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Gesellschaft

Mit dem Arztmobil in die Politik

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Gerhard Trabert setzt sich seit Jahren für Wohnungslose und Menschen in Not ein. Gerade aus nationalen und internationalen Krisengebieten zurückgekehrt, spricht er im Interview über seine Kandidatur als Parteiloser für die Bundestagswahl.

Interview Tom Albiez

STUZ: Herr Trabert, Sie kandidieren als Parteiloser für das Direktmandat im Wahlkreis Mainz. Wie kam es dazu, dass Sie nun in die Politik streben?
Gerhard Trabert: Mich hat Herr Tupac Orellana von den Linken gefragt, ob ich auf den Direktplatz kandidieren möchte. Da habe ich lange überlegt. Eins stand für mich fest: Ich bin in keiner Partei und mache keinen Wahlkampf für eine Partei. Wenn dann wollte ich mich für meine Themen, wie die Armutsbekämpfung, parteilos einsetzen. Ich gebe zu, dass ich dabei ein Stück weit auch Sorge um den Verein Armut und Gesundheit habe. Die Gefahr besteht, dass der Verein in eine bestimmte politische Ecke gedrängt wird, auch wenn ich „nur“ als Parteiloser kandidiere. Allerdings sehe ich die Kandidatur als Chance an, um Lobbyist für diejenigen zu sein, die in unserer Gesellschaft zu wenig Gehör finden.

Ist das der Grund für Ihre Parteilosigkeit? Dass Sie mit Ihrem Verein möglichst viele Menschen erreichen wollen?
Das ist auf jeden Fall ein Aspekt, allerdings hat es auch tiefergehende Gründe. Ich bin sehr stark durch meinen Vater geprägt, der Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen ist. Die Parteien haben auf dem Weg zur Diktatur überwiegend eine dubiose Rolle gespielt. Außerdem habe ich als junger Mensch die Erfahrung gemacht, dass Parteien sehr eng sind. Parteien sind häufig nicht in der Lage, einen guten Vorschlag einer anderen Partei als gut zu bezeichnen. Dieses Schubladendenken ist nichts für mich. Wenn Sie so wollen, bin ich ein linker, grüner, in Teilen sozialdemokratischer parteiloser Kandidat. Ich habe aber auch keine Probleme zu sagen, dass der CSU-Entwicklungsminister eine gute Arbeit macht. Ich bin überzeugter Parteiloser.

Sie waren zuletzt in Ahrweiler und bei einem Rettungseinsatz für Geflüchtete im Mittelmeer dabei. Was haben Sie da erlebt?
Ich war eine Woche vor dem Einsatz im Mittelmeer mit meinem Arztmobil im Hochwassergebiet in Ahrweiler und habe vor Ort dieses Leid und diese Not gesehen. Das war für mich eine neue Erfahrung. Sonst fliege ich immer Stunden, bis ich in so einem Katastrophengebiet bin. Nun war es gerade zwei Autostunden für mich entfernt. Der Einsatz im Mittelmeer war dieses Mal für mich sehr hart, da wir, die zivile Seenothilfsorganisation ResQship, von einem in den nächsten Hilfseinsatz geschlittert sind. Am Anfang haben wir ein leeres Flüchtlingsboot gefunden. Hier ist davon auszugehen, dass die libysche Küstenwache die Menschen wieder nach Libyen zurückgebracht hat. Dort sind sie Misshandlungen ausgesetzt und müssen jahrelang arbeiten, um wieder das Geld für eine Überfahrt zusammen zu haben. Dann waren wir mit der Sea-Watch 3 bei einem gesunkenen Schiff vor Ort. Wir haben die Menschen aus dem Wasser gezogen, die kurz vor dem Ertrinken waren. Das sind Bilder, die man nie vergisst. Vor allem, weil keine Rettung sonst unterwegs war. Niemand! Obwohl das schon vor Stunden bekannt war und in der Nähe Gasbohrinseln sind. Wir haben aber auch bei einer anderen Notsituation eine sehr kooperative italienische Küstenwache erlebt. Mitten in der Nacht war bei einem Seegang von 2-3 Meter Wellen der Motor eines Bootes mit 110 Menschen an Bord ausgefallen. Wir haben die Menschen über Stunden begleitet, bis die italienische Küstenwache sie rettete. Von einem Flüchtlingsboot, von dem die Leute aus Panik ins Wasser sprangen, musste ich einen völlig erschöpften jungen Mann reanimieren. Wir haben Menschen gesehen, die 36 Stunden lang in ihrer Nussschale auf dem Mittelmeer unterwegs waren. Wir waren die ersten, die geholfen haben, obwohl wir eine Anfahrt von 8 Stunden hatten.

Welche Ihrer persönlichen Erfahrungen aus Krisengebieten nehmen Sie mit in den Wahlkampf?
Was die Situation im Mittelmeer angeht, dass die zivile Seenotrettung nicht weiter kriminalisiert werden darf. Es muss ein europäisches Seenotrettungskonzept her und die Ursachen für Fluchtbewegungen müssen bekämpft werden. Und wenn nicht alle europäischen Staaten mitmachen, dann müssen die Europäer das umsetzen, die das Menschenrecht auf Flucht vor Krieg, Not und Leid bewahren wollen. Ein deutscher Verteidigungsminister hat mal gesagt, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird. Ich würde sagen, dass im Mittelmeer die Werte unserer Demokratie verteidigt werden. Es ist unsere soziale Verantwortung, für Menschen in Not da zu sein.

Zu Ihren Forderungen gehört auch mehr Klimaschutz. Was bedeutet das für Sie?
Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit sind für mich die beiden großen sozialen Themen in der Gegenwart. Und beides gehört zusammen. Viele flüchten, weil es eben diesen Klimawandel gibt. Wir hatten letztes Jahr die größten Dürreperioden. Wir haben jetzt in Europa seit Beginn der Aufzeichnungen den heißesten Juli. Aber mir ist auch klar, dass es auf diesem Gebiet bestimmt größere Experten als mich gibt. Deswegen habe ich kein Problem, mich der Kompetenz und den Forderungen von Umweltschutzorganisationen und Bewegungen wie Fridays for Future anzuschließen.

Was sind weitere wichtige politische Forderungen von Ihnen?
In Puncto soziale Gerechtigkeit brauchen wir definitiv Reformen wie zum Beispiel eine Bürgerversicherung, also eine Krankenversicherung für alle. Ich sehe immer wieder, wie viele Menschen nicht krankenversichert sind. Außerdem müssen die Eigenbeteiligungen von Empfängern von Transferleistungen zurückgefahren werden, bei gleichzeitiger Erhöhung des Hartz-IV-Satzes um mindestens 150 Euro. Es kann nicht sein, dass ich als Empfänger von Sozialleistungen für mein fünfjähriges Kind nicht mal drei Euro pro Tag für Frühstück, Mittagessen und Abendessen zur Verfügung habe. Auch Brillen muss es wieder von den Krankenkassen finanziert geben. Ich erlebe hierbei immer wieder, wie weit die etablierte Politik von der Lebensrealität vieler Bürger entfernt ist.

Wie fallen die ersten Reaktionen auf Ihre Kandidatur aus?
Überwiegend positiv. Ich hatte da mehr Angst, dass ich in eine bestimmte Ecke gedrängt werde. Manchmal wird von verschiedenen Medien Gerhard Trabert und dahinter in Klammern „Die Linke“ geschrieben. Das ärgert mich, denn das ist nicht so. Aber ich bin heute beispielsweise wieder mit dem Arztmobil durch die Stadt gefahren und eine Frau hat mir entgegengerufen: „Ah, Dr. Trabert, ich wähle Sie! Ich finde das toll, was Sie machen und dass Sie sogar als ein Meenzer hier für den Bundestag kandidieren.“ Das erlebe ich häufig, dass ich so ein positives Feedback bekomme.

Was liegt Ihnen politisch am Herzen, was Ihren Wahlkreis betrifft?
Was hier diese Region angeht, darf es keine weiteren Schließungen von Krankenhäusern geben. Das Krankenhaus in Ingelheim war absolut intakt, hatte hohe Belegungszahlen und wurde dennoch geschlossen. Dabei braucht es eine ortsnahe stationäre Krankenversorgung. Solche Maßnahmen treffen vor allem Menschen mit wenigen finanziellen Ressourcen. Außerdem würde ich mich für kostenlose Sozialtickets im ÖPNV einsetzen. Empfänger von Transferleistungen können sich bereits vorhandene vergünstigte Angebote meist nicht leisten. Dabei ist Mobilität etwas ganz Entscheidendes, um wieder teilhaben zu können. Und natürlich würde ich mich ganz konkret für Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit einsetzen.

Wie planen Sie das Bundestagsmandat und Ihre zahlreichen ehrenamtlichen Hilfstätigkeiten unter einen Hut zu bekommen?
Viele Politiker sind in irgendwelchen Aufsichtsräten, ich werde dann halt im Arztmobil weiterfahren. Aber natürlich kann ich das dann nicht mehr in dem bisherigen Umfang leisten. Außerdem wird mich unabhängig von meiner Kandidatur ab September ein neuer Arzt im Verein Armut und Gesundheit unterstützen. Auf jeden Fall möchte ich die Basis zu den Menschen weiter aufrechterhalten. Insbesondere die wohnungslosen Menschen liegen mir am Herzen.

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