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Wohnungslosigkeit in Zeiten von Corona

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Die eigenen vier Wände fühlen sich immer bedrückender an. Abermals wird appelliert: ,,Zu Hause bleiben, um sich und andere zu schützen’’ – doch was, wenn es kein Zuhause gibt?

Von Anne Zerban

Die Organisationen, die wohnungslosen Personen im Winter Aufenthaltsorte zum Aufwärmen, warme Mahlzeiten und ein Weihnachtsfest in Gesellschaft anbieten und ermöglichen, stehen grade vor vielen Herausforderungen. Denn auch dort müssen die vorgegebenen Hygieneregelungen eingehalten werden. Die in der Kälteperiode ohnehin knappen Ressourcen müssen durch die Pandemie noch weiter eingeschränkt werden.

Empfindliche Unterschiede zum vergangenen Jahr
Die Essensausgabe wird auf einen längeren Zeitraum erstreckt. Es wird in Etappen gegessen, um trotz des begrenzten Einlasses so vielen Menschen wie möglich den Zugriff auf eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Doch es gibt auch Einrichtungen, in denen die gebotenen Räumlichkeiten nicht ausreichen und die Essensausgabe nur in Form von Essens-Paketen stattfinden kann. Die Anzahl der regulären Schlafplätze bleibt aufrecht erhalten. Was wegfallen wird, ist die Möglichkeit, zusätzliche Notfall-Schlafmöglichkeiten anzubieten, in Form von Zusatz-Betten oder Isomatten in den Aufenthaltsräumen. Natürlich wäre es gut, die Betten zu reduzieren, um das Infektionsrisiko zu senken, doch dafür ist die Nachfrage zu groß. Hoffnung wird in die im Dezember kommenden zusätzlichen Schlafcontainer gesetzt, in denen dieses Jahr aber nur drei anstatt vier Personen schlafen können. Auch bei der psychologischen Beratung fällt ein wichtiger Teil weg: das übliche Händeschütteln oder ein ermutigender Klopfer auf die Schulter. Da wohnungslose Personen im Alltag sehr oft zurückgewiesen werden, können diese kleinen zwischenmenschlichen Gesten schon viel bewirken. Doch auch hier muss die Sicherheitsdistanz bewahrt werden. Viele Organisationen und Vereine dürfen keine Sachspenden mehr annehmen, da es ein Zutrittsverbot für fremde Personen auf dem Gelände gibt. Dies bedeutet wiederum, dass auch die Ausstattung von warmer Winterkleidung stark erschwert wird. Die Aufenthaltsorte, um sich tagsüber aufzuwärmen, sind nur für einen Zeitraum von höchstens eineinhalb Stunden pro Person zugelassen. Zudem müssen Orte wie die Teestube geschlossen bleiben. Besonders schwer ist es auch für Wohnungslose, die vom Betteln leben. Die Städte sind leerer und viele Menschen vermeiden jeglichen Kontakt zu fremden Leuten.

Gesundheitliche Probleme als zusätzliches Risiko
Nicht zu vergessen ist, dass viele Menschen durch Suchtprobleme und dem Leben auf der Straße zur Risikogruppe gehören. Für Betroffene ist die Grippewelle jedes Jahr eine erneute Gefahr. In Gonsenheim wird deswegen für besonders gefährdete Personen ein Haus zur Verfügung gestellt, in dem in erster Linie die Risikopatient*innen in Einzelzimmern unterkommen können. Die meisten wohnungslosen Personen sind versichert. Jedoch gibt es auch eine Gruppe von Menschen, die noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II erworben hat. Diese Personen haben dadurch kein Recht auf irgendwelche Sozialleistungen in Deutschland. Hier können auch die Organisationen wenig zielgerichtet helfen, außer für kurze Zeit ein Dach über dem Kopf anzubieten. Viele der Personen stammen aus Osteuropa. Für sie ist das Leben in Deutschland auf der Straße sicherer, als zurück in ihr Heimatland zu gehen. Problem ist, es ist schwer, diese Personen zu erreichen. Hier kann eine Infektion sehr gefährlich werden, weil sie keine Krankenversicherung haben. Hierbei sind Spenden die Rettung, um die ärztliche Hilfe zu bezahlen.

Ja zum Weihnachtsfest – aber verkürzt
Das Fest wird dieses Jahr schon mittags stattfinden und in drei Etappen aufgeteilt. Nacheinander werden jeweils Gruppen von 20 Personen ein eineinhalbstündiges Weihnachtsfest feiern, dazu gehören eine warme Mahlzeit, ein Gottesdienst und die Gesellschaft der anderen. Normalerweise dürfen ebenso ehemalige Bewohner kommen, doch dies ist dieses Jahr leider nicht möglich. Auch das Singen beim Gottesdienst fällt weg. Es gibt viele Umwege dieses Jahr, aber wer Lust bekommen hat, etwas Sinnvolles zu machen, findet in unseren weiteren Artikeln in dieser Ausgabe alternative Geschenkideen.

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