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Verhasst und verstoßen

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Was kreucht und fleucht im STUZ-Gebiet? Wilde Tiere vor der Haustür, Teil 27: Die Straßentaube

von Konstantin Mahlow

Sie werden verachtend „Ratten der Lüfte“ genannt und stehen auf der Skala der unbeliebtesten Tiere bei vielen Menschen ganz weit oben: Straßentauben oder Stadttauben sind wie nervige Arbeitskollegen, denen man zwar aus dem Weg geht, aber die doch irgendwie immer da sind. Zu viel Dreck, zu viel Kot, zu viele Nester auf dem Balkon oder an der Hausfassade sind die üblichen Vorwürfe. Dazu noch der teils elendige Anblick, wenn die Vögel mit verkrüppelten Zehen über den Bahnhofsplatz wackeln. Da hilft es in der Regel auch nicht, wenn Mensch zu Hause einem Hund oder einem Goldfisch ein sicheres Domizil schenkt – das Mitgefühl lässt sich für die meisten nur schwer auf die Tauben vom Hausdach übertragen, die schon wieder den Fenstersims vollgekackt haben. Doch die Tiere können dafür am wenigsten, ganz im Gegenteil: Eigentlich bleiben sie nur in der Nähe ihrer ehemaligen Herren, von denen sie heute mehrheitlich ignoriert werden.

Denn es ist nun mal ein herzergreifender Fakt, das Straßentauben nichts anderes als verwilderte Haustiere sind – also genauso wie die wilden Hunde auf Ibiza oder die streunenden Katzen auf Rhodos, die man nur allzu gerne aus dem Urlaub mit nach Hause nehmen würde. Sie stammen vermutlich von Haus- und Brieftauben ab, die schon seit Jahrtausenden von Menschen gezüchtet werden. Über die Zeit ist es zu einer selbstständigen Rückverwilderung gekommen, weshalb die Straßentaube in der Zoologie als „Pariaform“ gilt. Heute leben sie praktisch in allen Städten der Welt, von Helsinki bis Auckland. Und natürlich auch zu Genüge im STUZ-Gebiet, wobei ihre genaue Zahl hier nur geschätzt werden kann. Die geselligen Tauben leben monogam und brüten in der warmen Urbanität das ganze Jahr über. Der Bestand bleibt so konstant hoch.

Warum aber bleiben die rückverwilderten Tauben in der Nähe des Menschen und suchen nicht das Weite? Wohl vor allem wegen ihres genetischen Backgrounds: Brieftauben stammen von der Felsentaube (Columba livia) ab. Die Wildform unserer gurrenden Nachbarn lebt an Felsküsten und Höhlen im Mittelmeerraum und Großbritannien und gilt sogar als leicht gefährdet. Für ihre Nachfahren sind die dicht bebauten Ballungsräume der perfekte Lebensraumersatz, weshalb sie auch noch inmitten vegetationsloser Innenstädte häufig vorkommen. Auf Bäumen brüten sie dagegen nur in Ausnahmefällen. Eigentlich sind sie, wie ihre wilden Verwandten, Körner- und Samenfresser, die regelmäßig die Stadt verlassen, um auf den anliegenden Äckern nach Nahrung zu suchen. Oder sie bleiben in der City, wo sie sich auch an Abfällen bedienen oder, deutlich seltener, von freundlich gesinnten Tierfreuden artgerecht gefüttert werden.

Doch das Leben in der Stadt ist kein Zuckerschlecken: Besonders im Winter wird das Futter knapp, die Tiere fressen in ihrer Verzweiflung beinahe alles. Können sie bei artgerechter Pflege stolze 25 Jahre alt werden, schaffen es viele der Stadttauben nicht einmal bis zu ihrem dritten Weihnachten. Allerdings ist in der Stadt auch der Standort für die Gesundheit der Tiere entscheidend. So sind die Tauben am Mainzer Feldbergplatz, die dort regelmäßig mit Körnern gefüttert werden, in sichtbar besserer Kondition als ihre Verwandten am Hauptbahnhof. Ein Problem ist die wahllose Gewalt gegenüber Straßentauben, die oft auf wenige Zentimeter an Menschen herankommen und bei entsprechender Überzeugungskunst auch schnell auf dem Arm sitzen. Dazu kommt eine ganze Liste diverser Krankheiten und Parasiten, von denen einige auch auf den Menschen übertragbar sind, die aber meistens ungefährlich sind und wovon in der Regel nur Personen mit engem und regelmäßigem Kontakt zu den Tieren betroffen sind. Bekannt ist etwa die „Taubenhalterlunge“, eine allergische Reaktion auf das häufige Einatmen von Stäuben aus Vogelkot und Federn.

Es geht ihnen also nicht besonders gut, und es wird nicht besser, wenn man sie auf der Straße mit einem Tritt wegscheucht oder eine brütende Mutter im Blumentopf bis zum Nervenzusammenbruch stresst. Letztendlich sind sie sich selbst überlassene Haustiere, mit denen man nicht befreundet sein muss, um ihnen das gleiche Mitgefühl wie anderen Lebewesen zu geben. Doch sie haben auch Unterstützer: Die „Stadttaubenhilfe Mainz Wiesbaden“ zum Beispiel, bei der man Rat im Umgang mit Tauben bekommt. Verletzten Tieren kann man helfen, statt sie zu ignorieren und gegebenenfalls sterben zu lassen. Man kann die Brut erdulden, bis die Küken flügge sind, und dann erst den Standort abweisend gestalten. Man kann sogar ein paar Körner in der Tasche dabeihaben, damit die Straßentauben nicht ausschließlich von unserem Müll leben müssen.

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