar Bier hat Raphael erzählt, dass er ein Schiff gefunden hat. Er war mit seinem damaligen Job unzufrieden und wollte etwas Neues machen. Er meinte, das Schiff sieht aus wie ein Seenotrettungstanker, nur etwas kleiner und älter. Dann haben wir über Seenotrettung gesprochen, dass das ja wichtig ist. Wir sind alle drei politisch aktiv und setzen uns für diese Sache auch regelmäßig ein. Wir kamen dann auf die Schnapsidee, den alten Kahn zum Seenotrettungsschiff umzubauen. Am nächsten Tag war die Idee immer noch da und hörte sich auch noch immer gut an. Wir wollten die Idee nicht einfach liegen lassen. Wenn das jeder macht, passiert ja nichts.

Mit der Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline habt ihr dann ein ausgedientes Torpedofangboot der Bundeswehr gekauft.
G: Genau. Raphael hat dann verschiedene Seennotrettungsorganisationen angeschrieben. Mission Lifeline hat sich nach 10 Minuten zurückgemeldet. Die haben ohnehin gerade ein Schiff gesucht – es hat einfach alles gepasst.

B: Und zwei Monate später haben wir zusammengesessen und Kaufverträge unterschrieben. Im Oktober haben wir mit Mission Lifeline geschrieben, im Dezember war dann schon die Überführungsfahrt.

Wann wurde euch zum allerersten Mal bewusst, was ihr da eigentlich gerade macht?
B: Mir wurde das zum ersten Mal so richtig im Februar bewusst, als wir im Trockendock in Hamburg waren. Ich stand vor diesem Schiff, das da im trockenen steht und denke so: „Okay, jetzt haben wir hier etwas angefangen, was wirklich mit Arbeit und viel Aufwand zu tun hat.“

G: Ja, da hat man dann gemerkt, wie groß das Ding eigentlich ist. Wenn da zwischenzeitlich 25 Leute am Schiff rumbasteln, ist das schon irgendwie verrückt. Dann kamen auch die ersten Probleme auf. Wir hatten schlechtes Wetter, enormen Zeitdruck und konnten unsere Arbeiten nicht erledigen. Auch das Schiff ist vollgelaufen. Spätestens da wussten wir, dass es nicht so einfach wird, wie man sich das vielleicht anfangs vorgestellt hatte. Aber wir haben ein tolles Team aus vielen Freiwilligen, die unseren Traum vor Ort realisieren.

Das Schiff heißt „Rise Above“. Was hat es mit dem Namen auf sich?
G: So lautet der Titel eines Songs der Punkband Black Flag. Darin geht es um die Unterdrückung von Schwächeren und darum, sich darüber hinwegzusetzen. Es sind nämlich die Schwächeren, die unter Unterdrückung, gesellschaftlich wie kapitalistisch, leiden und deshalb fliehen müssen. Es geht um die, die keine andere Wahl haben, weil das System so ist, wie es ist.

B: „Rise Above“ bedeutet so viel wie „darüberstehen“. Deshalb haben wir uns auch für diesen Namen entschieden. Wir wollen darüberstehen, über geregelte Normen oder Ideen, gegen die wir uns mit unserer Aktion wehren.

Ihr verknüpft Musik mit Seenotrettung und politischen Aktivismus. Benjamin spielt in einer Punkband, ihr nennt euch Sea Punks. Welchen Einfluss hat Punk auf euch und eure Arbeit?
G: Punk ist für mich eine Lebenseinstellung, auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Es schwingt immer mit, wie man Dinge angeht. Punk bedeutet auch ein Stück weit etwas selbst zu machen. Ohne andere Organisationen zu kritisieren, aber der Unterschied zwischen anderen und uns ist der, dass manche eben viel Geld mit Hilfe beispielsweise der Kirche sammeln. Wir machen es lieber selbst, haben deshalb zwar auch weniger Geld, aber sind unabhängig.

B: Gerade Punk verkörpert dieses Lautwerden, seine Meinung laut zu äußern. Man darf auch mal wütend sein auf die Gegebenheiten. Für uns hatte das ganze Projekt schon von vornherein einen musikalischen Aspekt. Wir hatten schon immer Lust Soli-Veranstaltungen zu organisieren und Leute damit abzuholen. Wir können auch so unser Publikum wählen, weil wir eben kein Bock auf eine halbe Million von der Kirche hatten. Wir wollen zeigen: Hey, du kannst etwas machen – mit oder ohne Kohle.

Wie kommt eure Arbeit in eurer Heimat Bad Kreuznach an? Die Stadt ist nicht gerade als Seefahrerhochburg bekannt.
B: Das ist sie sicherlich nicht. Die Resonanzen sind gemischt. Großartig Negatives wird an uns persönlich jetzt nicht herangetragen. Wir bekommen aber viel Zuspruch. In Bad Kreuznach engagieren sich viele Menschen nun stärker. Seit Kurzem gibt es auch eine Seebrücke-Ortsgruppe.

G: Wobei unser Vater bekommt manchmal doch Negatives ab. Der hat in Bad Kreuznach eine Autowerkstatt. Da kommen dann halt Leute zu ihm in den Laden und sagen: „Was machen deine Jungs eigentlich für eine Scheiße.“

B: Da ist er aber mittlerweile rigoros und sagt dann „Wenn du es scheiße findest, da ist die Tür.“ Ich glaube er hat sich schon ein paar Kunden vergrault seitdem. Aber er unterstützt uns da voll und ganz und steht hinter uns.

Während ihr noch am Umbauen der Rise Above seid, sterben weiter Menschen im Mittelmeer. Gleichzeitig wird die zivile Seenotrettung behindert. Was löst das in euch aus?
B: Das löst alles in einem aus. Wut, aber auch Motivation und Mut. Da bleibt halt die Punkattitüde, sich dagegen zu stellen und zu sagen „Jetzt erst recht.“ Je mehr Leute dich scheiße finden, umso mehr hat man selbst Bock. Wie es bei Feine Sahne Fischfilet heißt: „Wenn wir sehen, dass ihr kotzt, geht es uns gut.“ Aber andererseits löst das auch Verzweiflung aus. Gerade das Thema Moria geht uns sehr nahe. Da sitzt du daheim, das Lager fackelt ab und du weißt einfach nicht mehr, was du dazu sagen sollst. Da fällt dir nichts mehr ein.

Verkehrsminister Andreas Scheuer legte Seennotrettungsorganisationen mit der Schiffsicherheitsverordnung weiter Steine in den Weg. Viele Schiffe können zurzeit nicht auslaufen. Wie seid ihr mit den neuen Auflagen umgegangen?
G: Diese ganze Verordnung hat bei uns erstmal einen richtigen Schlag getan – moralisch wie auch finanziell. Das Budget musste von jetzt auf gleich verdoppelt werden. Wir konnten viele Teile nicht mehr selbst einbauen und diverse Arbeiten mussten an externe, zertifizierte Firmen abgegeben werden. Außerdem brauchen wir Unmengen an Gutachten. Die Verordnung hat uns finanziell so zwischen drei und fünf Monate Einsatzzeit gekostet.

B: Die Verordnung ist einfach absurd. Vorher sind alle Schiffe als Freizeitschiffe unterwegs gewesen, weil wir aus privater Initiative gehandelt haben. Dabei war es egal, ob es ein altes Bundeswehrschiff oder Segelschiff war. Auch da waren gewisse Sicherheitsbestimmungen vorgeschrieben. Jetzt kommt jemand daher und meint, die Sache sei gar nicht so privat. Wir müssen nun die Bestimmungen eines Kreuzfahrtschiffes oder Öltankers erfüllen. Wie eben jemand, der damit Geld verdient. Nur verdienen wir damit kein Geld.

Am vergangenen Freitag hat das Verwaltungsgericht Hamburg Scheuers Reform als europarechtswidrig erklärt. Waren die Umbauten nun alle überflüssig?
Nein, das sicher nicht. Viele Umbauten sind noch im Gange, die müssen noch abgeschlossen werden. Wir wollen die auch noch umsetzen, damit wir auf der sicheren Seite sind. Zwar dürften wir sofort rausfahren, aber die Gefahr in anderen Ländern festgesetzt zu werden besteht immer noch. Deshalb brauchen wir das Schiffssicherheitszeugnis. Außerdem müssen wir aufpassen. Zwar hat Mare Liberum in erster Instanz einen Erfolg für uns erzielt, in Stein gemeißelt ist aber noch nichts.

Der Blick auf die Lager auf den griechischen Inseln oder auf der Balkanroute offenbart die europäische Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre. Habt ihr noch Vertrauen in die EU und die Politik, die in Brüssel gemacht wird?
G: Die Europäische Union an sich ist die einzig gute Lösung. Auch beim politischen Personal gibt es tolle Leute. Da sitzen Leute wie ein Erik Marquardt in Brüssel, die wichtige Arbeit leisten. Das große Problem ist nicht die EU, sondern der Kapitalismus. Ich würde gerne in einem Europa leben, das nicht seinen ganzen Wohlstand auf der Ausbeutung des globalen Südens aufbaut. Wir müssen diesen Leuten ihren Anteil abgeben, den sie durch ihre Arbeit auch verdient haben, der ihnen zusteht. Dann kann es den Leuten vor Ort gut gehen. Mich kotzt es immer an, wenn von Hilfe vor Ort gesprochen wird und damit dann Entwicklungshilfe gemeint ist. Das ist völliger Unsinn. Entwicklungshilfe ist Teil eines immer noch praktizierten kolonialistischen Systems. Wir brauchen fairen Handel, faire Bedingungen für alle Teile der Welt. Dann würde die Flucht von vielen Menschen schon verhindert werden.

Was muss sich demnach politisch und gesellschaftlich ändern?
B: Vor allem in unserer Politik muss sich ein Umdenken einstellen. Die einfache Lösung „Wir gegen die“ funktioniert einfach nicht. Die Abschottung von Europa zum Rest der Welt verursacht viele Probleme und Fluchtursachen. Europa bereichert sich lieber, als mit anderen Staaten und Kontinenten fair umzugehen. Solange wir Waren und Rohstoffe nur einkaufen, damit wir reich werden, wird sich an der ganzen Situation auch nichts ändern.

G: Das kann sich nur ändern, wenn der Kapitalismus entweder ganz verschwindet – was nicht passieren wird – oder der Kapitalismus eben sozial wird. Das ist theoretisch sicherlich machbar, in der Realität aber nicht gewollt.

B: Dafür muss sich auch in den Köpfen der Menschen einiges ändern. Wir müssen begreifen, dass Menschen Menschen sind. Ohne Unterschiede und ohne Wertigkeit. Dafür müssen wir viel mehr im Bildungssektor tun. Es muss auf der emotionalen Ebene gebildet werden, damit alle endlich begreifen: Es ist egal, wo du geboren bist oder wo du lebst und dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat. Nicht nur in Europa, sondern überall.

G: Was mich auch immer schockiert, ist zu sehen, wie viel Aufwand betrieben wird, etwas zu verhindern, was nicht zu verhindern ist. Migration verschwindet nicht, wenn du dich abschottest. Das wissen auch alle Politiker*innen. Mit dem ganzen Geld, das zum Beispiel für eine Fake-Küstenwache in Libyen verschwendet wird, hätte viel Sinnvolles gemacht werden können.

Ihr zeigt, wie politischer Aktivismus auch ohne Erfahrung laufen kann. Was können Menschen tun, denen dieses Thema auch am Herzen liegt, die aber bislang noch nicht aktiv wurden?
B: Am Ende das gleiche wie wir. Sie können auch auf so eine verrückte Idee kommen und die dann umsetzen. Wenn wir das können, kann es jeder. Man braucht keine besonderen Fähigkeiten, man muss kein Profi oder Seemann sein. Klar ist so ein Projekt eine große Herausforderung, aber es ist keine große Kunst. Auch wer keine Kohle hat kann etwas Sinnvolles machen. Am Ende ist es aber egal was du machst. Ob es Integrationsarbeit hier vor der Haustür oder ob es das Veranstalten einer Demo ist. Wenn man eine gute Idee hat und sie umsetzen kann, muss man es einfach machen.

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