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Gesellschaft

Klein und Kariert #7

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Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Quatsch! Über vermeintliche Nebensächlichkeiten können wir diskutieren, bis der Tee kalt wird. Aber, welcher Tee darf es sein – ist Früchtetee ein Go-To, oder ein No-Go?

von Malina Bechtel und Myriam Neureuther.

Vor dem Fenster ist es seit Wochen ähnlich grau wie die Gedanken in meinem Kopf. Die Frage danach, wann ich das letzte Mal frei durch die Nase atmen konnte, wird von dem röchelnden Husten meiner Mitbewohner:innen überschattet. Mein Lichtblick: die dampfend rote Flüssigkeit in meiner Tasse vor mir. Schließe ich die Augen, rieche ich eine Mischung aus Ananas und Erdbeer-Sahne. Die Teeindustrie hat wie immer keine Kombination außer Acht gelassen und lässt mich in Erinnerungen an warme Tage und überteuerte Cocktails schwelgen. Die bunte Vielfalt der Tee-Fruchtkombinationen trotzt dem Geschwurbel aus Winter-Depression und Kälte. Diversität wird also auch in der Teeindustrie großgeschrieben, für jeden Geschmack ist etwas dabei und für eine kurze Zeit, über einer Tasse Früchtetee, können gemeinschaftlich die Unterschiedlichkeiten in der Welt zelebriert werden. Und wenn dein Tee-Regal ein intensiveres Liebesleben hat als du und voll ist mit „Sweet Kiss“ oder „Heiße Liebe“, weißt du, du hast alles richtig gemacht und dein Leben im Griff. Aber mal abgesehen von der Erinnerung an verpasste heiße Nächte, bringt der Früchtetee alles, was man braucht. Im Winter wird er dich durch den fabelhaften fruchtigen Geruch zurück an den Strand bringen – die Wärme, die man im Sommer von der Sonne bekommt, bekommt man im Winter von heißem Früchtetee. Im Sommer kann man den fruchtigen Tee in freudiger Erwartung kalt werden lassen – und wie jeder weiß, ist Vorfreude die schönste Freude.

Zwei Gerüche durchseuchen im Winter die Räume: der stechende Geruch frisch geschälter Mandarinen, die mit Spritzmitteln vollgepumpt nach einem langen Weg aus Spanien hier in einer cremebefeuchteten Hand ihr Ende finden; und der künstliche Heidelbeer-Muffin-Vanille- Schneekugel-Geruch, der 5 Meter entfernt aus einer Tasse dampft und den ganzen Raum benebelt. Früchte gehören in Smoothies, in Eis, in Saft, aber was haben sie in Tee verloren? Und wenn ich einen Strawberry- Cheesecake will, warum dann nicht einfach einen Kuchen essen, anstatt eine wilde chemische Zusammensetzung als Tee zu bezeichnen? Um dem eisigen Winter und seinen Gefahren für physisches und psychisches Wohlbefinden zu trotzen, setze ich auf altbewährte Rezepturen. Ich fühle mich wie eine weise Kräuterhexe, wenn ich frische Minze in dampfendes Wasser lege und dabei zusehe, wie sie die Flüssigkeit langsam färbt und mit ihren natürlichen Aromen bereichert. Minze erfrischt die Atemwege, Kamille hemmt Entzündungen, Zitronengras sorgt für gute Verdauung. Für jedes Leiden hält die Hexenküche das passende Kraut bereit. Früher wurden die Menschen für dieses Wissen auf den Scheiterhaufen geworfen und wir können es bedenkenlos vor einer lauschig flackernden Kerze genießen. Doch nicht nur das: Kräutertee schmeckt nach Ruhe, nach Wärme, nach Gesundheit, nach zuhause. Mit einem Löffel Honig schmeichelt das Gebräu nicht nur dem Rachen, sondern wärmt auch die Seele. Und das können wir doch in diesen grauen Tagen alle gebrauchen.

Illustration: Leon Scheich

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