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Gesellschaft

Klein & Kariert

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Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Quatsch! Vor allem vermeintliche Nebensächlichkeiten würzen die Suppe des Lebens und bieten hervorragenden Diskussionsstoff für spitzfindige Dickköpfe. Diesmal stellen wir die Frage: Fensterputzen – ja oder nein?

von Myriam Neureuther und Julius Ferber.

Pro

Eine Taube knallt gegen mein Fenster und fällt tot ins nichts. Kurz sehe ich noch, wie ihr Körper durch das Glas erleuchtet wird, dann entreißt die Schwerkraft sie meinem Blickfeld. Ich blinzle und schaue zurück auf das Buch, aus dem das Geräusch mich jäh hat aufschrecken lassen. Dann wieder zurück zum Fenster: Ein großer Fleck prangt auf der sonst schlierenfreien Scheibe. Ärgerlich. Und jaja, arme Taube. Der offensichtlichste Vorzug eines sauberen Fensters: Man kann hindurchschauen. Je besser geputzt ist, desto früher sieht man, wer mit seinem Besuch droht. Durch eine vor Dreck strotzende Scheibe lässt sich schwerlich ausmachen, ob es sich um gern gesehene Gäste handelt oder um den lohngedumpten Paketboten, der die verhassten Bestellungen der gesamten Nachbarschaft bei mir loswerden will. Öffne ich die Tür dann doch mal jemandem, kann ein unverschleierter Ausblick davon überzeugen, dass ich mein Leben EIGENTLICH unter Kontrolle habe. Außerdem: Was sonst sollte ich mit den ganzen Zeitungen anfangen, die ungelesen, weil „keine Zeit“, ein Schattendasein auf dem Wohnzimmertisch fristen? Wie bei Großmutter gelernt werden die Print-Kadaver also wöchentlich geschändet bis es blitzt.

Contra

Fensterputzen ist absoluter Quatsch und einfach nicht mehr zeitgemäß. Ungeputzte Fenster haben nur Vorteile! Die neugierigen Nachbarn von gegenüber können nicht in die Wohnung lunzen und es wird dank einer natürlichen Sonnenschutzschicht morgens nicht so früh hell. Wenn die Eltern unangekündigt zu Besuch kommen, werden sie vom Anblick der schmutzigen Fenster so gebannt sein, dass sie den leeren Bierdosen keine Beachtung schenken, die sich in der Ecke stapeln. Über den Schock der schmutzigen Fenster werden sie außerdem vergessen, Fragen zu stellen wie „wann bist du denn eigentlich fertig mit dem Bachelor“ oder „wie läuft es in der Liebe“. Vielleicht hat man sogar ganz großes Glück und mit der Zeit entsteht eine neue Lebensform an der Scheibe, die man wie in einem persönlichen Terrarium beobachten und später für viel Geld an die Forschung verkaufen kann. Oder ein wohlhabender Kunstsammler entdeckt die beeindruckenden Muster auf eurer Scheibe und kauft sie euch ab. Davon könnt ihr euch dann eine neue, saubere Scheibe kaufen und den ganzen Prozess von vorne beginnen. Im Vergleich dazu wäre Fensterputzen wirklich reine Zeitverschwendung.

Illustration: Leon Scheich

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