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Tiere

Die Grabschänder vom Sonnenberg

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Türe vor der Haustür, Teil 26: Das Wildschwein

von Konstantin Mahlow

Wiesbaden ist eine geplagte Stadt. Das liegt nicht nur am unmenschlichen Verkehr oder der zuweilen dünnen Kulturauswahl, sondern hat auch tierische Gründe: Umgeben von den dunklen Wäldern des Taunus und gesegnet mit auslaufenden Parks und Friedhöfen, ist die Landeshauptstadt zu einem wahren Kurort für Wildscheine geworden. Doch wer jetzt denkt, wild umherlaufendes Biofleisch aus der Region bringt erst mal nur Vorteile, irrt gewaltig. Ausgewachsene Wildschweine sind eine wahre Naturgewalt, die nicht nur der Landwirtschaft gefährlich werden können. Die im Jägerjargon Schwarzkittel genannten Tiere dringen immer weiter in die Innenstadt und hinterlassen dabei nicht selten eine deutlich sichtbare Schneise der Verwüstung. Weshalb in Wiesbaden fernab von echter Natur längst auf die Pirsch gegangen wird.

Wildschweine gab es im Taunus schon immer, doch die Besuche in menschlichen Siedlungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Berichtete zunächst der Wiesbadener Kurier über eine stetig wachsende Population der wilden Schweine auf dem Sonnenberg, konnten kurze Zeit später auch die Chefredakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Neue Presse ihre Augen nicht mehr vor den allesfressenden Raufbolden verschließen. Und während der Kurier noch überwiegend sachlich über eine marodierende Rotte auf dem Friedhof Sonnenberg und die Frage nach den entstandenen Kosten informierte, wurde überregional der Ton borstiger und immer öfter die Forderungen nach Konsequenzen laut. Heute werden sage und schreibe über 800 Wildscheine im Jahr nur im Wiesbadener Stadtgebiet erlegt. Ihr Vergehen: Auf Ackerflächen und in Schrebergärten toben sie sich auf der Nahrungssuche nach Belieben aus, dazu sind sie perfiderweise besonders vernarrt in frische Blumen und schwarze, insektenreiche Erde, wie sie auf Grabanlagen häufig zu finden ist. Rücksicht vor der Totenruhe ist ihnen fremd.

Ein medialer Höhepunkt ereignete sich im Herbst 2019, als zwanzig scheinbar orientierungslose Wildscheine, im Zusammenschluss Rotte genannt, durch die Wiesbadener Innenstadt liefen, für zahlreiche Youtube-Videos sorgten und der überforderten Polizei auch noch über den Kurpark entkamen. Doch was sind Wildschweine überhaupt, und was haben sie in unseren Städten zu suchen? Tatsächlich sind die Tiere genau das, was man vermutet, nämlich die Wildform unserer domestizierten Hausschweine. Einst waren sie strikte Waldbewohner, am liebsten in der Nähe von Gewässern, doch verschiedene Faktoren haben sie in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu Kulturfolgern und schließlich zu Stadtbewohnern gemacht. Zum einen profitieren sie massiv vom Fehlen größerer Raubtiere, zum anderen sorgen der verstärkte Anbau von Mais, der Verlust natürlicher Lebensräume und die zunehmend milderen Winter für ideale Lebensbedingungen in Siedlungsnähe. Hier finden sie Nahrung in Form von Fallobst, Gartenabfällen, Komposthaufen, Aas und Würmern im Überfluss. Wenn man so will, eine menschengemachte Schweinerei also.

Dabei wäre es zu schade, sollten Bache und Keiler nur noch als Plage und Schädling wahrgenommen werden. Ist es nicht eine romantische Vorstellung, dass die Urahnen unserer millionenfach getöteten und verspeisten Hausschweine, die von uns respektlos wie kaum ein anderes Lebewesen behandelt werden, in ihrer beeindruckenden Größe und Wildheit uns genau das vor der Natur lehren – Respekt? Selbst im dicht besiedelten Mitteleuropa können ausgewachsene Keiler, eine Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 170 Zentimeter und ein Gewicht von rund 200 Kilo erreichen. Da drängt sich die Frage nach der Gefahr für Mensch und Hund auf. Diese ist am höchsten, wenn die Bachen mit ihren Frischlingen unterwegs sind. Sonst sind die Tiere überwiegend friedlich, scheuen Menschen und sind höchstens im Straßenverkehr eine Gefahr.

Doch gegenüber Ackerflächen, Maisfeldern und Blumenbeeten verhalten sich Wildschweine nun mal keineswegs zimperlich und dürften auch noch in Zukunft für Gesprächsstoff sorgen. Ganz besonders in Wiesbaden, wo die wachsende Population dank der zahlreichen Waldflächen im Gegensatz zum Mainzer Raum immer weiter Richtung Innenstadt vordringt. In den zuständigen Ortsbeiräten wachsen die Sorgen jedenfalls genauso wie der Unmut auf die zuständigen Ämter. Die verteilen laut Anwohnern und Beiratsmitgliedern nur allzu optimistisch die Empfehlung, betroffene Gärten müssten einfach mit stabilen Zäunen abgesichert werden. Man darf also gespannt sein, ob und wie sich die Schwarzkittel in den nächsten Jahren in der Wiesbadener Stadtfauna etablieren. Und wie viele Friedhöfe sie bis dahin auf dem Gewissen haben werden.

Foto: Danny Kroon

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